Unternehmen Die Geburt der Null-Euro-Jobber

Nach Deutschland schwappt eine neue Welle der Niedriglohn-Alternativen aus den USA herüber: Schüler und Studenten packen bereits an einer ganzen Reihe von Supermarkt-Kassen die Einkaufstüten und bekommen dafür nichts außer Trinkgeld von den Kunden.

In den USA ist diese Form des Jobbens üblich, aber in
Deutschland? „Ja, das ist ein
brutal kapitalistisches System“,
beschreibt Martin Lettenmeier
seine Firma Friendly
Service, die hierzulande
Supermärkten
Einpackhilfen
vermittelt. Die Helfer sind
selbstständig, haben einen
Vertrag mit Lettenmeier, und
der hat einen mit den Märkten.
„Innerhalb des gesetzlichen
Rahmens ist das eine
geniale Idee“, sagt er. Der
Deal: Ladenbesitzer bezahlen
pro Person und Stunde drei
bis fünf Euro für die Einpackhilfe.
Dafür organisiert Friendly
Service die Schüler und
Studenten.
Die bekommen
Schichten zugeteilt, erhalten
ein Regelhandbuch und behalten
das Trinkgeld. Ihnen werden
so wenige Schichten zugeteilt,
dass keine Sozialabgaben
und Steuern anfallen.

Auf Lettenmeiers Kundenliste
stehen 32 Läden der Edeka-
Gruppe, vor allem in Bayern,
aber auch zwei in Berlin, einer
in Dresden. Gerade läuft ein
Test bei der Drogeriekette
Budnikowsky
in Hamburg.
Bastian Stehle von Neukauf
Südbayern, der Edeka-Märkte
verwaltet, sagt: „Die Dienstleistung
wird sehr gut angenommen.“
Es habe Rechtsunsicherheit
geherrscht, aber
Lettenmeier habe mit Anwälten
alles geklärt. Bei Edeka
achte man darauf, dass es Kassen
mit und ohne Einpacker
gebe. Friendly Service beschäftigt
zwei Anwälte, um das System
juristisch abzusichern.

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Lettenmeier ist Theologe, lebte
zeitweise in den USA,
machte PR, war Hausmann
mit drei Kindern und stellte
mit denen im Supermarkt
fest: Einkaufshilfen wären
gut. Damals startete Hartz IV,
er präsentierte sein Konzept
der Diakonie. Mit der heuerte
er Schulabbrecher an, lernte
schnell: Trinkgeld bekommen
nur kommunikative
Gymnasiasten.
Er schaltete um, nahm
nur solche und Studenten,
führte ein Ranking ein: Wer
mehr Trinkgeld bekommt,
kann sich bessere Schichten
aussuchen. Wer einmal wegbleibt,
wird nicht mehr vermittelt.
Heute kann Lettenmeier
vom Umsatz leben,
„sehr gut sogar“.

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