Unternehmen Das amerikanische Dilemma: Gute Jobdaten verhehlen große Probleme

Das Capitol in Washington, D.C. ist der Sitz des Kongresses mit Senat und Repräsentantenhaus.

Das Capitol in Washington, D.C. ist der Sitz des Kongresses mit Senat und Repräsentantenhaus.© United States Capitol

Die US-Wirtschaft erlebt gerade ein Feuerwerk guter Nachrichten. Präsident Barack Obama lobt sich selbst für die Erholung des Arbeitsmarktes. Doch ein genauer Blick auf die Jobdaten enthüllt große Probleme.

Nach anhaltend guten Wirtschaftsnachrichten klopft sich Präsident Barack Obama derzeit gern selbst auf die Schulter. „Wir haben uns wieder zurückgekämpft“, erklärt der Mann, der 2009 in der schwersten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg sein Amt antrat, dieser Tage mit einem selbstbewussten Lächeln. „Unsere Energie-, Technologie und Autoindustrie boomt.“ Amerika habe sich unter seiner Politik schneller von der Krise erholt als die meisten anderen reichen Länder, so Obama. „Das ist kein Zufall.“

Die Zahlen vom Jobmarkt am Freitag dürften seine gute Laune noch verbessern: Experten erwarten erneut einen deutlichen Zuwachs. Bereits seit Februar nahm das Stellenangebot monatlich stetig um mehr als 200.000 zu, im Juni lag das Plus sogar bei 288.000 Jobs. Solch eine Positivserie gab es zuletzt in den 1990-er Jahren. Die Arbeitslosenquote ist mit 6,1 Prozent so niedrig wie seit rund sechs Jahren nicht mehr. Sogar die US-Notenbank Fed strich die Warnung vor einer „erhöhten“ Quote aus ihren Veröffentlichungen.

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Immer weniger Senioren haben genügend Ersparnisse

Das klingt alles nach einem kleinen Jobwunder, nach einem prächtigen Comeback der weltgrößten Volkswirtschaft. Doch Zahlen auf dem Papier können täuschen. Tatsächlich sind zwar seit dem Ende der Rezession im Juni 2009 fast 8 Millionen neue Jobs geschaffen worden. Gleichzeitig ist aber die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter um mehr als 12 Millionen Menschen gewachsen. Und weil immer weniger Senioren genügend Ersparnisse haben, um mit 65 in Rente gehen zu können, werden die Arbeitsplätze noch knapper.

Bei vielen der neuen Jobs handelt es sich zudem nicht um Vollzeitstellen. Davon gibt es immer weniger. Das Plus kommt stattdessen von Teilzeitangeboten, oft in Restaurants oder Kaufhäusern, die weniger Geld bringen und kaum Sonderleistungen wie bezahlten Urlaub oder eine Krankenversicherung. Weniger als die Hälfte der US-Beschäftigten hat überhaupt noch einen Vollzeitjob. Gut 7 Millionen Bürger arbeiten gänzlich unfreiwillig in Teilzeit. Vor der Rezession waren es nur etwa 4 Millionen. Rechnete man sie in Arbeitslosenquote ein, läge diese bei über 12 Prozent.

Hoher Anteil an Langzeitarbeitslosen

Experten wie die Fed-Chefin Janet Yellen wissen, dass von einem Jobwunder daher eigentlich keine Rede sein kann. „Dass es so viele Teilzeitbeschäftigte gibt, ist ein Zeichen, dass die Arbeitsmarktbedingungen schlechter sind, als es die Erwerbslosenquote aussagt“, meinte sie kürzlich. Die Zentralbank hat daher eine neue Phrase erfunden: Es gäbe eine „Unterauslastung“ auf dem Jobmarkt. Übersetzen ließe sich das so: Zu wenige Bürger haben einen Arbeitsplatz, der noch eine Familie ernähren könnte.

Die oppositionellen Republikaner versuchen angesichts der Situation, Obama den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er sei für die „schwächste wirtschaftliche Erholung“ der Neuzeit verantwortlich, sagen sie. Tatsächlich dauerte es sechs Jahre, um die in der Rezession verloren gegangenen Stellen überhaupt wieder aufzubauen – doppelt so lange wie nach früheren Wirtschaftskrisen.

Am deutlichsten drückt sich das Problem in der sogenannten Teilnahmequote (participation rate) aus. Nur noch knapp 63 Prozent der US-Bürger über 16 stellen sich überhaupt für den Arbeitsmarkt zur Verfügung – so wenige wie seit 1978 nicht mehr. Viele Millionen haben die Jobsuche frustriert aufgegeben. Und auch der Anteil der Langzeitarbeitslosen liegt deutlich über dem historischen Schnitt.

Gut bezahlte Jobs in der Industrie fehlen

„Der Arbeitsmarkt ist weit von dem entfernt, was er vor der Finanzkrise war“, resümierte jüngst das „Wall Street Journal“. Vor allem gut bezahlte Jobs in der Industrie seien nicht wiedergekommen. So gilt oft: Wer eine Stelle gefunden hat, muss sich mit einem geringeren Einkommen zufriedengeben. Die Lohnsteigerungen können längst nicht mehr mit der Inflation mithalten – das mittlere Haushaltseinkommen liegt unter dem vor der Rezession.

Ein US-Amerikaner, der Vollzeit arbeitet, verdient im Durchschnitt inflationsbereinigt heute weniger als vor 40 Jahren. „Das Vertrauen in den amerikanischen Traum schwindet schnell“, schlussfolgert der Publizist Mortimer Zuckerman und spricht von einem „amerikanischen Dilemma“.

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