Unternehmen Eine Welt ohne Abfall

Gewächshaus der Zukunft: Inspiriert von der Blue Economy hat ein niederländisches Forscherteam den Polydom entwickelt. Hier sollen verschiedene Pflanzen und Tiere zusammenleben, die Forscher versprechen einen Ertrag von 60 – 90 kg pro Quadratmeter. Sie schätzen, dass sogar dicht besiedelte Städte wie New York den Großteil der benötigten Nahrung selbst produzieren könnte, wenn die Dächer mit solchen Gewächshäuser bestückt würden.

Gewächshaus der Zukunft: Inspiriert von der Blue Economy hat ein niederländisches Forscherteam den Polydom entwickelt. Hier sollen verschiedene Pflanzen und Tiere zusammenleben, die Forscher versprechen einen Ertrag von 60 – 90 kg pro Quadratmeter. Sie schätzen, dass sogar dicht besiedelte Städte wie New York den Großteil der benötigten Nahrung selbst produzieren könnte, wenn die Dächer mit solchen Gewächshäuser bestückt würden. © www.except.nl

Dass Unternehmen Müll produzieren, hält der belgische Waschmittelproduzent Gunter Pauli für völlig unnötig. Er findet: Jeder Abfall sollte die Grundlage für ein neues Produkt sein. Das schone die Umwelt - und schaffe Arbeitsplätze. Blue Economy nennt er sein Wirtschaftskonzept.

Herr Pauli, Sie behaupten, dass wir Abfall abschaffen können. Wie bitte soll das funktionieren?

Ganz einfach: Alles, was wir wegwerfen, können wir genauso gut nutzen, um daraus ein neues Produkt herzustellen.

Anzeige

Ein Beispiel bitte!

Unser erfolgreichstes Beispiel ist Kaffeesatz. Auf der ganzen Welt produzieren Kaffeetrinker täglich tonnenweise Müll. Dabei kann man den wunderbar nutzen, um darauf Pilze zu züchten. Forscher haben das schon Mitte der 90er Jahre rausgefunden. Heute nutzen mehr als 3000 Unternehmen weltweit diese Technik, einige davon sind auch in Deutschland aktiv.

Das mag funktionieren. Aber für was kann man beispielsweise Plastikmüll nutzen?

Die Frage ist doch: Muss es Plastikmüll überhaupt noch geben? Wir haben auf Sardinien ein Verfahren entwickelt, in dem wir aus Distelpflanzen Fasern gewinnen, die wir zu biologisch abbaubaren, Plastik-ähnlichen Produkten weiterverarbeiten. Herkömmliches Plastik schadet der Umwelt enorm. Wir brauchen Alternativen, die sich für die Massenproduktion eignen.

Sie nennen Ihr Konzept Blue Economy. Was genau steckt dahinter?

In den 80ern war ich ein großer Fan der Green Economy, die besagt, dass Produkte möglichst umweltschonend hergestellt werden sollen. Relativ schnell wurde mir aber klar, dass das eher eine Pseudo-Umweltbewegung ist. Da wurde Palmöl aus Brasilien importiert. Das war vielleicht biologisch abbaubar, aber durch den langen Transportweg und den dafür abgeholzten Regenwald sicher kein umweltschonender Rohstoff. Außerdem waren solche Produkte am Ende oft sehr teuer und es gab viele Leute, die sie sich gar nicht leisten konnten. Unser Konzept der Blue Economy besagt: Lasst uns regionale Roh- und Abfallstoffe nutzen, die wir nicht über weite Strecken transportieren müssen. Das schont tatsächlich die Umwelt und die Produkte sind am Ende auch günstiger. Blue steht bei uns für die Natur – für den Himmel und das Wasser.

Sie sprechen immer von „uns“. Mit wem arbeiten Sie denn zusammen?

Zur Blue Economy gehört ein Netzwerk, dem sich rund 3000 Forscher weltweit angeschlossen haben. Alleine und mit Unternehmern treffen wir uns immer wieder zu Konferenzen, Workshops und Diskussionen, um neue Forschungsergebnisse zu diskutieren und zu überlegen, wie wir unsere Wirtschaft noch nachhaltiger gestalten können.

Seit wann gibt es die Blue Economy?

Angefangen haben wir ganz klein schon in den 80er Jahren. Richtig los ging es, als die Vereinten Nationen auf uns aufmerksam wurden. An der Universität der Vereinten Nationen wurde eine Forschergruppe gegründet, aus der später unser Netzwerk entstand. Ab 1997 haben wir erste Projekte umgesetzt, aus denen auch viele Start-ups und damit Arbeitsplätze entstanden sind. Bis heute haben sich aus der Blue Economy heraus 188 Initiativen entwickelt, die alle ein gemeinsames Ziel haben: Sie wollen ein Wirtschaftswachstum, das die Umwelt schont.

In Deutschland ist die Blue Economy eher unbekannt. Woran liegt das?

Das stimmt leider – auch wenn wir alles dafür tun, das zu ändern. Anfangs stieß unsere Idee fast nur in Entwicklungsländern auf Gehör. Klar, die Menschen dort konnten es sich nicht leisten, Produkte aus anderen Ländern zu importieren und mussten alles selbst herstellen. Mittlerweile gibt es auch Projekte in Europa – wie das mit den Plastikfasern aus Disteln – in Japan und den USA. In Deutschland arbeiten wir mit Forschern der TU Berlin zusammen und ich weiß von einem Berliner Start-up, das Pilze auf Kaffeesatz züchtet. Aber tatsächlich ist unsere Idee hierzulande noch nicht so richtig durchgedrungen.

Was ist das Ziel der Blue Economy? Wo wollen Sie hin?

Wissen Sie, ich bin Unternehmer, mir gehört eine Waschmittelfabrik. In der Produktion wird normalerweise wahnsinnig viel Wasser verbraucht. Schon vor Jahren habe ich sie deshalb so umgebaut, dass wir das benutzte Wasser von einer Kläranlage reinigen lassen und es dadurch immer wieder verwenden können. Natürlich kommt es mir darauf an, dass wir schonend mit unserer Umwelt umgehen. Aber damit das passieren kann, müssen Unternehmer auch mal unkonventionell denken. Wenn wir es schaffen, über unser Netzwerk Ideen für eine nachhaltige Wirtschaft weiter zu verbreiten, kann uns das gelingen.

 

 

Mentaltrainer Thomas Baschab Der belgische Unternehmer Gunter Pauli, 58, ist Mitbegründer der Blue Economy und Besitzer einer Waschmittelfabrik. Er schreibt Bücher über nachhaltiges Wirtschaften und hält dazu weltweit immer wieder Vorträge.
 

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.