Unternehmen Der Umweltaktivist: Vom Studenten zum Vorstand

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“Es gibt also noch genügend Raum, weiter zu wachsen”, sagt Felix Schäfer

“Es gibt also noch genügend Raum, weiter zu wachsen”, sagt Felix Schäfer© Brigitte Aiblinger

In der Serie "Junge Chefs" stellen Schüler der Kölner Journalistenschule Menschen vor, die früh den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben. Dieses Mal: Felix Schäfer, der mit 24 Jahren einen bundesweit aktiven Ökostrom-Anbieter leitet.

Was treibt junge Menschen an, das zu tun, was andere selbst im hohen Alter nicht wagen: den Schritt in die Selbstständigkeit? Schüler der Kölner Journalistenschule haben Unternehmer getroffen, die genauso alt sind, wie sie selbst. In der neuen Serie “Junge Chefs” porträtieren sie eine neue Gründergeneration.
 

Bücher und Kartons stapeln sich in dem kleinen Glaskasten an der Pädagogischen Fachhochschule Heidelberg. Mittendrin sitzt Felix Schäfer – jungenhaft lächelnd. In einer Hand hält er eine Schachtel Erdbeeren aus der Region. „Der ein oder andere Kunde staunt nicht schlecht, wenn er hierher kommt“, sagt der 24-Jährige. Der Umzug in ein größeres, erwachseneres Büro steht bereits an. Schäfer ist immerhin Vorstand des Ökostrom-Anbieters „Bürgerwerke“.

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Vom Studenten zum Vorstand in vier Jahren. Manchmal kann Schäfer selbst kaum glauben, was ihm da widerfahren ist. 2008, als 18-jähriger Schülersprecher, hatte er sich dafür eingesetzt, dass auf dem Dach der benachbarten Realschule eine Solaranlage installiert wurde. Mit Erfolg: Die Anlage versorgt bis heute die Schule mit Strom.

Als Schäfer nach seinem Abitur 2009 dann nach Heidelberg ging, um Physik zu studieren, wollte er an der Universität ähnliches erreichen. Er tat sich mit einigen Kommilitonen zusammen, um Geld für eine erste Anlage zu sammeln. Im September 2010 stand die Photovoltaikanlage auf dem Dach der Pädagogischen Hochschule. Er merkte: „So schwer war das gar nicht“, erzählt Schäfer, der selbst in der Pfalz geboren ist. Die Studentengruppe beschloss, die ganze Region mit Sonnenstromanlagen zu versorgen. Die Idee der Heidelberger Energiegenossenschaft (HEG) war geboren.

Plötzlich Unternehmenschef

Felix Schäfer muss lachen, wenn er an die Anfänge zurückdenkt. „Als wir die Anlage auf dem Dach des Chemiehörsaals installierten, war sie zunächst zu schwer. Wir hatten damals vergessen, ein Teil der Gewichte mit einzuberechnen, die für die Befestigung der Solarmodule nötig waren.“

Seit der Gründung im September 2010 hat die HEG bereits eine Million Euro eingesammelt. Schäfer und seine Mitstreiter organisierten Info-Veranstaltungen an der Uni, um die Genossenschaft bekannter zu machen. Nach und nach breitete sich die Idee aus. „Auf einmal war so viel Geld da“, sagt Schäfer und staunt immer noch. Er nahm überhaupt nicht wahr, dass er da ein Unternehmen gegründet hatte. „Es war für mich nur ein Projekt“, sagt Schäfer. Denn Geld bekam er keins, für den Studenten war die HEG ein Ehrenamt.

Felix Schäfer und Studienkollege Nicolai Ferchl auf dem Dach der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg

Felix Schäfer und Studienkollege Nicolai Ferchl auf dem Dach der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg © Brigitte Aiblinger© Brigitte Aiblinger

Inzwischen betreibt die Genossenschaft immerhin zwölf Solaranlagen in Heidelberg und Umgebung. Den produzierten Strom speist sie ins öffentliche Stromnetz ein und versorgt damit rund 800 Menschen. Dafür nimmt die HEG rund 110.000 Euro im Jahr ein. Rund die Hälfte geht an die Investoren, mit dem Rest bezahlen die Mitarbeiter Handwerker und kümmern sich um den Papierkram. Die großen Summen machen den angehenden Physiker keineswegs nervös, auch wenn er sich der Verantwortung bewusst ist. „Geld ist für mich virtuell.“ Es sei lediglich Mittel zum Zweck.

Konkurrenz für Eon und Co.

Er will jetzt sogar ein noch größeres Rad drehen: Zusammen mit acht anderen Energiegenossenschaften hat Schäfer im Dezember 2013 den Verbund „Die Bürgerwerke“ gegründet – und wurde endgültig zum Chef. Die Bürgerwerke haben ihn zum Vorstand gemacht, bezahlen ihm ein reguläres Gehalt. Das Konzept ist neu in Deutschland, die Bürgerwerke wollen den Strom von Solaranlagen auf privaten Hausdächern nicht einfach gegen die gesetzliche Vergütung einspeisen, die womöglich demnächst wegfällt. Seit Juni 2014 verkaufen sie den Strom, der noch größtenteils aus Wasserkraftwerken kommt, bundesweit und machen damit Eon und Co. Konkurrenz. Felix Schäfer hofft, dass sich noch mehr Genossenschaften dem Verbund anschließen.

Um seine Vision von dezentralen, erneuerbaren Energien zu verfolgen, hat er sein Physik-Masterstudium im April 2014 erst einmal auf Eis gelegt. „Es ist schwierig, sich neben dem Studium auf das Unternehmen zu konzentrieren, vor allem, wenn es schnell wächst.“ Obwohl er sich seiner Arbeit beim Vorstand gewachsen fühlt, hat er doch Respekt davor. Er ist froh, dass er bereits einige Erfahrungen sammeln konnte mit seiner Arbeit für die Heidelberger Genossenschaft.

„Es ist nicht einfach, immer ernst genommen zu werden“

Mit dem Vorstandsgehalt kann Felix Schäfer seinen Lebensunterhalt und die 25-Quadratmeter-Wohnung aus Studentenzeiten finanzieren. „Ich weiß nicht, ob ich noch meinen Master abschließe. Physik ist eher ein Hobby für mich“, sagt Schäfer. Es macht ihm zwar Spaß, mit seinen ehemaligen Kommilitonen darüber zu unterhalten, „was die Welt im Inneren zusammenhält“. Aber seine neue Rolle ist eben die eines Managers: „Es ist ein Schritt für mich, jetzt Verantwortung für Mitarbeiter zu übernehmen“, sagt der junge Vorstand. Diese Aufgaben sind noch Neuland für ihn.

Deshalb bildet er sich gerade weiter. Er liest Bücher über gute Führung und schreibt Tagebuch, um seine Erlebnisse besser zu reflektieren. „Es ist nicht einfach, immer ernst genommen zu werden“, gesteht er ein. Vielleicht hilft das neue Büro, in das die Bürgerwerke ab Mitte Juli 2014 ziehen. Neben anderen Start-ups haben sie zwei Räume mit jeweils 22 Quadratmetern angemietet. Bis zu zehn Mitarbeiter haben dort Platz. „Es gibt also noch genügend Raum, weiter zu wachsen.“

1 Kommentar
  • Name 5. September 2014 09:07

    10 Mitarbeiter auf 44 m²?

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