Unternehmen Berliner Ideen: Ein Handwerk mit Leckergarantie

Der Beruf des Bonbonmachers wäre in der Hauptstadt beinahe ausgestorben. Katja Kolbe und Hjalmar Stecher kauften alte Maschinen und stellen Nostalgiebonbons nach traditioneller Art her. Ihre Bonbons verkaufen sie nur in ihrem Berliner Laden, ohne E-Mail und ohne Online-Shop. Wer naschen will, muss vorbeikommen.

Es brodelt und dampft, es duftet süß und es schmeckt herrlich in der Bonbonmacherei. Bunte Bonbons in allen Geschmäckern liegen in der Auslage: Zitrone, Birne, Orange, Waldmeister, Pfefferminz, Malz, Lakritz. Die Düfte von Vanille, Rhabarber und Apfel vermischen sich mit dem von Anis. Katja Kolbe und Hjalmar Stecher stellen hier im Souterrain der Oranienburger Straße 32 in Berlin Mitte, direkt neben der Synagoge, ihre Bonbons „mit Leckergarantie“ her.

Ausschließlich in ihrem Laden, nirgendwo sonst, verkaufen sie ihre in Handarbeit mit alten Maschinen gefertigten Bonbons. E-Mail und Onlineshop gibt es nicht, auch keine Kontakte zu Großhändlern – nur die Kunden vor Ort bekommen die Nostalgiebonbons nach alten Berliner Rezepten. Der Laden ist unterteilt, auf der rechten Seite stehen die Behälter zum Selbermischen. Links ist die Schauküche mit Kupferkessel, sind Tische mit Stahlplatten, Prägewalzen und Dragierkessel.

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Seit fast zwei Jahrzehnten arbeiten Hjalmar Stecher und Katja Kolbe als Bonbonmacher. „Man kann davon leben“, meint der 49-Jährige. Zehn Monate im Jahr haben sie geöffnet, vier Tage die Woche von mittags bis in den frühen Abend.

Dreimal am Tag kocht Hjalmar Stecher Bonbons, vor den Augen der Kunden. Bevor er den Teig durch die Walzen schiebt, verteilt er Stückchen vom frischen Riesenbonbon an die Fans. Die Kleinen fühlen sich wie im Süßigkeitengeschäft bei Pippi Langstrumpf, die Älteren schwelgen in Kindheitserinnerungen. „Die sind ja viel zu schade zum Essen“, sagt eine Frau, während sie ihr noch warmes Bonbonstück rund rollt und es sich dann doch genussvoll in den Mund steckt.

Idee: Das Handwerk des Bonbonmachers erhalten

1994 übernahmen sie die Werkstatt. Die Vorbesitzer gingen in Rente. Mit der Bonbonproduktion hatten beide vorher wenig zu tun gehabt. Nur Hjalmar Stecher hatte sein Musikergehalt mit einem Bonbonverkauf aufgebessert und an Berliner Süßwarenläden und Marktstände vertrieben. „Die ehemaligen Besitzer haben uns angelernt, sie haben uns die Maschinen und Rezepte gegeben und uns gezeigt, wie man Bonbons macht“, erzählt Stecher. „Wir haben diesen fast ausgestorbenen Beruf erlernt und Spezialitäten wie die Berliner Waldmeisterblätter, die ehemals Maiblätter hießen, erhalten.“


Und so geht’s: Die Bonbonproduktion in Bildern


Eine zentrale Hürde war die Frage nach der Menge: „Wie viel wollen und können wir produzieren? Es war anfangs schwer auf die von den Großhändlern angeforderte Menge zu kommen. Eine Tonne Bonbons haben wir mit Ach und Krach geschafft“, erzählt Stecher. „Aber es hat sich trotzdem nicht gerechnet und wir hatten beide noch Nebenjobs.“ Als Quereinsteiger sei es auch nicht leicht gewesen, im Großhandel die Zutaten zu bestellen. „Es wurden nur fabriktaugliche Mengen zum Beispiel an Glukose geliefert, für uns natürlich viel zu viel.“

Damals kamen Zweifel an der Massenproduktion auf. „Wir haben handgemachte Bonbons produziert und die Großhändler haben sie lieblos und billig weiterverkauft, das Doppelte fürs Kilo wollten sie uns deshalb nicht zahlen.“ Klasse oder Masse? Diese zentrale Frage stellten sich Katja Kolbe und Hjalmar Stecher einige Jahre nachdem sie versucht hatten, den Großmarkt mit ihrer Ware zu beliefern.

Deshalb beschlossen sie, die Handarbeit bei der Produktion bekannter zu machen. „In der Schauküche möchten wir den Besuchern zeigen, wie es gemacht wird.“ Und es hat geklappt. Seit dem Jahr 2000 verkaufen sie ihre Bonbons nur noch selbst in ihrem Laden. Produziert wird in kleinen Mengen.

„Jetzt produzieren wir weniger und ich verdiene rund 1300 Euro im Monat. Kleine Brötchen können auch effektiver sein.“ Seit kurzem haben sie eine Teilzeitkraft zur Unterstützung im Geschäft, die im Verkauf aushilft und sogar an eigenen Kreationen mit Karamell feilt.

Herausforderungen und Hürden

Bei der Produktion drei Mal am Tag kann die Kundschaft zuschauen. „Kleine Töpfe sind einfach effektiver“, ist Stecher überzeugt. Erst habe er dennoch Zweifel gehabt. „Wenn wir nur 50 Tüten am Tag verkaufen, wie soll das funktionieren? Aber dann kam doch mehr Laufkundschaft als gedacht. Rund 40.000 Kunden zählen wir pro Jahr.“ Ihn freue immer wieder, wenn die Leute im Laden sagen würden: „Es sind Kunstwerke, die traue ich mich gar nicht zu essen“ oder „eine Stunde Arbeit für eine Sorte Bonbons, dafür sind sie viel zu billig“.

Ziele und andere Pläne

Wachstum ist kein Thema mehr bei den beiden Geschäftspartnern. „Das Geschäft ist nicht wachstumsorientiert und ich finde es schön, dass es so übersichtlich ist“, erzählt Stecher. Zwischen den drei Bonbonproduktionen am Tag sitzt er auch schon mal draußen im Hof auf einer Bank, trinkt Kaffee. Einen Plan für einen Onlineshop gebe es schon, verrät Katja Kolbe. „Der liegt schon in der Schublade, aber dafür müssen wir wieder mehr produzieren und haben den Organisationsaufwand.“ Es ist ein ständiges Abwägen von Zeit, Kosten und Bonbonmenge. „Wir sind ganz bewusst ausgestiegen aus der Massenproduktion und wünschen uns, dass das Handwerk des Bonbonmachers wieder wertgeschätzt wird.“

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