Unternehmen Berliner Ideen: Es geht um die Wurst

Wurst-Kissen, Nacken-Salamis und flauschige Mortadella: Was auf den ersten Blick wie echte Metzgerware aussieht, sind in Wahrheit kreative Wohnaccessoires. Wie Gründerin Silvia Wald auf die ausgefallene Geschäftsidee kam, welche Hürden sie nehmen musste - und welche Tipps sie für andere Gründer parat hat, erzählt sie im impulse-Gespräch.

Silvia Wald ist Vegetarierin und führt die einzige Textilmetzgerei Deutschlands. In ihrem Ladengeschäft „Aufschnitt“ in Berlin Friedrichshain werden alltägliche Wurst- und Fleischprodukte mit Nähtechniken und Stoffen imitiert. Fleischwurstringe dienen als Nackenkissen, der Leseschinken liegt auf der Couch und den Zungenrucksack können auch Kinder tragen. Alle Fleischprodukte sind originalgetreu aus Stoff geschneidert: blutrote Mikrofaser für die Fleischspezialitäten, handbesprenkeltes Lycra-Material für die Weißwürste und Baumwollsamt für das Magenkissen. Die ungarische Paprikasalami ist sogar in ein originales Wurstnetz gehüllt.

In einer Kühltheke sind ein detailverliebt genähter Aufschnitt sowie Blutwurst, Chorizo und Edelschimmersalami ausgelegt. Auf einer Etagere gibt es eine Auswahl von Stoffwürstchen-Broschen. An die Wand ist eine überlebensgroße Kuh gemalt. Im offenen Atelier werden aus den bunten Stoffen kreative Wohnaccessoires vom Spiegeleikissen über die Gehirn-Laptoptasche bis zur Bacon-Schlafmaske geschneidert. Doch auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht: Satt wird hier niemand.

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Die 34-jährige Inhaberin hat mit impulse.de über ihre ausgefallene Idee, die Herausforderungen und ihre Ziele gesprochen.

Die Idee: eine Textilmetzgerei

„Die Idee kam aus einem Impuls heraus“, erzählt Silvia Wald. Nach dem Studium der Bekleidungstechnik in Berlin machte sich die Ingenieurin 2008 mit einem Geschäft für Schnittkonstruktion selbstständig. „Am Anfang stand das Atelier für Schnittgestaltung und Modellanfertigung mit dem Namen Aufschnitt – ein Wortspiel. Vom Vegetarismus inspiriert und mit Humor gewürzt, kam die Idee zum Miniwürstchenflyer.“ Bald darauf gab es das gesamte Wurstsortiment. Die ständige Arbeit am Computer als Schnittdesignerin habe sie aber nicht ausgefüllt, stattdessen haben ihr die Würstchen immer mehr Spaß gemacht. „Spaß ist der Motor von allem“, ist Wald überzeugt. „So übersteht man auch mal Durststrecken.“

Trotzdem wuchs das Wurstkissengeschäft: 2010 zog das Unternehmen von der Krossener Straße in die Boxhagener Straße in Friedrichshain. In einer alten Glasvitrine werden die Wurst-Kissen, die Nacken-Salamis und die flauschige Mortadella mit Schaumstoffkern ausgelegt. Direkt daneben ein großes Atelier. „Es ist ein totaler Zufall, dass wir die Möglichkeit hatten, mit der Wursttheke in ein Geschäft umzuziehen, welches 40 Jahre lang als Fleischerei genutzt wurde“, sagt Silva Wald. Die damaligen Inhaber seien vorbeigekommen und hätten sich vorgestellt. Jetzt schließt sich der Kreis, nur mit Stoff statt mit Fleisch.

Die selbst genähten Produkte wirken dabei mitunter so echt, dass sie selbst Tierschützer auf den Plan rufen: Der Tierschutzbund oder die sogenannten „Tofu Tussis“ kleben immer wieder nachts Aufkleber an die Ladentür.

Finanzen

Der finanzielle Einstieg sei nicht einfach gewesen. „Ich habe eine Förderung für Existenzgründer vom Arbeitsamt erhalten und den Rest aus eigenen Mitteln finanziert.“ Am Anfang sei sie beruflich mehrgleisig gefahren, habe Schnitttechnik gemacht, für andere produziert, Software-Kurse für Bekleidungstechnik gegeben und gleichzeitig die Stoff-Würstchen hergestellt. Dann kamen immer mehr Fleischtextilien dazu. Heute sind rund 100 Produkte im Laden ausgestellt plus weitere exklusive Prototypen und Spezialanfertigungen für Kunden. „Jetzt wachsen wir ständig“, sagt Silvia Wald, „ungefähr 15 Prozent im Jahr.“ 2013 lag der Umsatz bei 70.000 Euro.

Doch das Geld müsse gut eingeteilt werden, um die Produktion vor der Stoßzeit in der Vorweihnachtszeit zu finanzieren, erzählt sie. Die Einnahmen aus dem Weihnachtsgeschäft braucht sie wiederum, um zwei Messenauftritte pro Jahr zu bezahlen. Inzwischen hat Silvia Wald einen Stand auf der Ambiente in Frankfurt am Main und der Maison&Objet in Paris – und stattet außerdem andere Unternehmen für Messeauftritte mit ihren Produkten aus.

Um die Arbeit bewältigen zu können, hat sich die 34-Jährige mittlerweile Unterstützung geholt: Ein Freelancer arbeitet im Vertrieb, freie Modedesigner im Laden. Neben der Praktikantin wird gerade noch eine Unterstützung in der Buchhaltung gesucht. Die Geschäftsführung liegt aber weiterhin allein bei ihr: „Ich treffe meine Entscheidungen gern unabhängig, deshalb bin ich auch Einzelunternehmerin. Ein Zweierunternehmen wäre nichts für mich“, gesteht sich die Designerin frei ein. Die monatlichen Fixkosten zu decken, die Produktion zu realisieren und die Gehälter für die Freelancer zu bezahlen, sei das Wichtigste. Eine monatliche Auszahlung für sich selbst von 2000 Euro sei aber noch in weiter Ferne.

Herausforderungen und Hürden

„Die größte Hürde war die Auftragsakquise“, ist Silvia Wald überzeugt. „Wozu braucht man das Produkt?“ sei die häufigste Frage von Kunden mit Blick auf die blutroten Wurstkissen. Auch bei ihr selbst kamen irgendwann Zweifel auf: „Ich dachte, was verkaufe ich da eigentlich, das Produkt ist überhaupt nicht zugänglich. Warum soll sich jemand einen Schinken für 60 Euro kaufen?“ Es sei nicht leicht gewesen, den Markt kennenzulernen. Ich musste mir meinen Markt selber schaffen mit den ausgefallenen Produkten – und habe ihn gefunden.“

Zu Beginn sei ihr auch die nötige Gelassenheit schwergefallen. „Anfangs ist man aufgeregt, hat Angst vor Fehlern, will alles richtig machen und dann kommt nur Quatsch raus“, erinnert sie sich. „Jetzt bin ich gelassener, habe mehr Erfahrung. Probleme und Ideen werden besprochen und dann schnell gelöst, zum Beispiel Änderungen an der Website.“

Ziele

Mit der Textilmetzgerei hat Silvia Wald noch große Pläne: „Ich habe mich auf die die Vermarktung und Produktion der Eigenkollektion und von B2B Kundenanfragen spezialisiert.“ Es sei ein großer Vorteil, selbstständig zu sein und das Unternehmen ständig weiterentwickeln und marktorientiert umstrukturieren zu können. „Mein Ziel ist es, mich weiter als Dienstleister für ausgefallene Merchandise-Artikel für die Nahrungsmittelbranche zu etablieren. Daneben stelle ich auch meine Produktion um und plane in größeren Mengen zu produzieren.“

Tipps für Gründer mit ausgefallenen Produkten und Ideen

Durchhalten müsse man, ist die Textildesignerin überzeugt. „Ich bin froh, dass die ersten fünf Jahre um sind und ich keine Berufsanfängerin mehr bin“, sagt sie. Es brauche Zeit, bis man seine Strategie gefunden habe. Viel Arbeit habe es auch gemacht, sich nach den Regeln der Wirtschaft zu organisieren und die nötigen Strukturen mit Buchhaltung, Vertrieb und Angestellte zu schaffen. „Ich denke, das Wichtigste ist herauszufinden, was man gerne macht und sich darauf zu konzentrieren. Ich bin jetzt sehr froh über das, was ich mache.“

 

Wurstkissen in der Auslage, Bücher über elektronische Musik oder Indoor-Camping im Retrolook: ausgefallene Läden gibt es in Berlin zu Hauf. In der neuen Serie „Berliner Ideen“ stellt impulse jetzt regelmäßig Unternehmer mit ausgefallenen Einfällen vor.

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