Unternehmen Burgfrieden auf Zeit? Winterkorn bleibt VW-Vorstandschef

Martin Winterkorn bleibt VW-Chef

Martin Winterkorn bleibt VW-Chef© dpa

Ausgerechnet an seinem 78. Geburtstag muss VW-Patriarch Piëch eine Schlappe einstecken - zumindest auf den ersten Blick. Der vorläufige Sieger im Machtkampf heißt Martin Winterkorn. Doch kehrt damit tatsächlich auf Dauer Ruhe beim Autobauer ein?

In der Machtprobe an der Volkswagen-Spitze hat Vorstandschef Martin Winterkorn nach einer tagelangen Hängepartie einen Sieg errungen. Ungewöhnlich genug: die Attacke des mächtigen Aufsichtsratschefs Ferdinand Piëch auf Winterkorn lief ins Leere. Das ist eine vollkommene neue Erfahrung bei VW – wo das Wort Piëchs eigentlich Gesetz ist. Allerdings: es ist ein Burgfrieden auf Zeit, der in der Salzburger Heimat Piëchs geschlossen wurde.

Denn wichtige strategische und personelle Fragen bleiben nach dem Krisentreffen des innersten VW-Machtzirkels in Salzburg am Donnerstag offen. Wie lange bleibt Winterkorn noch Vorstandschef? Und vor allem: Ist sein späterer Wechsel an die Spitze des VW-Aufsichtsrates nach wie vor eine Option? Was passiert mit Piëch? Und vor allem: wie viel Schaden hat der Machtkampf auf lange Sicht angerichtet? Auch die wichtigsten Probleme sind nach wie vor ungelöst: vor allem die Renditeschwäche der Kernmarke VW und das schwache US-Geschäft.

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Mit dem klaren Bekenntnis des Aufsichtsrats-Präsidiums zu Winterkorn als Vorstandschef dürfte VW zwar nun erst einmal wieder zur Ruhe kommen. Doch wie ist das Ganze zu interpretieren? Eine Lesart ist: Just an seinem 78. Geburtstag kassierte Piëch eine krachende Schlappe. Die mächtigsten VW-Vertreter stellten sich gegen seine Winterkorn-Kritik und stärkten dem Konzernchef den Rücken. Das würde das bisherige Machtgefüge bei Europas größtem Autobauer verschieben. Die andere Variante: Winterkorn hat seinen Kopf nur noch einmal aus der Schlinge gezogen und das dicke Ende naht erst noch.

Piëch hat bisher jeden Machtkampf für sich entschieden

Die Vergangenheit zeigt: Bisher hat der VW-Patriarch noch jeden Machtkampf am Ende für sich entschieden. Oder liegt die Wahrheit in der Mitte? Dann könnte sein Satz aus dem „Spiegel“ („Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“) ein schrillender Weckruf gewesen sein, um sein Lebenswerk Volkswagen für die Zukunft in der Spur zu halten.

Denn trotz allen Erfolgs für den Konzern in Summe gibt es klare Probleme: Die Kernmarke rund um den Golf oder Passat kann in den USA nicht mit der Konkurrenz mithalten – was Piëch schon deutlich bemängelte. Außerdem liegt ihr Gewinn gemessen am Umsatz weit hinter den Zielen und hinter der asiatischen Konkurrenz zurück.

Und so schien der 67-jährige Winterkorn mächtig angezählt, nachdem ihm Piëch Ende vergangener Woche öffentlich über den „Spiegel“ das Vertrauen entzogen hatte. Allerdings bildete sich rasch eine mächtige Unterstützer-Allianz aus Betriebsrat und dem Land Niedersachsen.

Probezeit für Winterkorn?

Nach einer Woche quälender Hängepartie war dann am Freitag klar: Winterkorn, der bestbezahlte Manager im Dax, bleibt an der Konzernspitze – und sein Vertrag soll im nächsten Februar sogar verlängert werden, über sein bisheriges Vertragsende 2016 hinaus.

Doch gilt bis dahin eine Art Probezeit für Winterkorn? Aus Sicht von Branchenexperte Stefan Bratzel hängt nun vieles davon ab, wie sich der Aufsichtsratsvorsitzende künftig zum Vorstandschef positioniert: „Interessant wird sein, ob Piëch sich positiv zu Winterkorn äußert.“

Wie lange hält nun also der Burgfrieden? Eine mit den Vorgängen im Präsidium vertraute Person sagte: „Man darf das nicht überbewerten, das kann jederzeit wieder aufbrechen.“ Ein anderer Insider gab zu bedenken, dass das Zeichen pro Winterkorn mit der in Aussicht gestellten Vertragsverlängerung „deutlicher nicht hätte sein können“. Die Wahrheit liegt womöglich irgendwo dazwischen.

„Uneingeschränkte Unterstützung“ von der Aufsichtsratsspitze

Zwar sprach das VW-Aufsichtsratspräsidium Winterkorn am Freitag seine „uneingeschränkte Unterstützung“ aus. Er sei „der bestmögliche Vorsitzende“, hieß es überraschend klar. Allerdings hat der „Alte“, wie Piëch in Wolfsburg auch genannt wird, bereits in früheren Schlachten bewiesen, dass er einen langen Atem hat.

Denn ungewiss ist seit der Kritik vor allem, ob Winterkorn trotz der Rückendeckung noch weiter als Piëch-Nachfolger für die Spitze des Aufsichtsrats infrage kommt. Das galt bis zum Abrücken Piëchs als gesetzt. Dann sagte Piëch dem „Spiegel“: „Ich strebe an, dass an die Spitze des Aufsichtsrats und des Vorstands die Richtigen kommen.“

Haben sich die Vorzeichen nun inzwischen vielleicht wieder gedreht? Dann könnte Winterkorn nach dem Beschluss des Präsidiums doch wieder „der Richtige“ als Chefkontrolleur sein. Das soll sich aber laut Piëch erst Anfang 2017 kurz vor dem Ende seines Mandats entscheiden. Bis dahin muss Winterkorn vor allem eines tun: liefern.

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