Unternehmen BER-Chef Mehdorn schmeißt hin

Hartmut Mehdorn, Vorsitzender der Geschäftsführung der Flughafen Berlin-Brandenburg GmbH, wird 2015 zurücktreten.

Hartmut Mehdorn, Vorsitzender der Geschäftsführung der Flughafen Berlin-Brandenburg GmbH, wird 2015 zurücktreten.© picture alliance / dpa

Er verkündet den ersehnten Eröffnungstermin für das schwierige Projekt Hauptstadtflughafen - und drei Tage später seinen Abgang. Es muss viel passieren, um einen wie Hartmut Mehdorn so weit zu bringen.

Tatsächlich: Es gibt den Tag, an dem auch einer wie Hartmut Mehdorn die Nase voll hat. Vorbei die Scherze, mit der der knorrige Manager gern seine Hartleibigkeit zur Schau stellte, zum
Beispiel: „Ich gehöre zu den kleinen Dicken, die was aushalten.“ Chef am neuen Hauptstadtflughafen – das ist eine der härtesten Aufgaben, die die Republik Managern zu bieten hat. Man hat Mehdorn das in den vergangenen Wochen angesehen. Nun ist der Posten wieder zu vergeben.

Nach 21 Monaten auf der berüchtigten Baustelle in Schönefeld wirft Mehdorn hin, er kapituliert vor dem Klima des Misstrauens, das das Projekt umgibt – das für manchen Politiker noch immer Spielball war, um tagesaktuell Punkte zu sammeln. Doch auch Mehdorn hat dieses Klima mit herbeigeführt. Ein fähiger Nachfolger wird schwer zu finden sein.

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„Sie haben mich geholt, jetzt müssen sie mich auch aushalten“, tönte Mehdorn, als Brandenburgs Regierungschef Matthias Platzeck (SPD) und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) ihn im vorvergangenen Frühjahr als ihren neuen Mann in Schönefeld präsentierten. Da lachten die damaligen Länderchefs. Doch dem Napoleon-Bewunderer Mehdorn war es ernst, er ging tollkühn ans Werk. Sein erster Tabubruch kam am ersten Arbeitstag: Lasst uns den Flughafen Tegel offen halten! Da hatte er sich die ersten Feinde gemacht.

Ärger mit dem Bund und Aufsichtsräten

Vor allem der Bund war schlecht auf Mehdorn zu sprechen, weil er im internen Machtkampf Horst Amann wegbiss, den Technikchef, den das Bundesverkehrsministerium vor Mehdorns Engagement als Hoffnungsträger geholt hatte. Ein Rücktritt aber kam für Mehdorn nie infrage. „Die Frage überspringen wir, weil das nie stattfindet“, sagte er einmal.

Immer wieder fühlten sich Aufsichtsräte von Mehdorn unzureichend informiert. Ein Bericht des Bundesrechnungshofs vom Frühjahr ließ sich auch so verstehen, als ließen sie sich mitunter von dem erfahrenen Manager an der Nase herumführen. Mehdorns neueste Ideen lasen sie zuerst in der Zeitung, darunter einen Testbetrieb in einem Seitenflügel des neuen Terminals – den der Aufsichtsrat stoppte.

Doch auch Mehdorn musste erfahren, dass ihm immer wieder Verantwortliche Knüppel zwischen die Beine warfen. „Insgesamt hat es Mehdorn uns nicht immer leicht gemacht, aber wir haben es ihm auch nicht immer leicht gemacht“, bekennt Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD).

Warum der Streit eskalierte

Der 72-Jährige gilt als Manager alter Schule. Pflichtbewusstsein habe ihn bewogen, die Aufgabe in seinem Alter noch zu schultern, verriet er mal. Von Patriotismus sprach gar Peter Ramsauer (CSU), damals Herr im Bundesverkehrsministerium. Jenes Haus, dass jetzt schon per Headhunter einen Mehdorn-Ersatz gesucht haben soll. Bestätigt wurde das nicht.

Es wird diese Eskalation im Streit um eine externe Überprüfung von Mehdorns Arbeit gewesen sein, die den Unbeugsamen zum Rücktritt brachte. Er warf dem Ministerium „Inquisition“ vor.

Die vorweihnachtliche Friedens-Demonstration des Aufsichtsrats am vergangenen Freitag im brandenburgischen Motzen konnte das nicht kitten: „Alle Unterstützung“ sicherte das Gremium Mehdorn noch zu, der gerade einen Zeitplan zur Eröffnung des Flughafens spätestens Ende 2017 präsentiert hatte. Dann kippte der Aufsichtsrat Mehdorns Antrag, Unternehmensberater weiter zu beschäftigen, die seit eineinhalb Jahren seine Schaltzentrale auf der Baustelle managen.

Wer wird Nachfolger?

Treibende Kraft war der neue Berliner Regierungschef Michael Müller (SPD). Dessen Vorgänger Wowereit war Mehdorn zwar manchmal auch in die Parade gefahren – aber wenn es drauf ankam, hielt er zum Geschäftsführer. „Ich freue mich auf jeden Fall, dass ich bei der Eröffnung dabei bin“, sagte Mehdorn in einer Sitzungspause am Freitag vielsagend. „In welcher Form? Das ist heute nicht entscheidend.“

Wer der Nachfolger wird, ist offen. Namen wie der des Köln-Bonner Flughafenchefs Michael Garvens werden immer wieder genannt – und sind damit wohl schon verbrannt. Mehdorns neuer Technikchef Jörg Marks, der den neuen Zeitplan für die Eröffnung mit entworfen hat, käme auch infrage. Offen ist, ob der Mann, der zuvor als Siemens-Manager jahrelang in zweiter Reihe tätig war, dem Aufsichtsrat Paroli bieten könnte. Entsprechend überrumpelt wirkt Brandenburgs Regierungschef Dietmar Woidke am Tag des Rücktritts: „Ob das so schnell gehen musste, das ist fraglich.“

Wird der BER noch teurer?

Inzwischen deutet sich auch an, dass die Kosten des Projekts weiter steigen. Der bislang angesetzte Rahmen von 5,4 Milliarden Euro wird nach Angaben Bretschneiders nicht reichen. Diese Summe war für einen Betriebsbeginn noch im Jahr 2016 berechnet. „Wenn sich das verschiebt, haben wir Mehrkosten», sagte Bretschneider am Montag in Potsdam. «Das wird keine Milliarde sein, aber das wird schon eine Summe.“

Daher hätten die Gesellschafter bei der Europäischen Union vorsorglich die Genehmigung weiterer Beihilfen in Höhe von 2,2 Milliarden Euro beantragt. Ursprünglich sollten es nur 1,1 Milliarden Euro sein – für die letzte Finanzspritze, die der Aufsichtsrat im Sommer bewilligt hatte. Mit der größeren Freigabe aus Brüssel wäre auch für Erweiterungen des Flughafens vorgesorgt, wie sie Mehdorn vorschlägt.

 

Der schwierige Weg zum Flughafen:Januar 1992: Beginn der Planungen für den Flughafen mit dem Projektnamen Berlin Brandenburg International, BBI.

Juni 1996: Der Ausbau des Flughafens Schönefeld sowie die Schließung der Flughäfen Tegel und Tempelhof werden beschlossen.

Juli 2008: Erster Spatenstich für das Flughafen-Terminal.

Juni 2010: Unter anderem wegen der Pleite einer Planungsfirma wird die Eröffnung von Ende Oktober 2011 auf 3. Juni 2012 verschoben.

Mai 2012: Vier Wochen vor dem Termin wird wegen Problemen mit der Brandschutzanlage die Eröffnung des Flughafens erneut abgesagt. Später wird Chefplaner Manfred Körtgen entlassen.

September 2012: Auf Vorschlag des neuen Technikchefs Horst Amann wird die Eröffnung noch einmal verschoben und auf den 27. Oktober 2013 terminiert. Die Gesellschafter beschließen, 1,2 Milliarden Euro für Mehrkosten nachzuschießen.

6. Januar 2013: Es wird bekannt, dass der 27. Oktober als Eröffnungstermin nicht zu halten ist. Wenig später muss Flughafenchef Rainer Schwarz gehen.

11. März 2013: Der frühere Chef von Deutscher Bahn und Air Berlin, Hartmut Mehdorn, übernimmt die Geschäftsführung.

15. Januar 2014: Auf die Frage, ob der Airport noch 2015 komplett in Betrieb gehen werde, sagt Mehdorn bei einer Veranstaltung: „Dafür werden wir alles tun, dass das so stattfindet.“

30. Juni 2014: Der Aufsichtsrat erhöht den Kostenrahmen nochmals um 1,1 Milliarden auf nun 5,4 Milliarden Euro.

26. August 2014: Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), langjähriger Flughafen-Aufsichtsratschef, kündigt für Dezember seinen Rücktritt an.

12. Dezember 2014: Der Aufsichtsrat unterstützt den neuen Zeitplan Mehdorns, den Flughafen im zweiten Halbjahr 2017 zu eröffnen.

15. Dezember 2014: Mehdorn kündigt seinen Rücktritt bis spätestens 30. Juni 2015 an. Begründung: Angriffe auf seine Person aus dem Umfeld des Aufsichtsrats.

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