Unternehmen Ausplündern oder langfristig investieren: Was Firmenkäufer aus China wollen

Zahlreiche deutsche Mittelständler stehen auf der Wunschliste von chinesischen Investoren für Firmenübernahmen. Aber welches Ziel verfolgen sie? Sind sie vor allem am Know-how deutscher Unternehmen interessiert - oder haben sie ganz andere Motive? Rechtsanwalt Rudolf Haas berät Investoren aus der Volksrepublik - und weiß, was die Asiaten wollen.

impulse: Herr Haas, in den vergangenen Jahren ist eine ganze Reihe von Mittelständlern von chinesischen Investoren übernommen worden: der schwäbische Betonpumpenhersteller Putzmeister, der Gabelstablerbauer Kion. Auch Autozulieferer wie Preh, Sellner, Saargummi oder Kiekert sind mittlerweile chinesisch. Sind Chinesen auf Einkaufstour in Deutschland?

Rudolf Haas: Es gibt ein sehr ausgeprägtes Interesse seitens chinesischer Investoren, deutsche Firmen zu übernehmen. Die Parteiführung in China unterstützt diese Pläne. Im aktuellen Fünf-Jahres-Plan der Regierung ist ein Wachstum durch Übernahmen und Zusammenschlüsse in Deutschland und anderen Ländern ausdrücklich vorgesehen.

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Welches Ziel verfolgen die Investoren mit der Übernahme deutscher Firmen?

Sehr häufig ist das Ziel, die eigene Produktpalette abzurunden, häufig auch nach oben hin, oder bestimmte Komponenten in die eigenen Produkte zu integrieren. Eine Rolle spielen natürlich auch der Kundenzugang sowie die Nutzung von Vertriebskanälen hier in Europa für die chinesischen Produkte. Häufig besteht auch die Hoffnung, mit einer deutschen Premium-Marke als Teil der Produktpalette sämtliche eigene Produkte weltweit besser vermarkten zu können.

Viele Mittelständler sind misstrauisch gegenüber Investoren aus China und befürchten einen Technologieklau oder dass das eigene Know-how ausgeschlachtet werden könnte. Wie schätzen Sie das ein?

Das mag in Einzelfällen so sein, und man muss natürlich auch sehen, wie sich das langfristig entwickelt. Aber in den Fällen, die wir im Moment beobachten, gibt es dafür eigentlich keine Anzeichen. Das Auftreten der chinesischen Käufer hat sich im Vergleich zu den Anfangszeiten verändert. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass es nicht sonderlich gut funktioniert, die Patente mitzunehmen, die Produktionen hierzulande abzubauen und in China wieder aufzubauen. Man hört das eigentlich praktisch gar nicht mehr als Plan – und es passiert auch nicht schleichend nach Abschluss der Transaktion.

Für deutsche Unternehmen, die in China investieren wollen, gilt bisher meist die Vorgabe, ein Joint-Venture mit einer Firma aus der Volksrepublik zu gründen – auch damit chinesische Unternehmen vom deutschen Know-how profitieren und lernen. Das Interesse an deutschem Know-how ist also groß…

Es gibt schon ein Interesse an dem Know-how. Aber es ist eben kein Interesse daran, es als Status Quo mitzunehmen und den Betrieb hierzulande zuzumachen. Die Käufer wollen langfristig von dem in Deutschland kontinuierlich weiterentwickelten Wissen profitieren.

Welcher Investoren-Typ ist derzeit häufiger: Finanzinvestoren oder strategische Investoren?

Bei den jüngsten Transaktionen sind die Finanzinvestoren eher die Ausnahme. In der Regel sind es strategische Käufer, die in der Branche selbst auch aktiv sind.

Welchen Unterschied sehen Sie zwischen Investoren aus China und klassischen Finanzinvestoren?

Einer der großen Unterschiede besteht darin, dass Investoren aus China in der Regel strategische Investoren sind, die das Produkt kennen. Gerade wenn der Verkäufer das Unternehmen basierend auf einer Produktidee selbst gegründet hat, findet er in einem chinesischen Investor oft jemanden, mit dem er im Detail über seine Produkte reden kann, weil die Käufer aus derselben Branche stammen. Die Verständigung ist zwar auch dann bisweilen schwierig, weil beide in einer Fremdsprache operieren müssen. Aber es fällt manchem Unternehmer leichter, in einer fremden Sprache über das bekannte und geliebte Produkt zu reden, als mit einem deutschen Private-Equity-Käufer über EBITDA-Margen oder andere Finanzkennzahlen.

Viele deutsche Käufer schätzen an den Chinesen, dass sie dieses Interesse am Produkt und an der Technologie haben; darin sehen sie auch eine gewisse Garantie für das Fortbestehen des Unternehmens. Selbst Betriebsräte sind inzwischen sehr offen gegenüber chinesischen Käufern – nach einigen positiven Erfahrungen.

Welche Branchen stehen im Fokus?

Das Interesse an Unternehmen aus dem Maschinenbau ist besonders groß. Auch Automobilzulieferer sind sehr häufig im Gespräch. Dabei spielt eine Rolle, dass die deutschen Automobilzulieferer einen sehr guten Zugang zu den großen Herstellern haben und sich chinesische Hersteller erhoffen, an einen Vertrag mit einem der großen Automobilhersteller heranzukommen und auch als möglicher Lieferant wahrgenommen zu werden. Auch der ganze Bereich um die erneuerbaren Energien steht noch im Fokus.

Wollen Investoren aus China Unternehmen komplett übernehmen oder begnügen sie sich auch mit einer Minderheitsbeteiligung?

Minderheitsbeteiligungen sind eher die Ausnahme. Das gibt es ab und zu bei sehr großen Käufern, die versuchen, einen kleinen strategischen Anteil an großen und in der Regel auch börsennotierten Unternehmen zu erwerben, wie zum Beispiel beim Einstieg von Weichai Power bei Gabelstaplerbauer Kion. Der Normalfall ist der Erwerb einer Mehrheit, häufig auch der vollständige Erwerb.

Welche Vorteile chinesische Investoren seiner Ansicht nach bieten und welche Risiken er sieht, lesen Sie im zweiten Teil des Interviews mit Rudolf Haas am kommenden Dienstag (17. Juni).

Rudolf Haas
Zur Person:
Rudolf Haas ist Rechtsanwalt und Partner im Frankfurter Büro der renommierten Kanzlei Latham & Watkins und betreut unter anderem chinesische und deutsche Unternehmen bei grenzüberschreitenden Übernahmen.

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