24-Stunden-Metzgerei Wie ein Metzger seine Kunden rund um die Uhr bedient

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Peter Klassen ist der bundesweit erste Metzger, der eine Schließfachanlage mit der Möglichkeit zur individuellen Bestellung hat.

Peter Klassen ist der bundesweit erste Metzger, der eine Schließfachanlage mit der Möglichkeit zur individuellen Bestellung hat.© dpa / picture-alliance.de

Mit den langen Öffnungszeiten der Supermärkte kann er nicht mithalten - und doch bedient ein Fleischer in Rheinland-Pfalz seine Kunden rund um die Uhr. Seine clevere Idee könnte Schule machen.

Fleisch und Wurst rund um die Uhr einkaufen: Das geht seit neuestem bei einem Metzger im rheinland-pfälzischen Temmels. Möglich macht’s eine große Schließfachanlage mit 40 gekühlten Boxen, die Peter Klassen jüngst vor seinem Geschäft in Betrieb genommen hat. „Der Einkauf geht ganz einfach“, sagt der 53-Jährige vor den roten Fächern. Nachdem der Kunde seine Bestellung telefonisch durchgegeben hat, legt Klassen die gewünschte Ware in einer Tüte in ein Kühlfach – und der Kunde holt sie ab, wenn es ihm passt. Abends nach der Arbeit, nachts um 3 Uhr oder am Sonntag.

„Der Kunde von heute erwartet eine höhere Flexibilität“, sagt Klassen. Viele arbeiteten noch, wenn er sein Geschäft um 18 Uhr schließe. Um diese Kundschaft nicht Läden mit längeren Öffnungszeiten zu überlassen, habe er diese Idee gehabt. „Mit dem Vorteil, dass wir jetzt sogar 24 Stunden geöffnet haben.“

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„Man muss sich nicht mehr nach den Geschäftszeiten richten“

Wer nicht bestellt, kann sich aus den vier Grad kühlen Fächern auch vorbereitete Pakete, etwa für einen spontanen Grillabend, holen. Und neben die Kühlfächer hat Klassen zwei Automaten gestellt, in denen er Produkte wie Eier, Milch, Suppen, Bier und Nudeln anbietet. „Es läuft gut“, sagt der Metzger. Er geht davon aus, dass sich die vor einem Monat gestartete rund 80.000 Euro teure Gesamtinvestition in etwa einem Jahr bezahlt gemacht haben wird.

Hausfrau Gabi Kimmel (67) lobt das neue Angebot. „Man muss sich nicht mehr nach den Geschäftszeiten richten“, sagt sie, nachdem sie mit der Giro-Karte an der Anlage bezahlt hat und ihren Code zum Öffnen des Schließfachs eintippt. Wenn man am Wochenende beim Kochen merkt, dass etwas fehlt, könne man sich das jetzt rasch besorgen. Und wenn man zu Hause nicht so viel Platz zum Kühlen habe, könne man bestellte Platten auch kurzfristig abholen.

Mit einem festen Sortiment an Fleisch, Milch, Eiern und Co bestückte Automaten zur Selbstbedienung gibt es schon seit Jahren bei Metzgern oder Landwirten. Doch Klassen ist der bundesweit erste Metzger, der so eine Schließfachanlage habe, mit der Möglichkeit zur individuellen Bestellung, sagt Geschäftsführer Olaf Clausen von der Firma Locktec im bayerischen Weißenbrunn, die das Teil hergestellt hat. Er geht davon aus, dass das Modell Schule machen wird. „Es ist ein zunehmender Markt.“ Locktec hat seine „Cool Locker“ auch in der Schweiz, in Australien und Frankreich stehen.

„Wir müssen uns alle gegen Discounter behaupten.“

Auch nach Einschätzung des Deutschen Fleischer-Verbandes (DFV) ist Klassen mit seinem Modell deutschlandweit Vorreiter. „Ich habe so etwas vorher noch nicht gehört“, sagt DFV-Sprecher Gero Jentzsch in Frankfurt. Das Fleischerhandwerk stehe neuen Vertriebswegen aufgeschlossen gegenüber, auch um an Discounter verloren gegangene Marktanteile zu kompensieren: Nach Partyservice und Heißer Theke kommen Automaten, Internet und mobiler Verkauf. Bestellungen per Smartphone und per Internet nähmen auch beim Metzger zu.

Um zukunftsfähig zu bleiben, müsse man sich neue Sachen einfallen lassen, sagt Klassen, der mit rund 30 Mitarbeitern 2,7 Millionen Euro im Jahr umsetzt. Er ist überzeugt, dass die Kühlfachanlage auch für andere Fleischereien Sinn mache. „Wir müssen uns alle gegen Discounter behaupten.“

Selbstbedienung im Trend

Automaten zur Selbstbedienung bei Metzgern oder Landwirten lägen im Trend, sagt Dirk Hensing von der Hensing GmbH im nordrhein-westfälischen Emsdetten, die bereits mehr als 1000 davon bundesweit und im angrenzenden Ausland aufgestellt hat. „Wir haben jedes Jahr eine Umsatzsteigerung von 150 Prozent.“ Hensing vermarktet seit 2010 sogenannte Regiomaten und Milchtankstellen.

Für einzelne Metzger oder Landwirte könnten solche Automaten neue Vermarktungswege eröffnen und eine wichtige Alternative sein, sagt der Sprecher des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels, Christian Böttcher, in Berlin. Der Anteil jener Zusatzgeschäfte liege allerdings beim Gesamtumsatz des deutschen Lebensmittelhandels von rund 150 Milliarden Euro im Jahr lediglich „im Promillebereich“.

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