• Claus Sauter – der Guerillero

    Seine Bauernkollegen verspottete Claus Sauter früher als Almosenempfänger. Dann machte er selbst die Agrarsubventionen und Ökomilliarden zu seinem Geschäftsmodel - und wurde reich. Sein neuestes Ding heißt Biogas.

    Runde Betonzylinder ragen fünf Stockwerke hoch in den uckermärkischen Himmel. Dicht an dicht stehen sie in langen Reihen. Ein kräftiger Wind verteilt den süß-säuerlichen Geruch von vergorenem Getreide. Darunter mischt sich das beißende Aroma von reinem Ethanol. Alkohol für die Zapfsäulen im Land. Zielstrebig läuft Claus Sauter auf eine Stahltreppe zu. Von oben hat er den besten Blick über sein Imperium: links die Biodieselanlage, vor ihm die für Bioethanol und unter ihm die neuen Tanks voller Biogas.

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    Claus Sauter blickt zufrieden über das Firmengelände. In direkter Nachbarschaft zu Raffinerien, die für Shell, Agip und Aral russisches Öl zu Benzin und Diesel veredeln, produziert er in Schwedt an der deutsch-polnischen Grenze grüne Kraftstoffe aus heimischer Biomasse. Mitten “in der Höhle des Löwen”, wie er sagt. Das garantiert kurze Transportwege, schließlich sind die großen Konkurrenten zugleich seine Kunden. Sauter verkauft seine Biokraftstoffe vor allem an die Mineralölkonzerne. Die mischen sie dann herkömmlichem Sprit bei: Bioethanol zu Benzin und Biodiesel zu normalem Diesel. Nicht weil sie wollen, sondern weil sie mit ihren Produkten mindestens 6,25 Prozent Biokraftstoffe in Verkehr bringen müssen. So verlangt es die Politik. Diese verpflichtende Quote ist Sauters Geschäft.

    “Ich bin Guerillakrieger”, sagt der 46-Jährige über sich selbst. Er greift zwar nicht gerade aus dem Hinterland an, aber er hat in den vergangenen Jahren im wahrsten Sinne des Wortes viele “kleine Kriege” geführt. Nach jedem Rückschlag kam er stärker zurück. Seine Taktik passte er stets flexibel an wechselnde Umstände an. Binnen wenigen Jahren formte er so den größten konzernunabhängigen Anbieter von Biokraftstoffen in Deutschland: die Verbio AG mit einem Umsatz von 750 Mio. Euro und 800 Mitarbeitern.

    Die Beimischungspflicht für Sprit ist nicht die erste Subvention, die Sauter geschickt nutzt, um einen Markt zu erobern, den es ohne politische Regulierung gar nicht geben würde. Grüne Kraftstoffe sind bislang nur konkurrenzfähig, weil sie gefördert werden. Ohne Subventionen hätte Sauter kein Geschäftsmodell. Doch er ist keiner, der sich in die staatliche Hängematte legt. Er agierte stets klüger als viele Unternehmer, die mit der jeweiligen Subvention wieder vom Markt verschwanden. Aktuellstes Beispiel: die Pleiten in der Solarindustrie.

    Heute will Sauter allein laufen, er hat “die Schnauze voll von dem ganzen Hin und Her der Politik”, wie er sagt. “Wir brauchen möglichst geringe Eingriffe in den Markt, am besten gar keine.” Zu oft hätten Politiker die Spielregeln geändert. Aus dem Subventionsprofiteur ist ein Subventionsgegner geworden.

    Der letzte Überlebende

    Kaum eine Branche wird so mit Subventionen überhäuft wie die Landwirtschaft, aus der Sauter stammt. Als junger Mann arbeitet er im Betrieb seines Vaters im Allgäu. Sie kaufen Heu, Stroh und Getreide auf, lagern es ein und fahren es im Winter zu den Milchbauern auf die Alm. Die Bauern und mit ihnen die Sauters sind abhängig von Überweisungen aus Brüssel.

    1991, direkt nach der Wiedervereinigung, sieht Sauter eine Chance für den Betrieb seiner Familie. Er studiert damals BWL, ist 24 Jahre alt. Spontan setzt er sich ins Auto und braust die A?9 hoch, vorbei an riesigen Äckern, die erst am Horizont verschwinden. Er ist beeindruckt. 1000 Hektar bewirtschaften dort die Landwirte, nicht 30 wie im Allgäu. Keine Bauern mit Gummistiefeln, sondern Leute mit Hochschulabschluss, wird er zu Hause erzählen. Da sei noch was zu holen. Er beschließt zu expandieren. Doch er wird nicht wie im Allgäu Landwirte zu seinen Kunden zählen. Ein anderes Geschäft ist viel profitabler.

    Weil die Bauern zu viel Getreide produzieren, kauft die Europäische Union die überschüssigen Kapazitäten auf, um den Preis zu stützen. Es ist die Zeit der Butterberge und Milchseen. Sauter hat eine ebenso einfache wie kluge Idee: Anstatt mit Getreide zu handeln, lagert er es für die EU ein. In Zörbig baut er eine Halle, 135 Meter lang, 45 Meter breit. In der Hochphase kassiert er aus Brüssel 360.000 Euro pro Monat, fürs Nichtstun. Als die EU-Bürokraten 1993 umschwenken und die Bauern dafür bezahlen, dass sie ihre Felder brachliegen lassen, bricht Sauters Geschäft weg. Doch er hat schon eine neue Idee: Biodiesel.

    Gas geben lohnt sich
    Die Fahrzeugflotten vieler Unternehmen könnten künftig effizienter und zugleich ökologischer bewegt werden: mit Biogas.
    Bis zu 90 Prozent CO2 lassen sich gegenüber dem Einsatz von fossilem Benzin einsparen, wenn man auf Biogas als Kraftstoff setzt. Aus ökonomischer Sicht ist aber entscheidend: Mit Biogas als Treibstoff lassen sich die Spritkosten des Fuhrparks um bis zu 50 Prozent senken.
    Gas fährt weiter Der Vorteil: Biogas, das chemisch identisch mit Erdgas ist, weist eine weit höhere Energiedichte als Benzin und Diesel auf, wird zudem weniger stark besteuert. Die Deutsche Energie-Agentur (Dena) fordert, die Preise für Kraftstoff nicht mehr in Liter, sondern nach Energiegehalt auszuzeichnen. So würde der Vorteil auf einen Blick erkennbar: Zehn Kilowattstunden Energie für den Tank kosten demnach bei Benzin 1,76 Euro und bei Diesel 1,39 Euro. Bei Erdgas sind es 76 Cent. (Verbio verkauft sein Biogas an den Tankstellen zum gleichen Preis wie Erdgas.) Anders ausgedrückt: Betankt man einen Mittelklassewagen für 20 Euro, schafft er 193 Kilometer mit Benzin, 268 Kilometer mit Diesel und 419 Kilometer mit Erd- beziehungsweise Biogas. Die höheren Anschaffungskosten für so ein Fahrzeug lassen sich laut Dena – je nach Modell – in zwei bis acht Jahren einfahren.

    Auf einer Fachmesse hat er eine Ölmühle gesehen, die aus Raps Kraftstoff herstellt. Genial, findet Sauter. Und weil die EU den Anbau von Energiepflanzen auf den brachliegenden Äckern erlaubt, auch ökonomisch interessant. Sauter kann diese Flächen günstig nutzen.

    Biodiesel ist damals noch fast unbekannt, der Anteil an der gesamten Kraftstoffmenge in Deutschland liegt bei unter einem Prozent. Sauter will das ändern. Er karrt die Energiepflanzen in die Niederlande, wo es eine Raffinerie für Biodiesel gibt, und fährt mit Biosprit wieder zurück. Als der Markt wächst, baut er im Jahr 2000 seine erste eigene Biodieselanlage in Bitterfeld.

    Auch die Politik gerät in Bewegung. Ab Januar 2003 gilt in Deutschland eine Steuerbefreiung für Biodiesel. So will die Bundesregierung eine Verordnung der EU erfüllen. Nun beginnt in der Branche ein Wettrennen um die nächste Anlage. Bis 2006 explodiert der Markt regelrecht: Viele Logistikunternehmen betanken ihre Flotten mit dem steuerbefreiten Biodiesel, auch weil der Mineralölpreis durch die Decke geht. Die Kapazität von Biodiesel vervielfacht sich binnen wenigen Jahren (siehe Grafik auf dieser Seite). “Jeder Depp baute eine Anlage”, sagt Sauter heute.

    Auch er wird von der Goldgräberstimmung angesteckt, investiert kräftig, macht aber nicht den Fehler vieler Konkurrenten, ausschließlich auf reinen Biodiesel zu setzen. Neben einer weiteren Biodieselanlage baut er auch zwei für Bioethanol. Das eröffnet ihm das Geschäft mit der Beimischungsquote auch bei Benzin, nicht nur bei Diesel.

    Die Zukunft scheint rosig. Sauter wagt den nächsten Schritt, bringt seine Anlagen und das Landhandelsunternehmen Märka, mit dem im Osten alles begonnen hat, unter dem Namen Verbio Vereinigte Bioenergie AG an die Börse. “Wir befinden uns jetzt am Anfang der Entwicklung, das Wachstumspotenzial ist riesig”, sagt er euphorisch in einem Interview. Noch weiß er nicht, dass die Politik die Spielregeln kurz darauf radikal verändern wird. Ab dem 1. Januar 2007 hebt die Große Koalition unter Bundeskanzlerin Angela Merkel die Steuerbefreiung für Biodiesel auf, entgegen allen gemachten Versprechen.

    In der hoch subventionierten Branche beginnt das große Sterben. Verbio überlebt nur, weil Sauter die Produktion von einem auf den anderen Tag stoppt. Es sei besser, die Anlagen stillzulegen und nur die Fixkosten zu zahlen, als mit Arbeit Geld zu verlieren. “Den Fehler haben viele meiner Wettbewerber gemacht”, sagt er rückblickend. “Wir haben uns auf das verlassen, was die Politik lange kommuniziert hat. Eine vermeintliche Sicherheit war das.” Es ist ein einschneidendes Erlebnis. Sauter beschließt, unabhängiger zu werden von den Launen der Politik. Es ist die Geburtsstunde des Projekts Verbiogas.

    Grün und endlich effizient

    Biogas als Kraftstoff zu nutzen hat einen entscheidenden Vorteil: Als Energieträger ist es hochgradig effizient und kann deswegen ohne Subvention bestehen. “Das ist schon heute wettbewerbsfähig”, sagt Sauter. “Und zwar ohne jede Förderung.”

    Künstlich geschaffen
    Der Markt für Biosprit ist durch jahrelange Subventionen entstanden. Doch die Politik hat die Spielregeln mehrfach geändert. Die wichtigsten Etappen und die Vorgaben, die noch kommen
    Die Steuerbefreiung Anfang 2003 tritt die vom Bundestag beschlossene Steuerbefreiung für reinen Biodiesel (B100) in Kraft. In den folgenden Jahren explodiert der Markt für reinen Biodiesel. Die Subvention soll eigentlich bis 2009 laufen, doch im August 2006 beschließt die Große Koalition, Biodiesel schrittweise zu besteuern.
    Die Beimischung Im Januar 2007 tritt das Biokraftstoffquotengesetz in Kraft. Die verpflichtende Nutzung von Biokraftstoff durch die Mineralölwirtschaft tritt an die Stelle der Steuerbefreiung. Die Hersteller müssen heute mindestens 6,25 Prozent Biokraftstoffe in Verkehr bringen. Die Quote kann dabei sowohl als Beimischung zu fossilen Kraftstoffen (B5, E5, E75) als auch durch reinen Biosprit (B100) erfüllt werden. Außerdem ist es möglich, die Quotenpflicht auf Dritte zu übertragen. So entsteht ein Quotenhandel. Seit Januar 2011 kann die Mineralölindustrie die Quote auch durch den Absatz von Benzin erfüllen, dem bis zu zehn Prozent Bioethanol beigemischt werden (E10).
    Die Klimaquote Ab 2015 soll ein erneuter Systemwechsel erfolgen. Dann ist nicht mehr die Absatzmenge entscheidend, sondern die eingesparten Treibhausgase: Drei Prozent CO2 muss die Mineralölindustrie im Vergleich zu fossilem Kraftstoff einsparen. Diese Sparvorgabe steigt bis 2020 auf sieben Prozent. Dabei gelten für die eingesetzten Biokraftstoffe seit 2009 detaillierte EU-Umweltvorschriften: Mindestens 35 Prozent CO2 müssen gegenüber fossilen Kraftstoffen reduziert werden, ab 2017 dann 50 Prozent. Nur Biokraftstoffe, die diese Nachhaltigkeitsvorgabe erfüllen, sind auf die Quote anrechenbar.

    Seine Rechnung ist simpel: Tankt man denselben Betrag für Diesel oder für Biogas, fährt das Fahrzeug mit Gas deutlich weiter für sein Geld. Bei spritfressenden Bussen und Lkw, die viel unterwegs sind, amortisieren sich die Kosten für die Umrüstung relativ schnell (siehe Kasten Seite 30). Gleichzeitig ist Sauters Gas besonders schadstoffarm. Rund 90 Prozent an CO2-Emissionen lassen sich im Vergleich zu fossilem Kraftstoff einsparen. Ein starkes Argument, um den Verkauf zu fördern. Viele Stadtwerke lassen ihre Erdgastankstellen bereits von Verbio beliefern.

    Sauters Gas erfüllt zudem schon heute die Nachhaltigkeitsverordnung der EU, die ab 2015 gilt und dann schrittweise verschärft wird (siehe Kasten rechts). Also investiert Sauter derzeit kräftig in den Aufbau der Gasproduktion, 50 Mio. Euro allein in diesem Jahr. Seit März betreibt Verbio in Zörbig eine Pilotanlage, die Stroh zu Biogas verarbeiten kann. Auch in Schwedt läuft die Produktion inzwischen. Diese Getreideabfälle stehen quasi unbegrenzt und billig zur Verfügung. Das Biogas ist Sauters Ausweg aus der Subventionsfalle.

    Deshalb tourt sein Bruder Bernd nun durch Ungarn und Weißrussland, um neue Handelspartner zu finden. Richtung Osten scheint das Rohstoffangebot noch schier unerschöpflich, wie damals nach der Wende in den neuen Bundesländern. Auch Sauters jüngere Schwester Daniela arbeitet mittlerweile als Juristin bei Verbio. Jedes Wochenende fahren die drei Geschwister vom Firmensitz in Leipzig nach Oberhausen im Allgäu. Dorthin, wo der Vater sein kleines Landhandelsunternehmen führt. “Der wurschtelt immer noch rum”, sagt Claus Sauter und muss lachen: “Der lernt jetzt von uns.”

    Aus dem Magazin
    Dieser Beitrag stammt aus impulse-Ausgabe 08/2012.

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