Schallplatten Das Vinyl-Revival

Musik zum Anfassen: Die Nachfrage nach Schallplatten steigt rasant.

Musik zum Anfassen: Die Nachfrage nach Schallplatten steigt rasant.© BE2k13/ photocase

Die Schallplatten sind zurück, trotz CDs und Digitalisierung. In vielen Plattenläden übersteigt die Nachfrage längst das Angebot. Wie Vinyl das Comeback gelang.

Die Schallplatte war beim Weihnachtsfest in diesem Jahr wohl wieder häufiger unter dem Tannenbaum zu finden. Auf vielen Wunschzetteln hätten die schwarzen Scheiben aus Vinyl weit oben gestanden, glaubt der Bundesverband Musikindustrie. Denn die Verkaufszahlen steigen seit einiger Zeit rasant. Und inzwischen sind die Tonträger längst nicht nur immer nur in schwarz zu haben, sondern auch in grün, rot, blau oder weiß.

„Schallplatten machen einfach einen edlen Eindruck“, sagt Carsten Haupt von Celebrate Records, einem von noch etwa einer Handvoll Schallplatten-Hersteller in Deutschland. Allein das Platten-Cover sei oft ein Kunstwerk. In dem schlichten, flachen Bau des Unternehmens in einem Gewerbegebiet am Autobahnanschluss von Stollberg im Erzgebirge lassen mittlerweile die Größten der deutschen und internationalen Musikbranche Vinyl-Scheiben pressen.

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Plattencover von Silbermond, Revolverheld, Barbra Streisand, Justin Timberlake, Michael Jackson, Bob Dylan zieren wie in einer Galerie die Wand. „Mittlerweile bringen fast alle Künstler, die eine CD produzieren, parallel dazu eine Schallplatte heraus“, sagt Haupt. Mehr als zwei Millionen Platten stellt allein Celebrate Records mit rund 40 Mitarbeitern jährlich her. Etwa 70 Prozent gingen in den Export. „Wir produzieren für die ganz Welt“, sagt Haupt.

Verkaufszahlen legen um 25 Prozent zu

Nach Angaben des Bundesverbands Musikindustrie ist die Schallplatte schon seit Jahren wieder auf dem Vormarsch. 2014 wurden in Deutschland rund 1,8 Millionen Platten verkauft, der Umsatz lag bei 38 Millionen Euro. Vor fast zehn Jahren sah das noch ganz anders aus: Seit Ende der 1970er Jahre waren die jährlichen Umsätze dem Verband zufolge geschrumpft, bis auf etwa 6 Millionen Euro im Jahr 2006.

Doch seit 2007 geht es wieder bergauf. Mit 3,1 Prozent ist der Marktanteil von Vinyl verglichen mit anderen Tonträgern wie etwa der CD (60,6 Prozent) zwar noch relativ bescheiden. Doch das Wachstum sei enorm, sagt der Verband. Allein in den ersten zehn Monaten dieses Jahres gingen rund 1,4 Millionen Platten über den Ladentisch – etwa 25 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres.

Deutschlands wohl größter Schallplattenhersteller, die optimal media GmbH in Röbel an der Müritz (Mecklenburg-Vorpommern) hat nach eigenen Angaben im vergangenen Geschäftsjahr rund 16 Millionen Platten gepresst und will die Kapazität bis zum Frühjahr auf 22 Millionen steigern.

Sehnsucht nach Entschleunigung

„Was genau die Initialzündung für diesen Boom war – ausgerechnet in einer Zeit, in der alle Zeichen auf Digitalmusik stehen, von der CD über den Download bis zum Streaming – kann man nur vermuten“, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie, Florian Drücke. Wahrscheinlich sei es die Sehnsucht nach Entschleunigung in einer Welt, die immer schneller und in immer mehr Lebensbereichen digitalisiert.

Auch die jüngere Generation hat die Vinyl-Welle längst erfasst. Die Bautzener Band „Silbermond“ etwa hat ihr jüngstes Album „Leichtes Gepäck“ auch auf Vinyl herausgebracht. „Wir schätzen die Haptik und den warmen, satten Vinyl-Sound sehr“, erklären die jungen Künstler mit Frontfrau Stefanie Kloß. „Allein dadurch, dass man die Seiten umdrehen muss und die Nadel neu aufsetzen, setzt man sich auf eine andere Art mit der Musik auseinander. Es ist insgesamt ein wesentlich intensiveres Hören.“

Auch der Klang ist ein Grund für das Comeback der Tonträger. „Der Klang von Schallplatten ist einzigartig weich – nicht zu vergleichen mit dem von MP3-Playern“, schwärmt Carsten Haupt von Celebrate Records. „Wenn man die Augen schließt, hat man das Gefühl, direkt vor dem Künstler zu sitzen.“ Ein geringes Rauschen und Knistern gehöre fast dazu. Er glaube jedoch, dass sich viele der Platten, die jetzt verkauft werden, nie auf einem Plattenteller drehen werden. „Es sind auch Fan-Artikel.“

Aufwändiger Herstellungsprozess

In manchen Plattenläden ist die Nachfrage inzwischen sogar größer als das Angebot. „Wir müssen bei einigen Platten mittlerweile auf die Nachpressungen warten“, berichtet Tino Tuch vom Plattenladen in Dresden-Loschwitz. Das Angebot sei in den vergangenen Jahren besser geworden. „Da wird auch mehr gekauft.“ Viele sähen in der Schallplatte „Kunst zum erschwinglichen Preis“.

An der Herstellung der Schallplatten hat sich in den vergangenen Jahren nicht viel geändert, viele Maschinen sind noch von früher. Die Produktion ist verglichen mit der CD aufwendig, die Tonspur wird bei etwa 180 Grad mit Hilfe von Matrizen ins Vinyl gepresst. Die fertige Platte wird beschnitten und muss 24 Stunden abkühlen. Dennoch sei der Sound jetzt noch besser als früher, glaubt Haupt. „Entscheidend ist die Rezeptur des Vinyl-Granulats. Und die ist geheim.“

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