Unternehmen Billig-Textilien: Das schlechte Gewissen beim Schnäppchenkauf

Hersteller und Händler von Billigkleidung stehen wegen schlechter Arbeitsbedingungen in ihren Fabriken immer wieder in der Kritik. Verbraucher wollen immer häufiger fair produzierte Kleidung kaufen, aber günstig.

Hersteller und Händler von Billigkleidung stehen wegen schlechter Arbeitsbedingungen in ihren Fabriken immer wieder in der Kritik. Verbraucher wollen immer häufiger fair produzierte Kleidung kaufen, aber günstig. © sirylok - Fotolia.com

Wie billig darf ein T-Shirt sein? Einen, fünf oder zehn Euro? Der Shoppingbummel zum Sparpreis hat seit Berichten über unmenschliche Produktionsbedingungen in Asien auch eine moralische Dimension. Doch wie beeinflusst das deutsche Verbraucher?

Man muss nicht lange in den Einkaufsstraßen suchen oder im Internet surfen, um sie zu finden: T-Shirts für drei, vier oder fünf Euro. Doch greifen viele Verbraucher heute längst nicht mehr so unbeschwert zu den Schnäppchen wie früher. Berichte über teilweise unmenschliche Arbeitsbedingungen in den Kleiderfabriken Asiens haben einige Konsumenten aufgerüttelt.

Bei einer repräsentativen Umfrage des Instituts YouGov im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa sagten fast neun von zehn befragten Verbrauchern, für sie seien faire Produktionsbedingungen in der Textilbranche „sehr wichtig“ oder „eher wichtig“. Fast jeder Dritte Befragte sagte, er würde auf keinen Fall ein T-Shirt, eine Jacke oder ein Kleid kaufen, von dem bekannt sei, dass es unter unmenschlichen Produktionsbedingungen herstellt worden sei. Weitere 49 Prozent gaben an, ein solches Produkt „eher nicht“ kaufen zu wollen.

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Doch wie soll der Verbraucher überhaupt erkennen, ob die schicke Jeans oder das coole Sweatshirt unter unmenschlichen Bedingungen produziert wurde? Die naheliegendste Antwort wäre vielleicht, den Händler nach den Herstellungsbedingungen zu fragen. Doch das tun offenbar nur wenige. Bei einer vor einigen Monaten veröffentlichen Umfrage des Bundesverbandes des Deutschen Textileinzelhandels gaben jedenfalls nur sieben Prozent der Händler an, dass sich die Kundenanfragen nach den Produktionsbedingungen deutlich verstärkt hätten.

Stiftung Warentest: Preis lässt nicht auf die Herstellungsbedingungen schließen

Viele Konsumenten halten offenbar den Preis des Produkts noch für das zuverlässigste Signal in Sachen Herstellungsbedingungen. Gut die Hälfte der aktuell befragten Verbraucher meint, ein T-Shirt solle mindestens zehn Euro kosten. Weitere 29 Prozent meinten, mindestens 5 Euro seien angemessen.

Holger Brackemann, Bereichsleiter Untersuchungen bei der Stiftung Warentest, dämpft allerdings überzogene Hoffnungen: „Vom Preis kann man nicht unmittelbar auf die Arbeitsbedingungen bei der Herstellung schließen“, meint er. Denn bei Modeartikeln machten die Herstellungskosten oft nur einen kleinen Teil des Endpreises aus. Hinzu kämen die Ausgaben für Werbung, Zoll, Zwischenhändler und die Marge des Einzelhändlers. „Es gibt sicher irgendwo eine Preisgrenze, unter der man nicht fair produzieren kann. Aber genau zu sagen, wo sie liegt, ist schwierig.“

Bleiben als Ausweg die Gütesiegel. Doch auch die helfen nur begrenzt. Kirsten Clodius von der Christlichen Initiative Romero, die sich intensiv mit den Arbeitsbedingungen von Textilarbeitern beschäftigt, meint: „Derzeit gibt es kein Siegel, das umfassend Auskunft gibt, wie die Arbeitsbedingungen bei der Herstellung waren.“

Siegel  für ökologische und sozial verantwortliche Textilproduktion sind selten

Am ehesten gebe noch das GOTS-Siegel für eine ökologische und sozial verantwortliche Textilproduktion, zuverlässige Auskunft über angemessene  Produktionsbedingungen, sagt Johann Rösch, der langjährige Textilexperte der Gewerkschaft Verdi. Doch sind die Chancen gering, darauf im „normalen“ Textilhandel zu stoßen. Es sei „wenig verbreitet“, sagt Rösch selbst.

Der Branchenkenner hält die Einflussmöglichkeiten der Verbraucher für begrenzt. Zu undurchsichtig und zu mörderisch sei der Wettbewerb in der Branche. Doch gibt er zu Bedenken: „Bei einem sehr niedrigen Preis, spricht vieles dafür, dass das auch auf Kosten der Beschäftigten geht.“

Einfacher haben es natürlich jene Konsumenten, denen die Herstellungsbedingungen egal sind. Besonders unter jungen Leuten sind das gar nicht so wenige. Immerhin jeder vierte Befragte im Alter zwischen 18 und 24 Jahren gab an, die Frage der Produktionsbedingungen sei beim Shoppingbummel für ihn ohne große Bedeutung.

Details zur Umfrage: Verbraucher wollen bei Kleidung fair und billig zugleich

Verbraucher in Deutschland sind zwar einer Umfrage zufolge für faire Produktionsbedingungen in der Textilbranche, fast genauso wichtig ist ihnen jedoch der Preis. Der Erhebung zufolge sagten 40 Prozent der Befragten, für sie seien faire Produktionsbedingungen in der Textilbranche „sehr wichtig“. 46 Prozent stuften sie als „eher wichtig“ ein. Nur 14 Prozent gaben an, ihnen sei das Thema mehr oder weniger egal. Der Preis spielt für die Befragten allerdings eine fast ebenso große Rolle.

29 Prozent gaben an, der Preis für Kleidung sei ihnen „sehr wichtig“, für 57 Prozent ist der Preis immerhin noch „eher wichtig“. Für 14 Prozent spiele der Preis eine untergeordnete Rolle.

Im vergangenen Jahr waren beim bislang schwersten Unglück in der Textilindustrie in einer Fabrik in Bangladesch mehr als 1130 Menschen gestorben, über 2500 waren teils schwer verletzt worden. Zuletzt hatten Berichte über die Produktionsbedingungen in asiatischen Kleidungsfabriken für Aufsehen gesorgt. Viele Hersteller und Händler mussten sich unter anderem Kritik wegen mangelnder Arbeitssicherheit und geringer Löhne gefallen lassen.

51 Prozent der Deutschen finden 10 Euro für ein T-Shirt angemessen

Der Umfrage zufolge spielen die Arbeitsbedingungen auch für die Kaufentscheidung knapp eines Drittels der Befragten eine Rolle: Rund 31 Prozent sagten, sie würden auf keinen Fall ein Textilprodukt kaufen, von dem bekannt sei, dass es unter unmenschlichen Produktionsbedingungen hergestellt worden sei. Die Hälfte der Befragten (49 Prozent) gab an, es „eher nicht“ kaufen zu wollen. Jeder Fünfte hatte keine Bedenken.

Dabei haben die deutschen Verbraucher recht klare Vorstellungen, was ein T-Shirt mindestens kosten sollte. Gut die Hälfte (51 Prozent) findet 10 Euro angemessen. Weitere 29 Prozent meinen mindestens 5 Euro.  Nicht einmal jeder Zehnte findet Preise von 1 oder 2 Euro richtig. Mehr als jeder zehnte findet sogar 20 Euro als Mindestpreis ok.

Die Umfrage zeigt aber auch: Junge Leute messen dem Thema Produktionsbedingungen deutlich weniger Bedeutung zu als Ältere. Rund ein Viertel der 18 bis 24-jährigen lässt die Frage der Produktionsbedingungen eher kalt. Unter den über 55-Jährigen findet dagegen nur noch jeder Zehnte das Thema „eher unwichtig“ oder „sehr unwichtig“. Generell ist das Thema für Frauen wichtiger als für Männer. Für die Erhebung hat YouGov Anfang Juli 1053 Menschen befragt.

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