Branchen und Märkte „Banken müssen wieder lernen, ihren Kunden zu dienen“

Mit Slogans wie diesem wollen sich Banken ein besseres Image verpassen. Doch der Kulturwandel in den Geldhäusern kommt nur langsam voran.

Mit Slogans wie diesem wollen sich Banken ein besseres Image verpassen. Doch der Kulturwandel in den Geldhäusern kommt nur langsam voran.© dpa

Sie wollten aus Fehlern lernen und die Kunden wieder in den Mittelpunkt rücken. Doch der vielbeschworene "Kulturwandel" kommt in etlichen Banken nur schleppend voran. Aufseher sind alarmiert.

Der Warnschuss schien angekommen zu sein. Nie wieder sollten Banker die gesamte Finanzwelt an den Rand des Abgrunds zocken können wie in den Krisenjahren 2007/2008. Nie wieder sollten exzessive Boni-Zahlungen alle Sicherungen durchbrennen lassen.

Selbst führende Banker sahen ein, dass zumindest einige Mitglieder ihrer Zunft zu weit gegangen waren. „Einfach gesagt: Die Banken sind in Ungnade gefallen“, meinte Anshu Jain im Juni 2012 kurz nach seinem Antritt als Co-Chef der Deutschen Bank. „Wir müssen unseren Vertrag mit der Gesellschaft erneuern.“ Jain steht inzwischen nicht mehr an der Spitze des größten deutschen Geldhauses, das Thema „Kulturwandel“ jedoch ist keineswegs abgehakt – weder für die Deutsche Bank noch für die Branche insgesamt.

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„Banking ist auf einem Tiefpunkt im Hinblick auf das Vertrauen der Kunden und im Hinblick auf das Ansehen“ – so nüchtern wie schonungslos fällt die Ende Juli vorgelegte Analyse der „Group of Thirty“ (G30) aus, einer Gruppe von ehemaligen und aktiven Notenbankern, Wissenschaftlern und Bankern. Gravierende Fehler in der Kultur der Institute seien ein wesentlicher Treiber der Finanzkrise gewesen. „Banken müssen wieder lernen zu dienen – sowohl ihren Kunden bei der Verwirklichung von deren finanziellen Zielen, als auch den Gesellschaften und Volkswirtschaften, in denen sie tätig sind.“

Aus Fehlern lernen? (Noch) Fehlanzeige!

Das Fazit der „G30“, die von den früheren Notenbankchefs Jean-Claude Trichet (Europäische Zentralbank/EZB), Paul Volcker (US-Fed) und Jacob Frenkel (Bank of Israel) angeführt wird: Viele Institute bemühten sich zwar, strengere Verhaltensregeln zu etablieren. Doch an der konkreten Umsetzung hapert es vielfach noch. Ist der „Kulturwandel“ also nur eine Worthülse, hat er mit der Realität in den Bankentürmen in Frankfurt, London und New York wenig zu tun?

„Das Fehlverhalten in Banken hat ein beunruhigendes Ausmaß erreicht“, schrieb Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret kürzlich in einem Gastkommentar im „Handelsblatt“. In den vergangenen sechs Jahren seien Banken weltweit zu entsprechenden Strafen in Höhe von mehr als 200 Milliarden Dollar (rund 182 Mrd Euro) verurteilt worden. „Eine ganze Branche ist in Verruf geraten und das Vertrauen in den Finanzsektor beschädigt“, bilanzierte der Aufseher.

Dombret wirbt zwar für zusätzliche Verhaltensregeln für Banker („Banker’s Code of Conduct“), wie sie die führenden westlichen Industrieländer (G7) Ende Mai in Dresden erstmals ausgelotet hatten. Aber er weiß auch: Allein mit strengeren Richtlinien ist dem Problem nicht beizukommen: „Es muss im Eigeninteresse der Finanzindustrie liegen, zusätzlicher Regulierung durch echten Kulturwandel zuvorzukommen.“ Dieser müsse aber „von allen auch gelebt werden“.

„Gesellschaftliche Verantwortung ist etwas Privates“

Und da wird es schwierig. Investmentbanker leben oft in ihrer eigenen Welt. „Je näher die Akteure dem Kerngeschäft sind, wo das Geld verdient wird, desto häufiger sagen sie: Gesellschaftliche Verantwortung ist keine berufliche Aufgabe, sondern etwas Privates“, hat die Soziologin Claudia Czingon festgestellt, die zur Berufsmoral von Bankern an der Frankfurter Goethe-Universität forscht.

Ein Investmentbanker habe ihr berichtet, er sei meist unter seinesgleichen. Seine Schlussfolgerung: „Deswegen mache ich mir auch keine Gedanken darüber, ob die Deals, die ich mache, irgendwelche Auswirkungen auf die Welt da draußen haben.“

Die „Welt da draußen“ ist für Banken seit dem Lehman-Crash im Herbst 2008 zweifelsohne deutlich rauer geworden. Strengere Regeln und kritischere Aufseher machen den Spagat zwischen Kundeninteressen und eigenem Profit in einem ohnehin umkämpften Markt noch anstrengender.

Warum der Wertewandel noch dauern wird

Doch ein Weiter-so kann es nach den teuren Verwerfungen nicht geben – diese Erkenntnis setzt sich auch in den Banktürmen zunehmend durch. „Ich bin mir sehr bewusst: Worte reichen nicht mehr, Taten sind gefordert“, sagte der neue Deutsche-Bank-Chef John Cryan Ende Juli.

Gerade wurde in London im Skandal um Milliarden-Manipulationen von Referenzzinsen (Libor) bei Großbanken der Hauptverdächtige zu 14 Jahren Haft verurteilt. Der 36-Jährige, der als Investmentbanker zunächst bei der UBS und später bei der Citigroup tätig war, hatte zu Protokoll gegeben: „Ich habe an einer branchenweiten Praxis teilgenommen, die vor meiner Ankunft bei der UBS anfing und nach meinem Verlassen der UBS weiterging.“ Solche Aussagen lassen vermuten: Der Wertewandel in der Finanzbranche braucht noch Jahre.

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