Unternehmen Die Ouvertüre

IKEA Als die Schweden ihr weltweit erstes City-Möbelhaus ankündigten, jubelten die Händler der umliegenden Läden. Doch bevor Ikea auch nur den Grundstein in Hamburg-Altona gelegt hat, ist die Euphorie verflogen.

Auf dem Grund dieser Geschichte steht Jan Moebus und blickt zum Himmel. 14 Meter unter Normalnull. Tiefer geht’s nicht. Zwei Meter noch, und man stößt auf Grundwasser. Um Moebus herum lärmen drei Bagger. Einer gräbt, einer meißelt, einer planiert. Sonst gibt es unten nichts. Nur Sand. 10 000 Quadratmeter, ein gigantisches Loch. Mitten in Hamburg. Und Moebus sagt: „Jemanden wie mich hat es noch nie gegeben.“

Das klingt vermessen und ist doch wahr.

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Denn auch das, was in und um das Loch herum passiert, hat es noch nie gegeben. Der größte Möbelkonzern der Welt, Ikea, wagt sich in die Fußgängerzone. Nicht nach Stockholm, Tokio oder New York, sondern nach Hamburg. Knapp 80 Mio. Euro stecken die Schweden in das Projekt, dazu das Geld für das Grundstück, Große Bergstraße 166 bis 180. Übernächstes Jahr im Juni soll alles fertig sein. Keiner kann sich erinnern, wann es hier zuletzt so viel Geld gab. Und so viel Aufsehen.

Oben am Bauzaun hängt ein Schild mit Moebus’Handynummer. Fast jeden Tag ruft irgendwer an, schimpft, fragt oder klagt. Moebus trägt jeden Anruf in eine Excel-Tabelle ein. Name. Grund. Notiz. „Ich bin eine Art bürgernaher Beamter“, sagt Moebus. Die Bezeichnung gefällt ihm, obwohl Moebus nicht vom Staat, sondern von Ikea bezahlt wird. Der Konzern hat für das Hamburg-Experiment extra einen neuen Beruf erfunden. Moebus soll Ansprechpartner sein für die Anwohner und Geschäftsleute im Viertel. Die Lage peilen für den Konzern. Von seinem Büro gegenüber der Baugrube, fünfter Stock, blauer Teppichboden, beobachtet Moebus, was in der Großen Bergstraße passiert.

Viel Beton und Döner, ein bisschen hässlich

Da passiert Aufschwung. Oder Verdrängung. Je nachdem, wen man fragt. Die Ämter sagen: Da passiert Entwicklung. In ihrer Sprache heißt der Straßenzug „Sanierungsgebiet Altona-Altstadt S5“. Viel Beton und Döner, ein bisschen hässlich, ein bisschen dreckig. Leere Läden, Spielhallen und Wettbüros. Fast jeder Dritte hier hat keinen deutschen Pass. Jeder Zehnte
bekommt Sozialhilfe. „Verminderte Kaufkraft“ steht auf Seite sieben einer Studie im Auftrag der Stadt. Sie bescheinigt „ungünstige sozioökonomische Bedingungen“.

Eine Art Gazastreifen des Einzelhandels. Ein hoffnungsloser Fall, so hieß es jahrzehntelang, allen Plänen der Stadtplaner trotzend. Jetzt keimt Hoffnung. Ikea wird das ändern, das ist der Plan. Und der ist simpel: Ikea bringt Leute und damit Leben in die Fußgängerzone. Leute werden zu Kunden, Kunden bringen Umsatz, und mehr Umsatz sorgt für mehr Gewinn. Alle profitieren: Ikea, die Händler ringsherum und so die gesamte Große Bergstraße.

Wie gesagt: Das ist der Plan. Deshalb freuten sich Händler und Anwohner so, als sie von dem Ikea-Plan hörten. 2,5 Millionen Besucher pro Jahr erhofft sich das schwedische Möbelhaus. Die werden sich ja anschließend ein bisschen umgucken wollen! Endlich eine Perspektive, endlich Aussicht auf bessere Zeiten.

„Ist ja an der Zeit gewesen, dass hier was passiert“, sagt Florian Kröger, zieht an seiner Marlboro aus China. In seinem Feinkostladen, Hausnummer 241, verkauft er Yogitee und kandierte Orangenscheiben, Espressobohnen und Fleur de Sel. Nichts für verminderte Kaufkraft. Sein Geschäft heißt „Claus Kröger“. Nach dem Großvater, obwohl es schon der Urgroßvater gegründet hat. Adolf hieß der. Über ein Jahrhundert haben die Krögers das Auf und Ab der Großen Bergstraße erlebt. Florian Kröger vor allem Letzteres.

Einst war die triste Betonschneise eine moderne Fußgängerzone. Bestens gelegen direkt am Bahnhof Altona, wo Fernzüge aus Stuttgart, Wien oder Berlin ankommen. Anfang der 70er-Jahre, Kröger war gerade geboren, eröffnete dort, wo bald Ikea hinsoll, ein riesiges Einkaufszentrum. Neckermann war drin, später Karstadt, Boutiquen und Cafés, sogar ein Fitnessstudio, damals noch Trimm-dich-Raum genannt. Stadtplaner nennen solche Zentren Magnete. Der Magnet zieht Menschen an, aus der Nähe und von weiter weg. So viele, dass noch die Geschäfte um den Magneten herum etwas davon haben.

Eines Tages eröffnete auf der anderen Seite des Bahnhofs ein neuer Magnet. Schöner. Zeitgemäßer. Mit höherer Anziehungskraft. Wer konnte, zog der Kundschaft hinterher. Viele der anderen gingen pleite. Oft blieben die Schaufenster
monatelang leer. Bis Handyläden die Lücken schlossen oder Geschäfte, die Ramsch für 99 Cent anboten.

Auch die Krögers überlegten wegzuziehen, Tradition hin oder her. „Hier gab es einfach nichts mehr!“ Geblieben waren Aldi und Menschen ohne Geld, aber dafür mit viel Zeit. „Die saßen hier um 10 Uhr morgens vor dem Laden auf den Blumenkästen.“ Ausgestattet mit Bier und Korn. Er habe sie alle mit Namen gekannt, sagt Florian Kröger. Claudia hieß die, für die er immer wieder den Krankenwagen rief. Alkoholvergiftung. Irgendwann verschwand auch Aldi. Claudia und ihre Clique gingen mit.

Bio ist gefragt. Und Weinkenntnis

Jetzt ist Aldi wieder da. Und ein Apple-Laden. Eine Buchhandlung. Im Haus neben Kröger steht statt Spielautomaten jetzt eine Kühltheke. Es gibt Fenchelsalami, Parma-Schinken und hausgemachte Limonade. „Laib & Liebe“ heißt das adrette Bistro unter der Hausnummer 243. Ein Geschäft für Filz und blumige Stoffe, Hausnummer 213, nennt sich „Frau Tulpe“. Bislang hatten eher Namen wie Café-Bar Express oder Preis-Oase ihren Platz auf der Großen Bergstraße. Vor wenigen Tagen hat ein Biosupermarkt eröffnet, wenige Hundert Meter weiter ein Weinhandel. Am Fenster hängt ein Zettel: „Wir suchen erfahrene Servicekräfte.“ Ein zweiter direkt darunter: „mit Weinkenntnissen“. Selbst ein Fitnessstudio hat sich wieder in die Große Bergstraße gewagt.

Ikea ist noch gar nicht da und trotzdem schon jetzt ein Supermagnet. Menschen schlendern am Bauloch vorbei und gucken durch die eigens dafür in den Holzzaun gesägten Vierecke, was dahinter, 14 Meter unter Normalnull, geschieht. „Baustellentourismus“ nennt Tanja Pompe das. Mit ihm macht die „Laib & Liebe“-Gründerin gute Geschäfte. Als sie vor anderthalb Jahren ihr Bistro eröffnete, war sie froh um jeden Kunden. Nachmittags war sie mitunter allein. Diesen Sommer war alles anders, draußen kein Stuhl mehr zu bekommen. Jetzt, wenn es kalt ist, sind vor allem die Tische im ersten Stock belegt, die am Fenster, mit Grubenblick. Mittlerweile braucht Pompe zwei Angestellte und sechs Aushilfen, um den Ansturm der Schaulustigen zu bewältigen.

Denn wo heute die Sonne scheint und Bistrotische auf der Straße stehen, wird schon bald ein siebenstöckiger Ikea-Schatten fallen. Der Möbelkonzern hat sich richtig Mühe gegeben, einen Fassadenwettbewerb ausgerufen und will das Cityhaus so wenig blaugelb wie möglich gestalten.

80 Prozent pro Ikea

Klingt doch nicht schlecht, geht doch gut los. Auch deshalb haben sich die Krögers, das kleine Reisebüro und der Schlüsseldienst an der Ecke für das Möbelhaus eingesetzt, sogar ein Bürgerbegehren ins Leben gerufen: „Pro Ikea“. Bei dem darauf folgenden Bürgerentscheid im Januar sprachen sich knapp 80 Prozent der Abstimmenden pro Ikea aus. Fast revolutionär in Zeiten, in denen Menschen contra alles sind, vom Stuttgarter Bahnhof bis zu Überland-Stromleitungen.

Auch Gilberto da Rold hat damals Unterschriften für Ikea gesammelt. Vor 35 Jahren ist er aus Italien nach Deutschland gekommen. „Aus Belluno!“ Seitdem hat er als Kellner gearbeitet, „mal hier, mal da“. Seine Rente wird nicht reichen. Vor sechs Jahren haben seine Frau und er das Eiscafé Filippi übernommen, „so als Altersvorsorge.“ Das Filippi, Hausnummer 219, kennt seit den 50er-Jahren jeder in der Großen Bergstraße. Es schien perfekt: nicht zu groß, zu zweit in den Griff zu kriegen, Angestellte kosten schließlich.

Nur dass die Nachbarn zu wenig Eis essen, um ihm den Ruhestand zu finanzieren, hatte da Rold nicht bedacht. „Viele Ausländer“, murmelt er. Die kauften höchstens ihren Kindern mal eine Kugel für 80 Cent. Die Eltern tränken lieber Tee – bei sich zu Hause. „Ist ja nicht so schlimm“, sagt er schnell, überlegt kurz: „Aber für uns auch nicht so gut.“ Da Rold mag deutsche Gäste: „Da isst die ganze Familie einen Eisbecher.“ Und seit Ikea und so, sagt da Rold, käme ohnehin anderes Publikum. „Besseres!“ Nach der Winterpause will er die Preise erhöhen.

Obwohl es bei Ikea einen Berg Softeis für 1 Euro geben wird. Kaffee zum gleichen Preis. Nachfüllen gratis. „Ach was! Wenn nur ein Prozent der Leute bei uns hängen bleibt, reicht uns das schon.“ Jetzt seien ja immer nur die türkischen Läden voll.

Bünyamin Öztürk sitzt im fensterlosen Hinterzimmer des „Altona City Markts“ und kontrolliert das Geschehen. Elf Kameras filmen jeden Winkel seines Ladens. Fleischtheke, Brotregal, die Joghurtecke. Frauen mit Kopftüchern und vollen Einkaufskörben schieben sich durch die schmalen Gänge. Einige stehen draußen an, um überhaupt hineinzukommen, nutzen die Zeit, um die aufgebahrten Melonen zu beriechen, an Äpfeln zu drücken, nach den rötesten Tomaten zu graben.

Birnen und Äpfel, Birnen oder Äpfel

Öztürks Lebensmittelhandel, Hausnummer 237, läuft gut, wenn auch nicht so gut wie vor 15 Jahren. Heute wollen seine Stammkunden nicht mehr Birnen und Äpfel, sondern Birnen oder Äpfel. Ungefähr einmal im Monat erwischt er einen, der klaut statt kauft. Öztürk freut sich auf Ikea. Seine Rechnung: Wenn die Leute weniger kaufen, müssen es mehr Leute werden.

So ganz sicher ist sich Öztürk nicht, ob seine Rechnung aufgeht. Einer seiner Freunde sitzt für die Linke im Bezirksparlament. Und ist gegen Ikea. Mit dem hat Öztürk viel diskutiert. „Geht es nach den Linken“, referiert Öztürk, „dann macht Ikea die kleinen Läden kaputt.“ Weil der Konzern und die vielen neuen Geschäfte die Straße aufwerten, wie es im Fachjargon heißt, weil deshalb die Ladenmieten steigen und weil Ikea die Konkurrenz anzieht. Aldi zum Beispiel.

Öztürk glaubt weder das mit den Mieten, noch dass seine Kunden künftig lieber zum Discounter gehen. „Die Ware muss ran an die Leute“, sagt er. „Immer schön sortieren. Immer lächeln. Service.“ Den habe man bei Aldi eben nicht. Sein Vermieter, sagt Öztürk, sei ein Netter. Derzeit zahle er wegen der schlechten Lage sogar weniger als früher. Wenn es wieder besser laufe, dann eben wieder etwas mehr. Alles kein Problem.

Und die Mietpreise steigen

Nach einer Weile rückt Öztürk damit raus, wie gern er einen größeren Laden eröffnet hätte mit Zeitungskiosk und Kaffeeausschank. Direkt gegenüber, wo gerade ein paar Handwerker den Biosupermarkt einrichten. 12 000 Euro Kaltmiete für 400 Quadratmeter habe der Besitzer gewollt. Derzeit zahlt Öztürk umgerechnet rund die Hälfte. Er schweigt lange. Dann sagt er: „Also ich halte ja nichts von Bio.“ Dass die Vermieter etwas abhaben wollen vom Aufschwung, haben viele der Händler erst zeitverzögert gemerkt. Zuerst die Alteingesessenen, deren Pachtverträge auslaufen und die keinen neuen bekommen, weil das Haus saniert wird oder abgerissen. Später die Neuen, die gern hier einen Laden eröffnen würden. Für sie gibt es längst nichts mehr, außer einem Eintrag in die Wartekartei.

„Für jeden Laden, der frei wird, haben wir mindestens drei, die rein wollen“, sagt Ludger Schmitz. Jeder biete doppelt so viel wie die anderen. Schmitz sitzt in einem kargen Büro, in einem noch kargeren Kellerraum, Große Bergstraße 257. Zwischendurch geht er vor die Tür und raucht. Stadtplanung sei was Politisches, sagt Schmitz. Er trägt selbst geritzte Tattoos auf dem Unterarm. Seine Aufgabe heißt offiziell: „Revitalisierung des alten Altonaer Zentrums, insbesondere der Einkaufs- und Geschäftsstraße“. Das bedeutet, Schmitz soll im Auftrag der Stadt darauf achten, dass die „richtigen Mieter“ hierherziehen. „Mit bestimmten Produkten wird man die Miete hier nicht mehr erwirtschaften können“, sagt Schmitz. Er versucht Immobilienbesitzern Geschäfte wie „Laib & Liebe“ schmackhaft zu machen und ihnen die Tattooshops oder ein Zuviel an großen Ketten auszureden.

Das klappt mal mehr, mal weniger gut. Nach Leerstand, Pleiten und Mietminderung gingen viele lieber auf Nummer sicher, sagt Schmitz. „Die meisten wollen einen großen Namen, eine Kette, zur Not ein Wettbüro. Hauptsache, die Miete wird bezahlt.“ Lange war das in dieser Straße nicht selbstverständlich.

An der Wand hängt ein Umgebungsplan mit roten, grauen, grünen oder schraffierten Flächen – je nachdem, was dort in den nächsten Jahren passieren soll. Das Ikea-Loch ist grau und steht für: überwiegend Gewerbe. Schmitz deutet auf die Karte, kreist die Gegend um Ikea ein: „Von hier bis hier können Sie momentan keinen Laden bekommen.“ Derzeit sei Pause. „Jetzt wird erst mal saniert und neu gebaut.“ Umfassende städtebauliche Umstrukturierungen, heißt das im Plan. Schraffierte Fläche.

So einiges von dem Schraffierten gehört der Firma Bruhn. Man erkennt die Bruhn-Häuser daran, dass die Ladenflächen unten leer stehen. Bereit zur Sanierung. Mit langen Interessentenlisten für die Zeit danach. Was so ein Geschäft, wenn alles fertig ist, schließlich an Miete kosten soll, will die Geschäftsführung nicht sagen. Nur so viel: Manche der alten Pächter sollen wiederkommen. Oder in ein anderes Bruhn-Haus umziehen. Gemeint sind zahlungskräftige Mieter wie Woolworth oder die Santander Bank.

Döner ist nicht nachhaltig

Kahraman Ösüm mit seinem Restaurant „Stadtküche“ und Müslin Sahins „Altona Imbiss“ sind eher nicht gemeint. Bruhn wünscht sich für die Zukunft hier „bessere Geschäfte“, sagt Bruhns Leiter für Gewerbevermietung Kay Brahmst.
Man wolle „nachhaltig“ vermieten.

Döner ist nicht nachhaltig. Das ahnte Müslin Sahin nicht, als er im vergangenen Jahr den „Altona Imbiss“ von Bruhn mietete, für drei Jahre. Er dachte, Döner geht immer. 60 000 Euro, geliehen von Freunden und der Familie, soll er in die Imbissbude gesteckt haben. Nach einem Dreivierteljahr wird ihm gekündigt. Er habe die Miete nicht bezahlt, sagt Bruhn. Er habe eine Einzugsermächtigung erteilt, sagt Sahin. Die Sache, stellt sich dann vor Gericht heraus, ist noch viel komplizierter. Am Ende bekommt Bruhn recht. Sahin tritt in den Hungerstreik. Das war im Mai.

Das mit Sahin sei dumm gelaufen, sagen andere Geschäftsleute. Man dürfe eben nicht so naiv sein. Jedenfalls nicht bei Bruhn. Stefanie Wobbe weiß das. Aber sie mag nicht darüber reden: Ihr Geschäftspartner sei dagegen. Wobbe führt das Sanitätshaus Funcke auf der Großen Bergstraße. Kein Standort in Hamburg sei besser geeignet, sagt sie, um Stützstrümpfe,
Rückenbandagen oder Badewannensitze zu verkaufen. Nirgends in der Stadt ist die Ärztedichte höher als hier. Jeden Morgen ab 9 Uhr sitzt im Bus Nummer 37 die Generation 60 plus, steigt Haltestelle Große Bergstraße aus und strömt in die Arztpraxen.

Im Mai hat Stefanie Wobbe noch geredet. Als sie noch Bruhns Mieterin in Hausnummer 229 war. Bis klar wurde, dass Ikea kommt, und bis Wobbe die Frist verpasste, ihren Mietvertrag zu verlängern. Wobbe wollte bleiben. Bruhn sanieren. Die Lokalpresse schrieb über den Fall. „Nach 55 Jahren bei der Firma Bruhn und an diesem Standort bin ich denen nicht mal einen Anruf wert gewesen“, wird Wobbe zitiert. Und: „Bruhn ist radikal und unmenschlich.“ Allerdings juristisch gesehen im Recht. Das Sanitätshaus hat einen neuen Vermieter gefunden. Weiter weg von den Ärztezentren, dafür heller.

Doch, doch, sagt Wobbe, was damals in der Zeitung stand, das sei schon richtig. Trotzdem, sie rede jetzt nicht mehr. Ein alter Mann will Einlegesohlen kaufen. Das ist jetzt wichtiger.

Wann läuft der eigene Mietvertrag aus?

Nicht nur bei Stefanie Wobbe: Die Vorfreude auf Ikea ist bei vielen Händlern verflogen. Sie erkennen: In einer „aufgewerteten“ Einkaufszone könnte kein Platz mehr für sie sein. Stichtag wird der Tag sein, an dem der eigene Mietvertrag ausläuft.

„Nicht nur der türkische Gemüseladen wird Probleme kriegen“, sagt Joachim Häfele voraus. Er ist Stadtsoziologe an der Hamburger Universität und hat oft beobachtet, was passiert, wenn plötzlich Kaufkraft in einen Stadtteil kommt. „Der Biosupermarkt wird laufen.“ Bio steht für Aufschwung.

Reformhaus nicht. Daher befürchtet Sabine Karow vom Reformhaus Meyer, Hausnummer 199, ihre Preise bald nicht mehr halten zu können. Dann gerät sie noch mehr ins Hintertreffen zum Biosupermarkt direkt neben Ikea, der mehr Auswahl zum günstigeren Preis bietet.

Der Wandel hat Gewinner, und der Wandel hat Verlierer. Wer sich vor einem Jahr noch als Gewinner sah, denkt angesichts der rasanten Umbrüche und der steigenden Mietpreise neu nach. So wie Christiane Scheven. Vergangenen Winter, am Nikolaustag, hat sie in der Nummer 213 eine winzige Buchhandlung eröffnet, nicht größer als ein Kinderzimmer. Wenn Scheven Pause macht, geht sie in den Keller – oben ist kein Platz. Vorher war sie arbeitslos „In ihrem Alter wird das nichts mehr“, hieß es auf dem Amt. Da war Scheven 48 Jahre alt. Die Buchhandlung „Zwei Eins Drei“ ist ihre einzige Chance. Solange sie erschwinglich bleibt.

Das ärgert auch Dagmar Venohr. Ihr Stoffladen „Frau Tulpe“ läuft auch so. Sie braucht kein Ikea. Sie braucht eine erschwingliche Miete.

Auf Ikea schimpfen mag auch Venohr nicht. Jedenfalls nicht direkt. Sie hat Kinder in der nahe gelegenen Schule und befürchtet „ein sehr verstärktes Verkehrsaufkommen, auf das der Stadtteil bislang in keinster Form ausgelegt ist“. Selbst wenn die Hälfte aller Ikea-Besucher zu Fuß, per Fahrrad, S-Bahn oder Bus kommt. Davon geht Ikea jedenfalls aus.

Ikea will es sich nicht verscherzen

18 Uhr. Die Bagger haben ihre Motoren ausgestellt. Plötzlich ist es still um Jan Moebus. Man hört die Vögel. Seit sich genug Leute beschwert haben, arbeiten die Bauleute abends anderthalb Stunden kürzer und samstags gar nicht mehr. Der Konzern will es sich mit Altona nicht verscherzen. Moebus sagt: „Vor Weihnachten werden wir eine Nikolaus-Aktion machen.“ Akzeptanzmanagement nennt er das.

Moebus stapft die Sandrampe hoch. Zurück auf Normalnull. Er erhofft noch im Dezember die endgültige Baugenehmigung. Bislang gibt es nur den Vorbescheid. Theoretisch könnte es sein, dass das Loch ein Loch bleibt. Theoretisch. Im nächsten Jahr gehe es dann richtig los, freut sich Moebus. „Was bisher passiert ist, war schließlich erst die Ouvertüre.“

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