Unternehmen Berliner Ideen: Camping in der Industriehalle

Zwischen hip und familiär: In Berlin Neukölln übernachten Gäste außergewöhnlich in Indoor-Camping-Hallen. Wie die Gründerinnen auf die Geschäftsidee kamen und welche Hürden sie nehmen mussten, erzählen sie im impulse-Gespräch.

Friedel ist ein DDR-Wohnwagen aus den 60er Jahren und kann als Doppelzimmer gebucht werden. Schneewittchen, der Wohnanhänger für den Trabant, bietet für eine Person Platz und im Schwalbennest lassen originale Holzmöbel und karierte Gardinen Nostalgie aufkommen. Der Wohnwagen als Hotelzimmer ist eine Idee von Silke Lorenzen und Sarah Vollmer. Ihr Hüttenpalast bietet in einer ehemaligen Fabrik in Berlin Neukölln seit 2010 ein ungewöhnliches Raum-in-Raum-Konzept. Hütten und Wohnwagen aus den 50er bis 70er Jahren stehen zwischen Klappstühlen, Birkenstämmen, Retromöbeln und Gartenzwergen in zwei Hallen, die zugleich als Gemeinschaftswohnzimmer dienen. Detailverliebt, bunt, mit ausgewählten Nippes und vielen Pflanzen bieten die Hallen Campingglück ohne Wetterkapriolen. Wer raus ins Grüne will, findet im Innenhof-Garten Wildwuchs einen Platz oder schlägt sich gleich durch den Berliner Großstadtdschungel.

Idee
Aber wie kommt man eigentlich darauf, diesen Gegensatz anzubieten – Campen und Indoor? Es gibt Ideen, die sind da, wenn man morgens aufwacht und andere entwickeln sich mit der Zeit. Silke Lorenzen hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, sich selbstständig zu machen. Doch der zündende Einfall fehlte noch. „Nach Jahren in einer Eventagentur mit sieben Tage Woche und niedrigem Gehalt, wollte ich etwas Eigenes aufbauen“, erzählt die 39-jährige Lorenzen, die in Pakistan, auf den Philippinen, in China und Indien aufgewachsen ist. Gemeinsam mit der 38-jährigen Modedesignerin Sarah Vollmer überlegt die Wahlberlinerin, was in ihrem Kiez in Neukölln fehle. „Der Reuterkiez wurde immer belebter, es haben Bars und Modelabels eröffnet. Aber wo können wir unseren Besuch in einem schönen Hotel unterbringen?„, fragte sich Lorenzen, die vor zwölf Jahren von Kreuzberg nach Neukölln gezogen ist.

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So sei die Idee entstanden, ein kleines Gästehaus zu eröffnen. „Die Stadt kennen wir gut und können den Gästen Tipps geben, Sarah hat das Auge für die Gestaltung und ich für das Organisatorische.“ 2009 kündigte Silke Lorenzen ihre Festanstellung. „Mitten in der Wirtschaftskrise, dafür habe ich mir auch viel Kritik anhören müssen.“ Den passenden Ort für ihre Geschäftsidee fanden die beiden Gründerinnen in der Hobrechtstraße 66 in Neukölln.

„Es waren zwei riesige offene Räume, ohne Elektrik oder Sanitäranlagen. Dadurch kamen wir auf das Raum-in-Raum-Konzept.“ Aber wie könnte man die kalten Fabrikräume warm und gemütlich gestalten? Eingebaute Hütten, die man flexibel umstellt, waren eine Idee, um die Hallenatmosphäre, zu erhalten. „Dann ist uns aufgefallen, dass wir das Rad ja nicht neu erfinden müssen, sondern auch Wohnwagen nehmen können“, erinnert sich Silke Lorenzen. „Vorher hatte ich noch nie etwas mit Wohnwagen zu tun.“ Doch die alten Camper haben die Nostalgie und die Begeisterung geweckt. „Handwerker aus Neukölln, befreundete Künstler und Bekannte haben bei der Restauration der Wohnwagen geholfen.“

Finanzierung
Seit 2010 läuft nun der Betrieb der Indoor-Camping-Anlage – aber auch profitabel? Ein Gasthaus in Berlin aufzubauen, war anfangs nicht leicht. „Aber im vierten Geschäftsjahr kann man sagen, dass wir uns tragen“, sagt Silke Lorenzen. „Die Idee ist eingeschlagen wie eine Bombe.“ 350.000 Euro hat Silke Lorenzen 2010 in den Betrieb investiert. 300.000 Euro über einen Bankkredit mit zehn Jahren Laufzeit und 50.000 Euro Eigenkapital. Auch der Mietvertrag laufe noch bis 2020, dann gebe es eine neue Option zur Verhandlung.

Nach nur ein bis zwei Monaten war das 2010 eröffnete Hotel zu 50 bis 60 Prozent ausgelastet. „Das hat uns überrascht, denn wir hatten dafür vier Monate kalkuliert.“ In der Hauptsaison von März bis Oktober seien sie nun bis zu 80 Prozent ausgelastet. „Mehr als das schaffen wir auch gar nicht.“ Die Wohnwägen seien besonders beliebt. Zum Beispiel der Herzensbrecher, ein Modell von 1959, war vergangenes Jahr 325 Tage ausgebucht. „Ich musste ihn mir selber mieten, um Scharniere und Lampen zu restaurieren. Für so einen starken Gebrauch sind die alten Wohnwägen eigentlich gar nicht konstruiert.“ Einige Modelle, wie der Einmann-Wohnwagen vom Trabi, seien richtige Sammlerstücke.

Von den rund 36.000 Umsatz im Monat bleibe jedoch noch nicht viel übrig. „Den monatlichen Gewinn schieben wir in unser Café- und Restaurantprojekt mit biologischen Lebensmitteln.“ 15 Angestellte arbeiten mittlerweile im Hüttenpalast, vor allem in der Reinigung und dem Café. Das Café sei Treffpunkt, die Rezeption, der Kummerkasten. „Hier kommen auch die Nachbarn hin, diese Integration der Gäste ist mir wichtig. Ich hasse Frühstücksräume und möchte nicht, dass sich die Touristen wie Aliens fühlen, sondern das Lebensgefühl von Berlin kennenlernen.“

Im September 2013 wurde eine weitere Halle mit fünf Wohnwägen und einer Hütte eröffnet. Von erstem Tag an mit einer Auslastung von 80 Prozent. „Größer werden wir nicht“, ist Lorenzen überzeugt. Und es werde auch kein Franchising geben. Für sie gibt es zwei Hauptkriterien, die bei einem Hotel passen müssen: „Sauberkeit und eine gute Matratze.“ Gerade die persönliche Betreuung der Gäste wäre bei einem noch größeren Hotel nicht mehr möglich.

Herausforderungen
Eine große Herausforderung war der Business-Plan. „Es war der Erste, den ich in meinem Leben geschrieben habe. Der IHK haben wir unseren ersten Entwurf vorgelegt. Die haben uns hochkant nach Hause geschickt, um ihn noch mal neu zu schreiben“, erinnert sich Lorenzen lachend. Auch die Genehmigung von dem Konzept habe lange gedauert. „Was ist das eigentlich, was wir machen? Bieten wir Camping an oder sind wir ein Hotel?“ Es sei nicht einfach, wenn man in keine Schublade passe. „Eigentlich hat die Presse den besten, treffendsten Begriff erfunden: das Indoor-Camping.“

Offiziell würden sie sich nun als Gasthaus bezeichnen, weil es Frühstück gebe und eine tägliche Reinigung. Trotzdem sei das Konzept nicht mit den Standards in anderen Hotels vergleichbar. „Wir haben viel nach Bauchgefühl gemacht.“ Und die Räume wurden nach ihren Vorstellungen eingerichtet, ohne Fernseher und ohne Minibar. „Es ist spannend, den eigenen Arbeitsplatz zu gestalten.“ Aber durch das ausgefallene Konzept gebe es immer viel Erklärungsbedarf. „Muss ich meinen Schlafsack mitbringen, kann ich Grillen.“

Ziele

Wie sehen die Pläne für die Zukunft aus? In zehn Jahren schuldenfrei zu sein, ist das große Ziel von Silke Lorenzen und ihrer Partnerin Sarah Vollmer. „Die Selbstständigkeit frisst viel Energie“, sagt sie. Seit vier Jahren war sie nicht mehr im Urlaub, jeden Tag im Hüttenpalast. Es sei praktisch, dass ihre Wohnung nur fünf Minuten zu Fuß vom Hüttenpalast entfernt liege. Direkt am Arbeitsplatz zu wohnen, könnte sie sich aber nicht vorstellen. „Ich frage mich schon, ab wann das Arbeitspensum etwas weniger werden kann“, erzählt Lorenzen. Ihr sei es wichtig, die Freude an der Arbeit nicht zu verlieren, ein gutes Team zu haben und ohne Burnout den Lebensabend abzusichern. „Ich bin zufrieden mit dem, was ich tue“, betont sie.

Wenn sie etwas anderes machen könnte, wäre es ein Hotel mit mehr Bezug zur Natur. „Ich würde Baumhäuser vermieten oder ein Selbstversorgerhotel aufbauen. Mich würde interessieren, ob das funktioniert. Wie viel sind die Leute bereit, selbst zu machen?“ Im Hüttenpalast würde es bereits jetzt gut funktionieren, durch Kommunikation und Anreize, die Gäste zu Rücksicht und zum Mithelfen, Mitmachen zu motivieren.

Tipps
Und welche Tipps geben die beiden Gründerinnen anderen Selbstständigen mit auf den Weg? Für ein Start-up brauche man zwei Dinge: eine Idee und Selbstbewusstsein. „Man muss fest an seine Idee glauben, um andere davon überzeugen zu können“, sagt Lorenzen. „Wenn man nicht mit dem Herzen dabei ist, kann man gleich einpacken. Aus ihrem eigenen Projekt, das so schnell gewachsen ist, habe sie zudem gelernt, nicht zu bescheiden zu sein: „Denkt nicht zu klein.“ Man wisse nie, wie sich eine Geschäftsidee entwickele, aber es sei immer gut Luft nach oben lassen, damit das Projekt wachsen könne und es Zeit, Geld und Raum für die Umsetzung gebe.

 

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