Unternehmen „Die Exportrekorde sind jetzt zu Ende“

Containerfrachter im Hamburger Hafen.

Containerfrachter im Hamburger Hafen. © Jan Schuler - Fotolia.com

Ausgerechnet jene Länder, die besonders viel "Made in Germany" kaufen, trudeln in eine Krise. Wie geht es weiter? Wirtschaftsprofessor Michael R. Krätke beantwortet die wichtigsten Fragen.

Noch mehr gestritten wird nur beim Fußball. Die Kluft zwischen deutschen und englischen Wirtschaftsfakultäten ist legendär. Hierzulande dominieren Marktgläubige, auf der Insel die Globalisierungskritiker. Spannend jenseits der Ideologien wird es, wenn ein deutscher Ökonom an einer englischen Universität lehrt und forscht. Michael R. Krätke ist einer der wenigen Marxismus-Kenner, der zugleich die positiven Effekte von Spekulationsgeschäften erläutern kann. Nach einem Vortrag in Berlin will er zurück zum Flughafen, stellt sich aber vorher bei einem Italiener in der Nähe des Ostbahnhofs den Fragen von impulse.

Herr Krätke, seit Monaten verlieren weltweit wichtige Währungen an Wert, fallen Börsenkurse, ertönen Wachstumswarnungen. Nur Deutschland meldet wieder ein Exportplus. Wie passt das zusammen?

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Michael R. Krätke: Gar nicht, fürchte ich. Was jetzt gerade passiert, schlägt sich erst mit Verzögerung in der Exportstatistik nieder. Viele Unternehmen sehen schon, dass es nicht weiter aufwärtsgeht.

In China und Brasilien wächst die Wirtschaft weniger als erwartet, die Landeswährungen wichtiger Schwellenländer wie der Türkei, Thailands, Indonesiens und Mexikos verlieren an Wert. Was ist da los?

Das alles begann eigentlich schon im Sommer, als die amerikanische Zentralbank ankündigte, die Märkte nicht wie in den vergangenen Jahren weiterhin mit billigem Geld zu fluten. Die Zinsen auf einem Rekordtief, das Aufkaufen von Staatsanleihen in riesigen Mengen – das soll jetzt Schritt für Schritt auslaufen. Die direkte Folge davon ist, dass Kapital aus den Schwellenländern abgezogen wird. Damit endet dort der Boom der vergangenen Jahre vorerst.

Der Boom war also auf Pump gekauft?

Klar. Die Zentralbanken, nicht nur die amerikanische, auch die britische, die japanische und zum kleineren Teil auch die Europäische Zentralbank, stellten den Banken quasi unbegrenzt Geld zur Verfügung. Weil die Zinsen in den USA und Europa so niedrig waren, floss dieses Geld eher in die Schwellenländer, wo es investiert wurde. Das war mit ein Grund dafür, warum diese Länder in der Lage waren, so viele deutsche Produkte zu importieren. Jetzt deutet sich an, dass die Zinsen in Europa und den USA wieder steigen. Da holt man das Geld zurück.

Wenn so massiv Kapital abgezogen wird, fällt als Folge davon der Kurs der Landeswährung. Ist das der Grund für die Turbulenzen?

Zum Teil, ja. Oft kommen noch andere Faktoren dazu wie die politischen Krisen in Thailand oder der Türkei. Aber generell gilt: Wenn Kapital abgezogen wird, also die Landeswährung wieder in Euro oder Dollar zurückgetauscht wird und damit weniger nachgefragt ist, dann verliert diese Währung an Wert. Das hat in den Boommärkten den Effekt, dass es teurer wird, Waren aus dem Ausland zu importieren. Aus deutscher Sicht bedeutet das: Für die chinesische oder indonesische Mittelschicht in Schanghai oder Jakarta wird es schwerer, deutsche Hightech-Produkte zu kaufen. Die Leute können sich für das gleiche Gehalt weniger aus dem Ausland leisten, weil ihre Währung weniger wert ist. Für Unternehmen, die in Maschinen investieren, gilt das Gleiche. Das alles läutet jetzt das vorläufige Ende der deutschen Export­rekorde ein, weil die Nachfrage nicht mehr so stark steigt.

Bislang krachte es doch auch links und rechts, und uns ging es trotzdem blendend.

Deutschland hatte lange das Glück, dass es sich mit seinem Export vor der Krise retten konnte. Man muss sich bewusst sein, dass das ziemlich einmalig ist in Europa und der Welt. Entscheidend dafür war auch das billige Geld, das den Boom in den Schwellenländern befeuert hat. Als die Probleme in Europa, der wichtigsten Zielregion für „made in Germany“, so dramatisch wurden, kamen die Wachstumsmärkte in Asien und Südamerika gerade so richtig in Schwung. Was in Griechenland und Portugal wegbrach, konnte die deutsche Exportwirtschaft also in Fernost kompensieren. Diese Verschiebung der Absatzmärkte von Europa nach Asien ist der Grund, warum es trotz der Krise in Europa in Deutschland weiter aufwärtsging.

Die Unternehmen haben demnach statt nach Südeuropa nach Südostasien exportiert und konnten so die Verluste vor der Haustür auffangen. Was kommt nun? Afrika?

Das ist natürlich ein Schritt, den exportorientierte Unternehmen jetzt tun: Sie schauen sich die Schwellenländer aus der zweiten Reihe an, also alle jenseits der berühmten BRIC-Staaten wie China und Indien. Für einzelne Unternehmen mag das vielversprechend sein, gesamtwirtschaftlich bringt das aber nicht viel. Diese nachrückenden Märkte leiden gerade genauso unter dem Abzug des billigen Geldes wie die großen Länder. Hinzu kommt: Ihr Gewicht ist noch nicht groß genug, als dass sie die Verluste ausgleichen könnten. ­Afrikanische Märkte wie Nigeria oder Mosambik haben langfristig zwar Potenzial, sie machen kurzfristig aber gar keinen Unterschied. Die Wachstums­lücke, die jetzt entsteht, lässt sich nicht mehr so einfach füllen.

Exzessive Investitionen, maßlose Kredite und Währungsturbulenzen: Das alles erinnert an die Asienkrise 1997/98, die sich von Thailand aus in den Tiger- und Pantherstaaten Asiens ausbreitete und dramatische Folgen hatte.

Die Analogie sehe ich auch, aber es ist auch nicht mehr als das. Was damals passiert ist, wird sich nicht wiederholen. Die Ausgangslage ist eine ­andere: Die asiatischen und südamerikanischen Volkswirtschaften sind viel weiter ­entwickelt, die Finanzsysteme stabiler.

Alles halb so schlimm?

Wir stehen auf jeden Fall an einem Wendepunkt. Die Zeit des billigen Geldes ist vorbei, was den Boom der Wachstumsmärkte erst einmal bremst, so viel ist klar. Wir stehen aber nicht vor einem Crash der Weltwirtschaft wie 2008 nach dem Fall von Lehman Brothers. Es gibt keinen lauten Knall, es ist eher wie bei einem Luftballon, aus dem langsam die Luft gelassen wird.

Ein Ziel der Strategie des billigen Geldes und der niedrigen Zinsen war es auch, durch Kredite an Unternehmen einen Investitionsschub auszulösen und so reales Wachstum zu fördern. Davon ist wenig zu sehen. Sind die Banken schuld, die lieber eigene Reserven aufbauen und spekulieren, anstatt Kredite zu vergeben?

Es stimmt, dass wir bei den Banken einen Anstieg der Reserven sehen. Das ist ja auch gewollt, dass mehr Stabilität ins Finanzsystem reinkommt. Es stimmt auch, dass es im Zuge strengerer Regeln höhere Hürden für die Kreditvergabe gibt. Allerdings sehen viele Unternehmer gar keinen Inves­titionsbedarf und fragen daher keine Kredite nach. Das ist völlig rational: Wir haben es branchenübergreifend mit Überkapazitäten zu tun. Einfach gesagt: Es gibt gar keinen Grund, anzubauen.

Wenn die Wirtschaft mit billigem Geld geflutet wird, droht irgendwann Inflation, heißt es oft.

Das ist eine tausendfach widerlegte These, die sich dennoch in den Köpfen hält. Die Erweiterung der Geldmenge hat nur dann inflationäre Folgen, wenn bestimmte Faktoren eintreffen. Einer davon ist Vollbeschäftigung und die Auslastung der Fabriken – von beidem sind wir in Europa weit entfernt. Die Arbeitslosigkeit in der EU ist hoch, Unternehmer jubeln schon, wenn Fabriken zu 70 Prozent ausgelastet sind. So kann keine Inflation entstehen.

Manche Deutsche denken an die Weimarer Zeit …

… das damals hat mit heute nichts zu tun. Um derartige Inflation zu erzeugen, müssen Sie nicht nur Krieg führen, sondern diesen auch mit Schulden finanzieren. Und es dann noch schaffen, ihn zu verlieren. Machen Sie sich keine Sorgen!

In der globalisierten Wirtschaft scheint alles mit allem zusammenzuhängen. Sollte sich der Bäckermeister um die Ecke jetzt Gedanken um den Kurs der Türkischen Lira machen?

So weit würde ich nicht gehen. Wir reden ja von einem Ende der Exportrekorde und nicht von einem größeren Einbruch der Volkswirtschaft. Eine positive Entwicklung sehen wir gerade in Deutschland selbst: Der Konsum zieht an. Davon haben Bäcker- und Handwerksbetriebe im Zweifel mehr. Wenn sich das fortsetzt, kann das wichtiger werden als immer weitere Ausfuhrsteigerungen. Die Binsenweisheit, dass der Binnenmarkt gestärkt werden muss, ist jetzt wieder aktuell. Exportstärke ist ja nur ein anderes Wort für Exportabhängigkeit: Wenn es der Weltwirtschaft mal richtig schlecht geht, leidet Deutschland umso mehr.

Deutschland spart aber lieber: Auch der Staat hält sich mit Investitionen zurück.

Das ist ein Riesenproblem: Wenn die Infrastruktur so verfällt wie in den USA, geht die Wettbewerbsfähigkeit langfristig flöten. Jetzt müssten Straßen, Schienen und Wasserwege modernisiert werden. Wir können uns das leisten. Wenn es erst einmal fast so viele Rentner wie Arbeitnehmer gibt, wird das viel schwieriger zu finanzieren sein.

Der Finanzminister strebt einen Haushalt ohne Schulden für 2015 an – und bekommt dafür viel Applaus.

Wie kurzsichtig. Das ist eine Folge der Krise in ­Europa. Schulden gelten als Teufelszeug, weil in Griechenland alles aus dem Ruder lief. Deutschland könnte aktuell, quasi ohne Zinsen dafür zu zahlen, etwas für die Zukunft tun. Wir lassen es aber lieber bleiben. Rational ist das nicht.

 

michael_kraetkeZur Person: Michael R. Krätke, Jahrgang 1950, ist Professor für Politische Ökonomie an der Universität von Lancaster (England) und Fellow der Universität von Amsterdam. Der Querdenker stellt sich oft gegen gängige Mehrheitsmeinungen, unter anderem als Mitherausgeber der Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft.

 

 
 
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