Werkstattlose Handwerker Warum es Ein-Mann-Betriebe jetzt schwerer haben

Werkstattlose Handwerker brauchen nicht viel mehr als ein bisschen Werkzeug und können daher günstige Angebote machen. Die Ausbildungsumlage macht ihnen allerdings zu schaffen.

Werkstattlose Handwerker brauchen nicht viel mehr als ein bisschen Werkzeug und können daher günstige Angebote machen. Die Ausbildungsumlage macht ihnen allerdings zu schaffen.© picture alliance / dpa Themendienst

Fliesenschneider und Mörteleimer in den Lieferwagen - fertig ist der Ein-Mann-Betrieb. Werkstattlose Handwerker sind günstig und bei Kunden beliebt. Doch eine Gesetzesänderung macht ihnen das Leben schwer.

Sie können fast alles: Fliesen legen, Tapeten kleben, Türen einsetzen. Aufträge erledigen sie auch abends oder am Wochenende – oft zu Stundenlöhnen unter 20 Euro. Zehntausende Handwerker sind in Deutschland als Ein-Mann-Betrieb unterwegs. Ihre Werkstatt passt in einen Lieferwagen, sie kommen für kleinste Jobs. Viele Hausbesitzer haben die Werkstattlosen schätzen gelernt. Doch der Boom könnte bald abflauen. Der Grund: eine Ausbildungsumlage.

Einzelkämpfer machen 42 Prozent der Handwerksbetriebe aus

Ob Fliesenleger oder Gebäudereiniger, Kosmetikerin oder Schneiderin: Von den 580.000 Handwerksunternehmen sind inzwischen 42 Prozent Ein-Personen-Betriebe, wie das Institut für Mittelstand und Handwerk der Uni Göttingen annimmt. „Mein Tablet ist mein Büro“, erklärt Geschäftsführer Klaus Müller. Die Digitalisierung erlaube, den Betrieb von der Baustelle aus zu führen.

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Die Ursachen des Booms lägen jedoch weiter zurück. Seit 2004 kann man in Dutzenden Handwerken auch ohne Meisterbrief einen Betrieb gründen. Damals erhöhte der Bund auch die Förderung für Existenzgründer. Die Beschäftigung stieg, Schwarzarbeit ging zurück. Parallel drängten nach der EU-Erweiterung Handwerker aus Osteuropa auf den Markt.

Solo-Selbstständige machen oft die günstigsten Angebote

Kaum Verwaltungskosten, so gut wie keine Abschreibungen auf Gebäude und Maschinen – da kann man günstige Angebote machen. Das macht die Solo-Selbstständigen in der Regel billiger. Für Verbraucher füllen die Werkstattlosen oft eine Nische. „Sie erledigen auch Kleinstaufträge, die große Betriebe häufig nicht machen“, sagt Müller. Probleme gebe es gelegentlich bei der Gewährleistung: „Sie sind noch nicht lange am Markt, und der Betrieb ist vielleicht in zwei, drei Jahren nicht mehr da.“ Auch die Qualität lasse manchmal zu wünschen übrig.

Viele Solo-Selbstständige bieten gleich mehrere Gewerke an, ersetzen erst die gebrochene Fliese und tauschen dann noch die Dichtungen am Wasserhahn. Allein 120.000 solcher mobiler Generalisten zählte im vergangenen Jahr eine Studie für die Hagebau-Märkte, 50.000 mehr als 2005. Geschätzter Jahresumsatz: 14,7 Milliarden Euro. Man dürfe das nicht als kurzfristigen Trend betrachten, warnen die Auftraggeber. Kein Wunder: Viele kaufen nicht im Großhandel, sondern im Baumarkt.

900 Euro Ausbildungsumlage – viel Geld für Kleinverdiener

Doch Fachleute erwarten, dass die Zahl der Solo-Selbstständigen eher sinkt als steigt. Denn seit dem vergangenen Sommer müssen sie in die Sozialkassen Umlagen für die Ausbildung entrichten. 900 Euro sind das im Jahr. Das ist viel Geld für die Kleinverdiener, die häufig nicht mal Umsatzsteuer bezahlen müssen, so wenig kommt bei ihnen zusammen.

„Die Ausbildung wird solidarisch durch alle Betriebe finanziert, auch durch die, die nicht aus ausbilden“, erklärt Harald Schröer, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe. Mit der Neuregelung werde eine „absolute Ungerechtigkeit“ beseitigt.

„Viele werden das nicht zahlen können“, heißt es beim Institut für Mittelstand und Handwerk. Schröer will dies nicht ausschließen. „Aber das war nicht Sinn und Zweck der Änderung.“ Es gehe auch darum, Scheinselbstständigkeit zu bekämpfen. Immer mehr Unternehmer machten es sich zum Geschäftsmodell, Solo-Selbstständige zu beschäftigen – zu geringen Löhnen und ohne ausreichende soziale Absicherung.

Und Handwerksexperte Müller sieht noch einen weiteren Grund, warum der Boom der Werkstattlosen seinen Zenit überschritten haben könnte: „Es ist zu vermuten, dass bei der guten Arbeitsmarktlage nun häufiger eine abhängige Beschäftigung gewählt wird.“

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