Unternehmen Baumarktbranche erholt sich nach Praktiker-Pleite

Einkaufswagen vor einer ehemaligen Praktiker-Filiale

Einkaufswagen vor einer ehemaligen Praktiker-Filiale© Praktiker

Das Praktiker-Aus und das milde Frühlingswetter haben der Baumarktbranche in diesem Jahr einen Schub gegeben. Aber die Lücke, die der Branchenzweite hinterließ, ist noch nicht geschlossen.

Viele Gartenzäune sind gestrichen, viele Bäumchen gepflanzt, und so mancher Grill ist schon wieder eingemottet. Die Bau- und Gartenmärkte blicken dank eines warmen Frühlings und der Praktiker-Pleite auf gute Monate zurück – und positiv in die Zukunft. Unternehmen wie Hagebau und Hornbach erwarten spürbare Umsatzzuwächse. „Grundsätzlich besteht keine Veranlassung, pessimistisch zu sein“, sagt Hornbach-Sprecherin Ursula Dauth.

Auch der Handelsverband Heimwerken, Bauen und Garten (BHB) in Köln zeigt sich zuversichtlich. Die Unternehmen, von denen einige Praktiker-Filialen übernommen haben, hätten auch wegen des Wetters ein deutliches Plus – „da wird das Jahr gut enden“, sagt Hauptgeschäftsführer Peter Wüst. Um 14,1 Prozent legte der Umsatz der Unternehmen im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu, wenn man Praktiker ausklammert.

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Der überschuldete Praktikerkonzern hatte im Juli 2013 Insolvenzantrag gestellt. Wieviele Mitarbeiter in eine Transfergesellschaft kamen und vermittelt wurden, werde man Ende September/Anfang Oktober genau wissen, sagt Verdi-Mitarbeiter Rüdiger Wolff. Diverse Standorte wurden von anderen Baumärkten übernommen. Zu den aktuellen Zahlen kann der Sprecher von Insolvenzverwalter Christopher Seagon keine Angaben machen – die Gebäude seien alle angemietet gewesen.

Gutes Wetter und viele Baugenehmigungen

Das Forschungs- und Beratungsunternehmen IFH Köln hält die Zuversicht des BHB hinsichtlich des Gesamtjahres für begründet. Das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland ziehe an, und die Zahl der Baugenehmigungen nehme zu, sagt IFH-Chef Boris Hedde. Der Effekt auf den Baumarkt und die Heimwerkerbranche komme, nur etwas verzögert. „Das sind einige relevante Einflussfaktoren für die Branche.“ Unterstützt werde dies von einer extrem attraktiven Zinssituation, die dem Bau von Wohnungen und Eigenheimen zugutekomme.

Ist das Jahr eins nach Praktiker also ein besonderes Jahr? „Unserer Einschätzung nach hat sich der Markt in diesem Jahr wieder normalisiert“, sagt Hedde. Die Zuwachsraten müssten vor dem Hintergrund der Werte des Vorjahres gesehen werden. „Fairerweise muss auch das schlechtere Abschneiden des Vorjahres in die Beurteilung des aktuellen Jahres mit einfließen.“ 2013 hatten ein langer Winter und ein regenreicher Mai das umsatzstarke Gartengeschäft gebeutelt.

Branche im beim Umsatz im Minus

Auch wenn es für die einzelnen Unternehmen derzeit gut aussieht: für die Branche als Ganzes tut es das nicht – zumindest rein statistisch. Weil Praktiker, der einst neun Prozent des Branchenumsatzes machte, nicht mehr dabei ist, rutscht die Branche im Vergleich zum ersten Halbjahr 2013 beim Umsatz ins Minus. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres kam die deutsche Bau- und Heimwerkermarktbranche auf einen Umsatz von 9,19 Milliarden Euro, das sind 3,7 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

„Die Umsätze verlagern sich nicht zu 100 Prozent auf die Wettbewerber“, sagt Wüst, der auch für das Gesamtjahr kein Plus erwartet. Zwar öffneten die übernommenen Praktiker-Märkte langsam wieder. Aber erst Mitte 2015 könne man sehen, wie viel Umsatz tatsächlich in der Branche bleibe.

Einen starken Anteil am Umsatzplus im ersten Halbjahr hatte das erste Quartal mit dem milden Frühling, der die Menschen früh nach draußen trieb. Auch das zweite Quartal sei nicht schlecht gewesen, aber nicht so bombastisch wie das erste, sagt Wüst. Im Juni lag das Umsatzwachstum sogar bei null.

Für IFH-Chef Hedde ist es logisch, dass das zweite Quartal schlechter ausfiel. Denn wenn es früh warm werde, würden die für den Garten benötigten Dinge eher gekauft. Das Wetter sei ohnehin das wichtigste Kriterium gewesen. Es habe nicht nur Einfluss auf die Nachfrage nach dem Gartensortiment, sondern auch auf andere Bereiche wie Baustoffe oder Farben, sagt der Wissenschaftler.

Niedrige Zinsen fördern Investionen in die Immobilie

Nach Heddes Angaben hat der Gartenmarkt an der Baumarktfläche in Deutschland einen Anteil von 25 bis 30 Prozent und erzielt etwa 20 bis 25 Prozent des Umsatzes. „Daran sieht man: Wenn das Wetter schlecht läuft, ist das eine große Herausforderung für den Markt als Ganzes.“ Bei mildem Wetter wie in diesem Jahr sei es umgekehrt.

Wüst hat neben dem Wetter noch einen Grund ausgemacht, weshalb die Menschen mehr Geld für Haus und Hof ausgeben: Das Zinstief: „Das Geld ist da, anlegen kann man es nicht.“ Also werde es in die Immobilie gesteckt – um sie zu verschönern oder in Sachen Effizienz aufzurüsten, etwa mit einem Stromdurchflusszähler. „Es gibt deutliche Investitionen in die Effizienzsortimente: Man spart Wasser, man spart Energie, man investiert in LED-Beleuchtung“, sagt er. Auch Umweltaspekte spielten dabei eine Rolle.

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