VW-Skandal Winterkorn stürzt über Abgas-Affäre

Das Vertrauen in VW sei das "wichtigste Gut" des Unternehmens, beteuert der Ex-Konzernchef Martin Winterkorn. Wie konnte es trotzdem zu diesem Dekabel kommen?

Das Vertrauen in VW sei das "wichtigste Gut" des Unternehmens, beteuert der Ex-Konzernchef Martin Winterkorn. Wie konnte es trotzdem zu diesem Dekabel kommen?© dpa/picture-alliance

Vor nicht einmal einem halben Jahr überstand Martin Winterkorn einen beispiellosen Machtkampf mit Ferdinand Piëch. Jetzt muss der sonst erfolgsverwöhnte Manager seinen Hut als VW-Chef nehmen. Es ist eine Zeitenwende.

Am Ende blieb ihm keine andere Wahl. Der Druck wurde immer größer auf Martin Winterkorn. Doch dass er – der bei Belegschaft und Aktionären hoch geschätzte Vorstandschef – eines Tages diesen Schritt würde tun müssen, war für ihn kaum vorstellbar.

„Volkswagen war, ist und bleibt mein Leben.“ Winterkorns Erklärung zum Abschied von der Spitze des größten europäischen Autokonzerns nach mehr als acht Jahren zeigt nicht nur das fachliche Entsetzen des Technik-Freaks darüber, dass ein Skandal wie die Abgas-Manipulationen bei rund elf Millionen Autos in „seinem“ Unternehmen möglich ist.

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Sie offenbart auch den persönlichen Schmerz eines perfektionistischen Managers, der sich selbst wie kaum ein anderer mit VW identifizierte – und auch bei den Mitarbeitern starken Rückhalt genoss.

Machtkampf mit Piëch

Gerade hatte der 68-Jährige im Frühjahr ein skurriles Kräftemessen mit seinem langjährigen Mentor Ferdinand Piëch für sich entschieden – ein Machtkampf, der ihn nach eigenen Worten „schon sehr getroffen“ hatte. Winterkorn stand als Sieger da, schien fester denn je im Sattel zu sitzen – auch wenn Mahner nicht müde wurden zu betonen, dass er das Misstrauen des „Alten“ wegen des zu laxen Umgangs mit einigen Baustellen auf sich gezogen hatte.

Die schleppende Entwicklung in den USA, der Zentralismus im VW-Reich, die mangelnde Renditekraft – das waren Themen, die auch Winterkorn unterschätzt hatte und die ihn zu einer Neuausrichtung des Konzerns zwangen. Aber dass eine neue, unerwartete Krise wie das Abgas-Debakel ihn stürzen könnte – damit hätte vor einer Woche niemand gerechnet.

Im Ringen mit Piëch hatten sich die übrigen Kontrolleure des VW-Imperiums noch klar auf die Seite Winterkorns geschlagen. Schon im Frühjahr war dies aber eine emotionale Belastungsprobe für ihn. Wie muss es sich anfühlen, von einer Wirtschaftslegende wie dem Enkel des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche über Jahrzehnte aufgebaut und dann plötzlich fallengelassen zu werden? Und mitzuerleben, wie sich der bisher unanfechtbare Lehrmeister am Ende selbst demontiert?

Winterkorn ist ein Autonarr

Der „bestmögliche“ Vorstandschef – so das damalige Urteil der Aufseher über Winterkorn – ist ein Autonarr, die Auftritte des Hobby-Fußballers sind gefürchtet. „Da scheppert nix“, stellte Winterkorn 2011 auf der Automesse IAA fest, als er an der Lenkrad-Verstellung des VW-Golf-Konkurrenten von Hyundai rüttelte.

Die Szene wurde berühmt durch einen Videoclip bei Youtube und sagt einiges aus über Winterkorn. Er ist ein Technik-Fan und detailversessener Top-Manager – ein „Mr. Qualität“, der jede wichtige Entscheidung selbst treffen wollte. Ingenieure und Designer gerieten regelmäßig ins Schwitzen, wenn der Chef vor dem Start neuer Modelle persönlich zur Endabnahme vorbeischaute und Änderungen verlangte.

Winterkorn wurde am 24. Mai 1947 in Leonberg bei Stuttgart als Sohn eines Arbeiters und einer Hausfrau geboren. Nach dem Studium der Metallphysik und der Promotion begann seine Laufbahn 1977 zunächst bei Bosch. Eine entscheidende Weichenstellung war vier Jahre später der Wechsel in die Audi-Zentrale nach Ingolstadt. Früh arbeitete er im Dunstkreis Piëchs, wurde 1988 Leiter der Qualitätssicherung. 2002 wurde Winterkorn Audi-Chef, 2007 schaffte er es an die VW-Spitze.

Rekordzahlen und komplexe Baustellen

Auch nach seinem Amtsantritt in Wolfsburg war der zweifache Vater erfolgreich, baute den Konzern zu einer Zwölf-Marken-Gruppe aus, fuhr Rekordzahlen ein und ist der mit Abstand bestverdienende Dax-Chef.

Mit der „Strategie 2018“ sorgte Winterkorn für klare Zielvorgaben bei Qualität und Quantität. Spätestens 2018 soll Volkswagen demnach der nach Absatz weltgrößte Autokonzern sein, noch liegt Toyota vorn.

Doch die Baustellen im hochkomplexen Konzern häuften sich – und waren wohl schon Mitauslöser der Piëch-Attacke. Winterkorn steuerte gegen und brachte ein Milliarden-Sparprogramm auf den Weg. Dass er sich bei aller Machtfülle nicht als beinharter Manager gab, sondern auch um einen direkten Draht zur Belegschaft bemüht war, dürfte für Winterkorn im Piëch-Showdown ein wertvolles Plus gewesen sein. Die „Mannschaftsleistung“ sei entscheidend, lautet einer seiner zentralen Sätze. Einen Skandal vom Ausmaß der weltweiten Abgas-Affäre konnte aber auch er nicht überstehen.

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