Volkswagen-Debakel Gefälschte Werte, wahre Werte

Dunkle Wolken über VW: Der Imageschaden, der durch den Abgas-Skandal entstanden ist, ist riesig.

Dunkle Wolken über VW: Der Imageschaden, der durch den Abgas-Skandal entstanden ist, ist riesig.© dpa / picture-alliance

Die VW-Abgasaffäre ist ein Lehrbeispiel dafür, was passiert, wenn Manager ihre Bodenhaftung verlieren – und sich nicht mehr an gemeinsamen Werten orientieren.

Die Zahlen sind spektakulär. Selten sind an der Börse in solch kurzer Zeit solch große Summen vernichtet worden: Seit die Abgasaffäre zu Wochenbeginn in den USA bekannt wurde, haben VW-Aktien mehr als 20 Milliarden Euro an Wert verloren. VW gibt sich zerknirscht und räumt „Unregelmäßigkeiten“ und „Fehlverhalten“ ein. „We totally screwed up“, sagte der VW-Amerika-Chef. „Wir haben es völlig vermasselt.“ Vorstandschef Martin Winterkorn, der am Mittwoch wegen dem Abgas-Debakel von seinem Posten zurückgetreten ist, beteuerte zuvor, „das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit“ sei und bleibe „unser wichtigstes Gut.“ Und: „Volkswagen duldet keine Regel- oder Gesetzesverstöße jedweder Art.“

Nur: Wieso kommt es dann immer wieder zu solchen Vorfällen – wie jetzt bei VW? Selbst wenn das Ausmaß dieser Affäre gewaltig ist, so handelt es sich keineswegs um einen Einzelfall. Denken Sie etwa an die Schmiergeldaffäre von Siemens, die Spitzelaffäre der Telekom, Kartellabsprachen bei Eon oder Heidelberg Cement. Wir haben es offenbar mit einem strukturellen Problem zu tun: Schließlich sind auch in der Vergangenheit immer wieder Konzerne – und auch einige Mittelständler – mit „Unregelmäßigkeiten“ in die Schlagzeilen geraten. Was also läuft da schief?

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Werte nur auf dem Papier

Für mich ist das VW-Debakel ein Lehrbeispiel dafür, was passiert, wenn Entscheidungen sich in Unternehmen verselbstständigen, wenn fehlgeleitete Anreize wirken, die losgelöst sind von gemeinsamen Werten. Oder wenn Werte zwar auf dem Papier niedergeschrieben werden, aber keinen Bezug zum tatsächlichen Handeln haben – so wie bei VW. Dort wurden sieben Werte definiert: „Kundennähe, Höchstleistung, Werte schaffen, Erneuerungsfähigkeit, Respekt, Verantwortung und Nachhaltigkeit.“ In den VW-Konzernleitlinien heißt es: „Unsere Werte liefern die Basis für unsere Motivation und unsere Entscheidungen… Sind sie einmal fest verankert in unseren Köpfen und Herzen, werden sie neben unseren persönlichen Werten unser Verhalten und unsere Entscheidungen prägen.“

Dass diese Sätze schön klingen, aber offenbar (zu) wenig mit der betrieblichen Realität zu tun haben, wird den Konzern jetzt teuer zu stehen kommen: Obwohl das Ausmaß der Manipulationen immer noch unklar ist, wurden bereits Rückstellungen in Höhe von 6,5 Milliarden Euro gebildet – „zur Abdeckung notwendiger Service-Maßnahmen und weiterer Anstrengungen, um das Vertrauen unserer Kunden zurück zu gewinnen.“

Wenn dies nachhaltig gelingen soll, reicht es nicht, besser auf die Einhaltung von Regeln und Paragrafen zu achten. So wichtig Compliance auch sein mag, aber die Wolfsburger brauchen – so wie andere Firmen auch – ein tragendes Fundament: Werte, die von den Mitarbeitern tatsächlich gelebt werden. Oft sind es eben doch die vermeintlich weichen Faktoren, die über den Erfolg entscheiden.

9 Kommentare
  • Dr. Böhm 24. September 2015 07:54

    Frage: Ich habe noch nicht den Wortlaut der entsprechenden US-Gesetze gesehen; ist es wirklich so, daß die Sofware illegal ist? Das der Sinn der Abgasgesetze nicht erfüllt wurde ist klar, allerdings wird zumindest in Deutschland üblicherweise auch nicht im Sinne, sondern nach dem Wortlaut eines Gesetzes geurteilt.
    Weiterhin: Gute Ingenieurleistung solche Software zu entwickeln; absolute Dummheit, diese in Fahrzeugen zu implementieren, welche in die USA verkauft werden. Die USA benachteiligen ausländische Firmen immer wieder, indem US-Gesetze geschaffen werden welche einheimische Firmen bevorzugen oder welche weltweit angewandt werden (dafür sehe ich keine Rechtsgrundlage), also ist es kaufmännisch klug sich an den Sinn der Gesetze und nicht nur an den Wortlaut zu halten.
    Die Hysterie um die Abgaswerte, welche willkürlich festgelegt werden, halte ich für übertrieben. Am Rande, das ist legal: https://www.youtube.com/watch?v=EzgNuqpeEN0
    Wenn der Link nicht geht, mal „rolling coal“ eingeben.

  • Ingo Ullrich 23. September 2015 22:01

    Ich würde fast sagen,
    das es richtig ist daß das (ab)gehobene Management nichts wußte…
    (man kann bei dem Tanz um das goldene Kalb schonmal die Orientierung verlieren)
    sondern nur die Gewinnmaximierung als Vorgabe herausgaben
    und wahrscheinlich so mit erfolgsprämien alle in ihre spur gezogen haben

  • Peter Meier 23. September 2015 17:26

    Für das Ausmaß an Rachgier und Dummheit bei VW wird vermutlich eine neue Maßeinheiten gefunden werden müssen! Der Schaden an „Made in Germany“ und den im Ausland erwarteten deutschen Werten wird sich wohl nie beziffern lassen. Maßlose Gier und Dummheit, wie üblich bei Managern!

  • Robert Frickinger 23. September 2015 15:15

    Ein riesiges Geschrei um VW wegen offenbar alltäglicher Vorgänge in der Automobilbranche.
    Fragt mal den ADAC (oder andere Branchen-Kenner und/oder -Tester), der bereits seit Jahren darauf hinweist, daß die Abgaswerte im realen Fahrbetrieb regelmäßig weit oberhalb der Herstellerangaben liegen; und zwar bei nahezu allen Herstellern.
    Ich denke, VW wurde nicht erwischt, sondern gezielt geoutet.
    Und bei etlichen anderen Autoherstellern finden seit Montag hektische Vorstandsgespräche statt, wetten!

  • Klaus Schütz 23. September 2015 14:04

    Sehr geehrter Herr Förster,
    so richtig verstehe ich die Aufregung nicht. Sicher handelt es sich um Betrug, der zu Verurteilen ist. Aber ist es nicht heutzutage modern nach der Devise zu verfahren:“Die Welt will betrogen sein, also wird sie berogen“. So lange diese Einstellung vorhanden ist und ich habe geringe Hoffnung auf Änderung, werden solche Vorfälle auftreten. Zumal die Riesikofreudigkeit sonst infrage gestellt wird. Der Widerspruch zwischen (ingenieurtechnischer) Moral und ökonomischer Wirtschaftlichkeit wird zu Gunsten der Ökonomie gelöst. Hier ist ein Musterbeispiel zu sehen, das selbst hochbezahlte Manager nicht vor Blindheit gefeit sind.
    Aber vielleicht sollten der Konzernspitze Knüppel zwischen die Beine geworfen werden unter Ausnutzung der Doppelmoral (man darf sich nur nicht erwischen lassen).

  • Peter Nieblich 23. September 2015 13:29

    Liebe Comminity,
    es wird hier mit Zahlen hantiert, dass einem schwindelig werden kann.
    Diese ganze Fälschung ist doch kein Akt von 14 Tagen, sondern läuft schon über eine lange Zeit. Wer war denn vor Herrn Winterkorn verantwortlich?
    Wer hat denn die Entwicklung dieses Betrugsprogrammes verantwortlich veranlasst?
    Die Rückstellung von VW kling per Summa zunächst einmal groß; aber ich bitte zu bedenken, dass VW für diesen Betrag entsprechend weniger Gewinne versteuern muss! Wer zahlt das dann wirklich? – Wir! Die Allgemeinheit!
    Die ganze Affäre zeigt doch nur einmal mehr: Macht korrumpiert. Wer viel Geld hat, hat viel Macht und bietet reichlich Platz für Korruption in jeder Größe und Richtung.
    Gier – Gier – Gier!

  • Wilfried Meinecke 23. September 2015 12:45

    Sehr geehrter Herr Förster,

    nicht nur die Werte zählen für die ein Konzern/Unternehmen/Firma/Vorgesetzter stehen, sondern auch die Unwerte, für die man nicht steht! Dabei ist eben nicht das Eine das Gegenteil vom Anderen, sondern eine zweite Dimension. Beide beeinflussen die Beziehung.
    Leitbilder sind unvollständig, wenn Unternehmen nicht auch sagen, wofür sie nicht stehen.

  • Frank Müller 23. September 2015 11:26

    Über die strafrechtliche Konsequenz wurde noch nicht gesprochen. Eventuell leitet sich auch ein Anspruch seitens VW gegen den / die Verantwortlichen ab. Falls es Herr Winterkorn sein sollte, kann er in einer freien Minute mal Herrn Middelhoff anrufen.

  • Dr. Axel Braun 23. September 2015 10:35

    Hallo Herr Förster,
    im Falle von VW sind es nicht nur die nicht gelebten Werte, sondern es scheint ein erhebliches Maße an krimineller Energie vorzuliegen: Eine so gravierende Manipulation der Software geschieht ja nicht ‚aus Versehen‘ und von einem Entwickler irgendwo unten in der Hierarchie. Ich hoffe mal dass die Verantwortlichen auch die Konsequenzen zu spüren bekommen – aber nicht als goldenen Handschlag.

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