Unternehmen Ende der Milchquote: Chance oder Risiko für die Bauern?

Milchbauer Richard Haneberg sieht der Abschaffung der Milchquote mit Sorge entgegen.

Milchbauer Richard Haneberg sieht der Abschaffung der Milchquote mit Sorge entgegen.© picture alliance / dpa

Nach 31 Jahren fällt zum Monatsende die Milchquote weg. Politik und Experten rechnen mit einer steigenden Nachfrage weltweit, von der Europas Bauern profitieren könnten. Aber können kleine Familienbetriebe da mithalten? Zwei Landwirte berichten.

Als vor gut 30 Jahren die Milchquote eingeführt wurde, gab es im gesamten Land wütende Proteste. Vor allem im Allgäu – der Heimat des damaligen Bundeslandwirtschaftsministers Ignaz Kiechle – gingen die Bauern auf die Straße und machten ihrem Ärger Luft. „Das war eine heiße Geschichte. Mit Transparenten sind sie durch Kempten gezogen und haben lautstark protestiert“, erinnert sich Richard Haneberg. Er selbst war damals 25 Jahre alt. Zwei Jahre nach Einführung der Milchquote hat er von seinen Eltern den Hof übernommen. Dass die Quote zum 1. April abgeschafft wird, sieht er mit Sorge. „Ich befürchte, dass dadurch viele, die eigentlich weitermachen wollen, auf der Strecke bleiben.“

40 Milchkühe samt Jungvieh halten Richard und Cilli Haneberg auf ihrem Hof am Stadtrand von Kempten. Von Anfang an haben sie auf Bio gesetzt. „Wir waren der Überzeugung, dass wir für unsere Umwelt etwas tun müssen.“ 270.000 Liter Milch durfte Haneberg bislang produzieren. Dass die Milchmenge der Nachfrage angepasst wurde, hat er stets befürwortet. „Ich bin der Meinung, dass wir nicht am Verbrauch vorbei produzieren können. Die Milchseen, Butterberge, vollen Lager und entsprechend schlechte Preise – das alles hatten wir schon vor der Quote.“
Für viele Kleinbetriebe könnte es eng werden

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Wenn sie nun fällt, rechnet der Kemptener erneut mit einer Überproduktion und sinkenden Milchpreisen. Was den Verbraucher freut, könnte in der Branche zu einem harten Verdrängungswettbewerb in „Ellbogen-Manier“ führen, den vor allem kleine Betriebe nicht überstehen. „Auch für diejenigen, die gerade investiert haben, könnte es eng werden.“ Zudem stellt der Biobauer infrage, ob es so gut ist, vom Boden und Vieh höchste Erträge erwirtschaften zu wollen. Trotz allem sieht Haneberg durch den Wegfall der Quote auch eine Chance: Für manchen Landwirt könnte es interessant werden, auf Bio umzusteigen und dadurch einen höheren Milchpreis zu erlangen. „Die Grundeinstellung sollte dafür allerdings passen.“

Milchbauer Bruno Knab rechnet nicht mit Überproduktion

Das Thema Milchquote lässt Bruno Knab ziemlich kalt. „Passiert ja erst mal nichts“, sagt der Landwirt. Auf seinem Hof im oberschwäbischen Wolfegg (Kreis Ravensburg) kümmert er sich um 80 Milchkühe, bislang durfte er im Jahr 600.000 Liter an die Molkereien liefern.

Nach 31 Jahren fällt nun diese Obergrenze, die Quote zum Monatsende aufgehoben. Werden die Molkereien nun mit Milch überschwemmt? „Quatsch“, sagt Knab. „Unsere Tiere können ja nicht von heute auf morgen einfach mehr Milch produzieren.“

Eingeführt wurde die Quote als Schutzmechanismus: Sie sollte eine Balance zwischen Angebot und Nachfrage herstellen und die Preise sichern. Ihre wichtigsten Ziele habe die Quote aber gar nicht erreicht, sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbands im Südwesten, Horst Wenk. „Weder wurden die Einkommen der Milcherzeuger auf einem für diese akzeptablen Niveau stabilisiert, noch wurde dadurch der Strukturwandel aufgehalten.“

Strukturwandel in der Landwirtschaft

1984 gab es in Baden-Württemberg 61.000 Milchviehbetriebe, heute sind es nach Angaben des Verbands noch 8600. Bundesweit sank die Zahl im gleichen Zeitraum demnach von 370.000 auf 77.000 Betriebe. Dieser Trend werde sich fortsetzen, sagt Wenk. Seit 1999 hätten jedes Jahr zwischen vier und fünf Prozent der Milchviehbetriebe ihre Produktion eingestellt.

„Selbstverständlich werden die verbleibenden Betriebe sich weiterhin vergrößern“, sagt Wenk. „Das ist allerdings eine kontinuierliche Entwicklung wie überall in der Landwirtschaft.“

Molkereien bereiten sich auf größere Milchmengen vor

Durch den Wegfall der Quote wird eine steigende Milchproduktion erwartet – die von den Molkereien verarbeitet werden muss. Bei Omira in Ravensburg sieht man sich gut vorbereitet: „Wir sind bereit, auch höhere Milchmengen aufzunehmen“, sagt der Geschäftsführer Ralph Wonnemann. Die Großmolkerei habe im Sommer 2014 ihre Milcherzeuger zu deren Wachstumsplänen befragt. „Basierend auf den Ergebnissen dieser Umfrage gehen wir von einem verarbeitungsfähigen Milchzuwachs aus.“

Für Milchbauer Knab kommt eine Erweiterung nicht mehr in Frage, obwohl er die Fläche dazu hätte. „Wenn es die Quote nicht gegeben hätte, hätte ich in den vergangenen Jahren sicher auf Wachstum gesetzt“, sagt er. „Jetzt bin ich bald 50 Jahre und habe niemanden, der den Hof übernimmt. Da ist eher Optimieren angesagt.“ In den 80er Jahren sei sein Betrieb noch einer der größten in der Region gewesen, inzwischen seien rund 80 Milchkühe normal.

Im Südwesten haben die Landwirte im Schnitt 39 Kühen pro Halter. Nur 30 Prozent der Betriebe besitzen mehr als 50 Kühe, ein Drittel hat sogar weniger als 20 Kühe. Der Bundesdurchschnitt liegt laut Bauernverband dagegen bei 56 – und in Brandenburg sogar bei 224 Milchkühen. Auch im Südwesten gebe es größere Betriebe, sagt Wenk. Allerdings nur 500, die im Schnitt wiederum 142 Kühe besäßen.

Milchpreise variieren

„Bis jetzt war es so, dass Betriebe ab 40 Kühen ein Familieneinkommen erwirtschaften können“, sagt der Ministerialdirektor im Agrarministerium in Stuttgart, Wolfgang Reimer. „Und sie haben – je nach Jahr – auch nicht so schlecht verdient.“ In Baden-Württemberg sei zudem der Milchpreis höher als beispielsweise in Brandenburg. Und die Höfe mussten als Familienbetriebe kaum Löhne zahlen. „Von daher waren sie durchaus wirtschaftlich.“

Als die Milchquote 1984 eingeführt wurde, gab es zu viel Milch auf dem europäischen Markt. Wer die erlaubte Quote überschritt, musste eine Abgabe zahlen. Nun rechnen Politik und Experten mit einer steigenden Nachfrage weltweit, von der Europas Bauern profitieren sollen. Aber können die vergleichsweise kleinen Familienbetriebe im Südwesten da überhaupt mithalten?

Kleine Höfe brauchen Marktnischen

Grundsätzlich ja, sagen Experten. Allerdings bräuchten sie Nischen und Sonderwege: Damit ein kleinerer Betrieb auch in Zukunft noch existieren kann, muss er nach Ansicht von Wenk entweder mehrere Standbeine haben – beispielsweise durch Direktvermarktung, Erzeugung von erneuerbaren Energien oder aber Ferien auf dem Bauernhof. „Oder er muss besondere, vor allem regionale Spezialitäten erzeugen, die natürlich auch nachgefragt werden müssen“, sagt Wenk.

Die Molkereien dagegen könnten verschiedene Vermarktungslinien bedienen, sagt Reimer. „Die kleineren Molkereien können sich im Premiumsegment profilieren, in dem sie zum Beispiel sagen: Ich mache Heumilchkäse, also silofreie Milch.“ Oder aber Spezialitäten im Käsebereich. „Das läuft beispielsweise im Allgäu, im Hohenlohischen oder im Schwarzwald gut.“

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