Unternehmen Der Angriff auf die Spreewaldgurke

Produktion von Spreewaldgurken in Golßen (Brandenburg).

Produktion von Spreewaldgurken in Golßen (Brandenburg).© Picture Alliance / Keystone

Schwarzwaldschinken aus Virginia? Kölsch aus Texas? Für viele Deutsche war spätestens damit der Plan für eine Freihandelszone mit den USA unten durch. Für Bauern steht aber noch viel mehr auf dem Spiel als regionale Kostbarkeiten.

Grün und saftig, sauer – oder manchmal süßlich: Gurken aus dem Spreewald sind bundesweit ein Verkaufsschlager. Doch bei der diesjährigen Grünen Woche ist die Spezialität zum Symbol für die Sorgen Vieler in der Ernährungsbranche geworden. „Wir wollen, dass unsere regionale Produktion wie die Spreewaldgurke weiterhin Bestandteil des Marktes ist“, fordert Bauernpräsident Joachim Rukwied und greift die Entrüstung auf, die das geplante Freihandelsabkommen mit den USA im Vorfeld der weltgrößten Agrarmesse auslöste.

Ob Schwarzwaldschinken, Nürnberger Bratwurst oder Spreewaldgurke – an ihnen hängt mehr als die Frage, ob regionale Spezialitäten Europas unter die Räder kommen, wenn Zollschranken zu den USA fallen. Mehr denn je treibt die Branche und ihre Kritiker auf der Grünen Woche in Berlin um, welche Landwirtschaft die Deutschen eigentlich wollen.

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„Jetzt geht’s um die Wurst: Eine weitere Globalisierung der Land- und Ernährungswirtschaft ist aus Sicht der Verbraucher nicht akzeptabel“, entrüstet sich der Naturschutzbund-Chef Olaf Tschimpke. Bauernpräsident Rukwied beschwört den bäuerlichen Familienbetrieb. Doch der Wandel ist in vollem Gange.

„Wir sehen die bäuerliche Landwirtschaft gefährdet“

Ein Bauer ernährt nach Verbandsangaben heute rechnerisch 144 Menschen – mehr als dreimal so viele als 1980. Schweine- und Geflügelbestände wachsen, kleine Familienbetriebe verschwinden. Mehr als 5000 Betriebe sind inzwischen Agrarunternehmen – sei es als Genossenschaft, als GmbH oder als AG – mit durchschnittlich mehr als 500 Hektar. Sie liegen vor allem im Osten, wo sich immer mehr Ausländer einkaufen.

Sollte unter dem Kürzel TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership) die größte Freihandelszone der Welt entstehen, konkurrieren sie mit ähnlich großen Betrieben in den USA. Die Bedingungen dafür werden gerade ausgehandelt.

„Wir sehen die bäuerliche Landwirtschaft gefährdet“, warnt der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Hubert Weiger. Gegen billiges Hormonfleisch aus Übersee sei deutsches Fleisch im Supermarkt chancenlos. Weiger fordert deshalb einen Neustart der Verhandlungen. „Wir haben viel zu verteidigen. Und wir wollen es nicht auf dem Altar der Agrarindustrie und des Freihandels opfern.“

Ernährungsindustrie: Wachstum bringt nur der Export

So weit will die Ernährungsbranche nicht gehen. „Wir sind eine exportorientierte Branche und brauchen ein solches Abkommen“, sagt Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie. Sein Problem: Der Markt in Deutschland stagniert, Wachstum bringt nur der Export.

Für den baden-württembergischen Agrarminister Alexander Bonde (Grüne) birgt das Abkommen aber durchaus Risiken. Es dürfe „nicht der Hebel sein, um die mittelständische Lebensmittelindustrie in Europa zu schleifen“, warnte Bonde in Berlin. Die Ernährungsbranche verweist indes auf eine Unternehmerumfrage, nach der 2014 knapp jeder zweite hoffte, künftig mehr in die USA zu verkaufen.

Das hofft auch der Bauernverband: „Der Deutsche Bauernverband sagt Ja zu den Verhandlungen“, betont Rukwied. Die hohen Standards bei der Tierhaltung und der Produktion müssten aber bleiben. „Wir wollen nicht, dass bei uns Hormonfleisch auf dem Teller ist.“

113 Treffen mit Lobbyisten

Ob das gelingt ist unklar. Der auf der Messe präsentierte „Kritische Agrarbericht“ wirft den Regierungen vor, dass sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelten, Lobbyisten aber in großer Zahl zu Wort kämen. 113 Treffen mit Vertretern von Lebensmittelkonzernen, Agrarhändlern und Saatgutherstellern wurden demnach gezählt.

Rukwied warnt die Bauern davor, allein aufs Regionale zu setzen, auch wenn dies wieder einer der Trends der Agrarmesse ist. Für den Export seien „Commodities“ nötig – ein Wort für preisgünstige Massenware.

Wie die Landwirtschaft aussehen soll, wird auch auf den Straßen Berlins diskutiert. Dort protestieren regelmäßig zur Grünen Woche 10.000 und mehr Bauern, Umwelt- und Naturschützer bei der „Wir haben es satt“-Demonstration gegen eine Industrialisierung der Landwirtschaft. Dieses Jahr jedoch gibt es erstmals auch eine Gegenkundgebung, angemeldet von Landwirten, die sich diese Kritik nicht mehr bieten lassen wollen. Ihr Motto: „Wir machen Euch satt.“

1 Kommentar
  • Dr. Böhm 19. Januar 2015 07:48

    Ein heisser Tipp an unsere Politiker (die ja den deutschen Volk dienen wollen): Karl May lesen!
    Dort werden die Amerikaner (Yankees) immer wieder als gerissene Kaufleute dargestellt. Diese Lektüre hätte vielleicht den ein oder anderen deutschen Banker vor der Peinlichkeit gerettet, sich wertlose immobilienbesicherte Papiere andrehen zu lassen. Jetzt soll gleich ganz Europa übers Ohr gehauen werden. Wieviele der EG-Politiker haben das Vertragswerk gelesen? Hat es einer verstanden?
    Idealerweise: Ablehnen!

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