Leben Das beste unternehmerische Training für Kinder: Genug Spielen

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Wenn die Kinder wegen des Streiks nicht zur Kita können, müssen Arbeitnehmer und Arbeitgeber eine gute Lösung finden.

Wenn die Kinder wegen des Streiks nicht zur Kita können, müssen Arbeitnehmer und Arbeitgeber eine gute Lösung finden. © kristall - Fotolia.com

Die Unternehmer von morgen brauchen heute weniger Schul- und Aktivitätenstress - sondern Zeit zum Spielen! Vor lauter Bildungssorgen der Eltern kommt bei den Kindern das freie Spielen zu kurz, schreibt impulse-Bloggerin Béa Beste. Ihre Tipps für Eltern.

Der wichtigste Rohstoff, den wir hierzulande haben, sind die Fähigkeiten unserer Kinder. Wir wollen sie glücklich wissen, sie sollen erfinderisch und unternehmerisch sein und sich so entwickeln können. Was bereitet unserem Nachwuchs eigentlich den Weg? Die Schule?
Schauen wir genauer hin: Alle reden über PISA, also die OECD Bildungsvergleichstudie. Und alle machen sich fürchterliche Sorgen, dass unsere Kinder ungenügend punkten. Haben Sie denn schon die letzten Ergebnisse näher begutachtet? Diesmal, also in 2012, war der Schwerpunkt sogar Mathematik und Naturwissenschaft – der heilige Gral der Bildung. Das, was die Schlauen von den Dummen trennt, die Erfolgreichen von den Loosern, die High-Potentials von der Zimmerdeko, und die, die später einen Business Plan auf die Reihe bekommen von… ach ja, den anderen. Wir sind ja hier unter uns Unternehmer.

Die gute Nachricht: Unsere Kinder sind nicht dumm.
Die 15- und 16-Jährigen, die stellvertretend für Deutschland unser Land unter den 65 teilnehmenden Ländern und Volkswirtschaften in 2012 repräsentierten, haben sich echt passabel geschlagen: Im Gesamtergebnis sind „wir“ im obersten Drittel. Auf Platz 16, nur 4 Plätze hinter dem vielbesungenen Bildungs-El-Dorado Finnland.

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Die schlechte Nachricht: Unsere Kinder sind unglücklich
Alles prima, könnte man jetzt denken. Aber bei PISA geht es nicht nur um Fachwissen, genauso wie die heutigen erfolgreichsten Unternehmer nicht die besten Schüler damals waren (hören Sie sich einfach in Ihren Kreisen um, ich habe es getan.)
Wussten Sie, dass die OECD Studie auch mal danach fragt, wie glücklich Kinder sind? Ziemlich schlecht haben wir hier abgeschnitten: Diesmal sind wir im unteren Drittel, auf Platz 16 von unten, unter dem Durchschnitt und damit näher an Korea als uns jemals lieb wäre. Das sollte uns Sorgen bereiten. Denn genau das sagt viel über das unternehmerische Potential für die Zukunft aus.

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Die noch schlechtere Nachricht: Unsere Kinder sind gestresst
Gut, jetzt könnte man das kulturell abtun, und argumentieren, dass es den typischen Deutschen nicht liegt, sich als glücklich zu erklären. Dass es womöglich unter Jugendlichen ziemlich uncool ist, die Worte Schule und Glück in einem positiven Zusammenhang zu bringen. Na gut: Schauen wir mal, was die unschuldigen Zweit- und Drittklässler meinen, die die Wahrheit auf der Zunge tragen: Sie klagen über Stress.

Jeder dritte Zweit- und Drittklässler fühlt sich in der Grundschule gestresst. Dies ergab eine bundesweite Befragung von fast 5000 Kindern zwischen sieben und neun Jahren, die der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB), das Prokids-Institut Herten und weitere Institutionen 2011/2012 durchführten. Demnach gaben 33 Prozent der Kinder die Schule als Stressauslöser Nummer Eins an. Stress? Wie bitte??? Bei Zweit- und Drittklässlern? Die Leiterin des Prokids-Instituts, Anja Beisenkamp, war total überrascht: „Für Erwachsene, die sich die Kindheit immer noch als Hort der Glückseligkeit vorstellen, ist es allerdings erschreckend zu hören, dass Stressthemen die Kinderzimmertür so leicht passieren können.“ Dabei hatte die Studie mit ihrer speziell auf Kinder aus allen Gesellschaftsschichten abgestimmten Fragenbatterie dafür gesorgt, dass Kinder nicht einfach den Erwachsenen nachplappern. Die Kinder litten.

Auch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Gerd Schulte-Körne, schlägt Alarm: Der steigende Leistungsdruck in der Schule treibe viele Kinder in eine gefährliche Überforderung. „Dass jetzt schon Erstklässler Angst haben, in der Schule zu versagen, ist erschreckend“, sagte der Münchner Professor dem Forschungsmagazin seiner Hochschule.  3% der Grundschüler und 6% der Jugendlichen seien diagnostiziert depressiv.

Von Stress habe ich bei meinen Unternehmerfreunden nicht gehört, als wir über ihre Kindheit sprachen: Sie waren schlecht in der Schule, Sitzenbleiber, Blaubriefnachhausebringer… und glücklich dabei. Sie zogen Nachmittags mit Freunden los, sie machten Bolzplatz und Straßenzüge oder Wiesen unsicher, sie kamen mit Schrammen an den Knien und Drecksklamotten zurück. Sie durften lernen auf ihre Art und Weise, und sie taten es auch: spielend.

Was war zuerst? Der Schuldruck oder der Elterndruck?
Insgesamt breitet sich im Zusammenhang mit Bildung unguter Stress bei allen aus.  75 Prozent der Frauen mit schulpflichtigen Kindern geben an, sich durch die Schule der Kinder belastet zu fühlen, hat die Studie „Eltern-Lehrer-Schulerfolg“ der Konrad Adenauer Stiftung ergeben. Heraus kam, dass Eltern in der „Mitte“ sich in einer ambivalenten Rolle sehen, was bis zu einer „inneren Zerrissenheit“ führen kann. Während sie einerseits die ganze Persönlichkeit ihres Kindes und seine individuellen Potenziale fördern möchten, konzentrieren sie andererseits ihre Bemühungen mit zunehmendem Alter des Jugendlichen auf gute Noten für einen guten Schulabschluss. Eltern in den unteren sozialen Milieus sind dem Anspruch der Schule hilflos ausgeliefert. In der Wahrnehmung der Eltern wird das Üben an sie delegiert, das Schulsystem laugt sie aus.

Lehrer und Schulbetreiber sind aber nicht allein die Einpeitscher. Eltern, besorgt um gute Noten zur Sicherung eines Ausbildungs- oder Studienplatzes, drängen die Schule „nicht nur zu vermehrten Leistungsanforderungen überhaupt, zu umfänglicheren Hausaufgaben usw., sondern insbesondere zu einer weitgehenden Konzentration auf kognitive Leistungsangebote und -anforderungen“ – so das Fazit einer Untersuchung der Kommission „Anwalt des Kindes“ für das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Weiterbildung von Rheinland-Pfalz. Der schwarze Bildungspeter geht also um.

Wat nu? Mehr spielen!
Was macht Kinder glücklich? Was macht sie stark für die Zukunft? Was macht sie unternehmerisch? Ich zitiere den Pädagogikprofessor Dr. Christian Rittelmeyer, in “Erziehungskunst“, Feb. 2013, unter Bezug auf den Clinical Report der American Academy of Pedriatics von Kenneth R. Ginsburg: „Heranwachsende, denen in der Familie, in Vorschul- und Grundschuleinrichtungen genügend Zeit zum Spielen gegeben wurde, zeichnen sich später durch bessere schulische Leistungen, durch Kreativität, Widerstandsfähigkeit (Resilienz), Selbstvertrauen und soziale Fähigkeiten aus.“

Ja. Die Experten sagen, die Kinder spielen zu wenig: Die Armen und „Bildungsfernen“ nicht, weil sie vor der Glotze verwahrlosen. Die anderen nicht, weil die Eltern sie durchplanen und von Babyyoga zu Frühchinesisch karren. Macht alles nicht glücklich – im Gegenteil. An dieser Stelle sei festgestellt: Wenn ein Kind unglücklich ist, ist es egal, ob das ein Reiche-Leute-Kind oder Arme-Leute-Kind ist. Es ist ein unglückliches Kind.

Mit der Sorge um die Zukunft, um sichere Arbeitsplätze, um Wachstum und Wettbewerb bringen wir unsere Kinder um das, was ihrer Entwicklung am besten tun würde. Sie brauchen nicht noch mehr Lehrpläne und Reformen. Unsere Kinder brauchen alle mehr Zeit und Gelegenheiten, sich frei auszutoben, die Welt zu erkunden, herum zu experimentieren. Dies mit und ohne Erwachsenen, mit liebevoller Anleitung oder völlig losgelassen – aber mit dem Selbstverständnis, dass es gut für sie ist.

Kinder brauchen das: Ein freies, ungezwungenes Beobachten und Ausprobieren der Dinge in ihrer Welt, bei dem sie auch Scheitern erleben und es mit Freude und Experimentierlust als Teil des Lernprozesses akzeptieren. Ein Schaffen, bei dem Phantasie und Kreativität so viel zählt wie in einer Startup-Garage im Sillicon Valley. Die australische Stiftung „Play for Life Australia“ stellt ganze Container gefüllt mit sauberem Industriemüll auf Schulhöfe in sozial benachteiligten Gebieten, trainiert die Lehrer um den Kindern mehr Spiel-Freiheit zu geben und erreicht durchweg bessere Leistungen in Mathe, Englisch und Naturwissenschaften.

Sind Sie Elternteil? Müssen Sie ran, auch wenn es Sie langweilt?
Das Problem ist, viele Eltern haben das Spielen verlernt. In einer Studie mit über 2000 Eltern von Kindern im Alter von 5 bis 15 Jahren in Großbritannien haben 21% der Erzihungsberechtigten angegeben, dass sie nicht mehr wissen, wie Spielen geht und mit ihren Kindern zusammen hilflos sind. Viele Eltern haben schlichtweg auch keine Lust darauf. Gehören Sie auch zu denjenigen, die Playmobilfiguren, Bastelbögen oder sonstigem Kinderkram nichts abgewinnen können und bekommen jetzt Panik, dass sie jetzt Stunden auf dem Kinderzimmerteppich absitzen müssen? Nein, keine Sorge. Hier sind einige handfeste, entspannende Anregungen:

  • Schaffen Sie einfach Freiräume, in denen die Kinder spielen. Planen Sie nicht alles durch, scheuen Sie keine Langeweile – daraus entstehen meistens die besten Ideen.
  • Elternsein ist mit dem Job einer Führungskraft zu vergleichen – delegieren inklusive. Das andere Elternteil, Oma und Opa und der Babysitter können vieles übernehmen.
  • Widerstehen Sie dem Gruppen- und Sorgendruck: Nein, es muss nicht noch ein Kurs belegt werden, wenn die Woche schon voll belegt ist.
  • Ein Kind mit Matheschwäche lernt auch beim Kartenspielen oder Backgammon, ein Kind mit Rechtschreibschwäche beim Lesen und anschließendem Rezensionschreiben bei Amazon oft mehr als in mühsam aufgezwungener Nachhilfe.
  • Suchen Sie die Aktivitäten aus, die allen Beteiligten Spaß machen: Ist es Kochen oder Backen? Kicken? Enten füttern? Mikrowellenexperimente mit Marshmallows? Alles geht. Erinnern Sie ich, was Sie gern als Kind gemacht haben. Oder was Sie jetzt entspannt und begeistert.
  • Computerspiele sind nicht zu verteufeln – es kommt auf das richtige Maß an. (Eine Schule in New York unterrichtet allein basierend auf Computerspielen). Sie müssen sie nicht mal spielen – darüber reden, Strategien verstehen, das Spiel durchschauen: Das macht selbst Angry Birds pädagogisch wertvoll.

Machen Sie sich klar, das Spielen für Kinder kein Zeitverplempern ist. Es ist ihr Job, ihre Arbeit, ihre Art, die Welt zu entdecken und zu erforschen. Frei nach dem Motto: „Ich spiele, also lerne ich.“ Frei und unternehmerisch.

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