Mittelstand Energiewende – nur mit dem Mittelstand

Licht aus? "Als Stromkonsumenten sind die Unternehmen auf wettbewerbsfähige Strompreise angewiesen", schreibt Mario Ohoven vom BVMW.

Licht aus? "Als Stromkonsumenten sind die Unternehmen auf wettbewerbsfähige Strompreise angewiesen", schreibt Mario Ohoven vom BVMW.© Coloures-pic / Fotolia.com

Die Energiewende ist von existentieller Bedeutung für die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Sie funktioniert nur mit dem Mittelstand – oder gar nicht. Ein Gastbeitrag von Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft.

Seit der Liberalisierung des Strommarktes im Jahr 1998 hat sich das Marktumfeld deutlich verändert. Durch die Förderung Erneuerbarer Energien mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und den Ausstieg aus der Kernenergie befindet sich der Strommix im Wandel. Der Beitrag der Erneuerbaren Energien zur Stromerzeugung hat sich seit 1998 fast versechsfacht. Mittlerweile liegt der Anteil der Renewables am Stromverbrauch bei rund 28 Prozent. Bis zum Jahr 2035 sollen nach den Plänen der Bundesregierung bis zu 60 Prozent des Stroms aus Anlagen Erneuerbarer Energien kommen.

Dieser grundlegende Umbau unserer Energieversorgung braucht eine neue Infrastruktur, wie etwa neue Leitungen und Anlagen. Vor allem aber erfordert der radikale Wandel ein neues Denken. Bisher war die Stromversorgung überwiegend zentral organisiert, eine überschaubare Zahl großer Kraftwerke in den Lastzentren leistete die Versorgung. Sie wird künftig mehr und mehr durch eine Vielzahl kleinerer, dezentraler Anlagen übernommen.

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Unternehmen sind auf wettbewerbsfähige Strompreise angewiesen

Der Mittelstand spielt bei der Energiewende eine entscheidende Rolle. Als Stromkonsumenten sind die Unternehmen auf wettbewerbsfähige Strompreise angewiesen. Die Strompreise für Industriestrom sind jedoch bei uns in den vergangenen Jahren um rund 40 Prozent gestiegen. Unternehmen in Deutschland zahlen für Industriestrom beispielsweise mehr als doppelt so viel wie in den USA.

Zudem ist hierzulande vor allem die Kostenbelastung durch Steuern und staatlich induzierte Umlagen im europäischen Vergleich besonders hoch. Mehr als die Hälfte des Strompreises entfällt auf diese „Staatslasten“. Darauf reagieren die Unternehmen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern: Sie investieren in eine dezentrale Eigenversorgung. Das Neue der Energiewende ist neben der Dekarbonisierung die Dezentralisierung. Der Mittelstand treibt diese Entwicklung voran.

Energieeffizienz steigern – Kosten senken

Zudem investiert der Mittelstand in Energieeffizienz, um die Kosten zu senken. Fast die Hälfte der Mitgliedsunternehmen des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW) haben in den zurückliegenden zwei Jahren Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz ergriffen. Rund zehn Prozent planen dies in den kommenden zwei Jahren.

Weltweit wird die Nachfrage nach Effizienzmaßnahmen erheblich wachsen. Die Internationale Energie-Agentur prognostiziert einen Anstieg des weltweiten Primärenergiebedarfs um fast 40 Prozent bis zum Jahr 2040. Entsprechend stark wird die Nachfrage nach Effizienzmaßnahmen zunehmen. Bereits heute bieten viele mittelständische Unternehmen Effizienz-Lösungen an. Künftig werden ihr Know-how und die Innovationskraft des deutschen Mittelstands entscheidend zur Steigerung der Energieeffizienz und damit zum Gelingen der Energiewende beitragen.

Der Strommarkt muss flexibler werden

Die Energiewende erfordert völlig neue Rahmenbedingungen: Die Stromnetze müssen ausgebaut werden – dezentral und intelligent. Der Rahmen für sinnvolle und bezahlbare Effizienz-Maßnahmen muss stimmen. Und nicht zuletzt muss der Strommarkt für die Energiewende angepasst werden.

Unser derzeitiger Strommarkt muss flexibler werden, um den neuen Anforderungen der Energiewende zu entsprechen. Vor der Energiewende orientierte sich die Stromerzeugung an der Nachfrage. Diese war vergleichsweise vorhersehbar, die Erzeugung war entsprechend regelbar ausgelegt.

Heute wird die Stromerzeugung stärker denn je vom Wetter bestimmt. Aus diesem Grund muss die Nachfrage flexibler werden, wir brauchen Speicher, um den erzeugten Strom aus Spitzenzeiten zu speichern. Und die Anlagen konventioneller Stromerzeugung müssen sich trotz fallender Preise am Strommarkt rentieren, um auch künftig ihren Beitrag zur Versorgungssicherheit zu leisten.

Flexibilität heißt, dass Preissignale stärker als bisher ihre lenkende Wirkung entfalten können müssen und systemdienliches Verhalten der Marktteilnehmer belohnen – sowohl bei der Nachfrage als auch beim Angebot. Zudem müssen die Erneuerbaren stärker in die Systemverantwortung eingebunden werden, zum Beispiel durch das Angebot von Systemdienstleistungsprodukten.

Netzausbau ist unerlässlich

Neben dem neuen Marktrahmen sind die Stromnetze eine wesentliche Baustelle der Energiewende. Ein Netzausbau ist unerlässlich. Da die Energiewende dezentral ist, muss sich das auch im Ausbau der Netze widerspiegeln: Der Fokus muss stärker als bisher auf die Verteilnetze gelegt werden, denn daran sind 98 Prozent der Anlagen Erneuerbarer Energien angeschlossen.

Durch intelligente Technologien und Management lassen sich die Kosten für den Ausbau erheblich reduzieren. Insbesondere ein besseres Einspeisemanagement, das selten auftretende Belastungsspitzen durch Erneuerbare abregelt, kann die Kosten deutlich senken. Die Spitzenkappung sollte stärker in den Netzausbauplänen berücksichtigt werden.

Wichtig ist, dass dabei eine für alle Beteiligten rechtssichere und wirtschaftlich vertretbare Lösung gefunden wird. Auch Lastmanagement kann in gewissem Umfang durch die zeitliche Verschiebung des Stromverbrauchs einen Beitrag zur Stabilität der Netze und Kappung der Nachfragespitzen leisten. Die Systematik der Netznutzungsentgelte muss überarbeitet werden, um die Anreize zur Flexibilisierung richtig zu setzen.

Selbst Strom erzeugen ist wichtig für viele Mittelständler

Darüber hinaus dürfen sich die Rahmenbedingungen für die Eigenerzeugung von Strom nicht weiter verschlechtern. Die zunehmend dezentrale Energieerzeugung ist elementarer Teil der Energiewende. Dies muss bei der Novelle des Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes (KWK-G) ebenso berücksichtigt werden wie bei der Belastung der Eigenerzeugungsanlagen mit staatlich verursachten Kosten, wie der EEG-Umlage.

Die Eigenerzeugung ist für viele Mittelständler wichtig, weil sie ihre Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen sichert. Die von der Bundesregierung vorgelegten Eckpunkte zur Novelle des KWK-G müssen in diesem Sinne nachgebessert werden.

Steuerliche Förderung für energetische Gebäudesanierung

Eine weitere Säule der Energiewende ist die Energieeffizienz. Energieeffizienz-Maßnahmen senken nicht nur den Energiebedarf, sie erhöhen auch die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, indem sie deren Energiekosten reduzieren. Insbesondere für kleine Mittelständler ist es wichtig, dass die Förderung unbürokratisch erfolgt.

Daher ist die Einführung einer steuerlichen Förderung der energetischen Gebäudesanierung für uns noch nicht vom Tisch. Bundesregierung und Gesetzgeber müssen bei allen Entscheidungen zur Energiewende den Mittelstand immer mit denken. Nur mit ihm kann die Energiewende gelingen.

 

Mario Ohoven ist Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW).  Der BVMW ist der größte, freiwillig organisierte Mittelstandsverband in Deutschland. Er vertritt im Rahmen seiner Mittelstandsallianz die Interessen von rund 270.000 Unternehmen, die mehr als neun Millionen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen.

3 Kommentare
  • Christian S. 19. August 2015 11:05

    Leider wird stets viel gefordert von allen Seiten, die verfügbaren Mittel werden jedoch nicht genutzt! Die Unternehmen haben bereits jetzt zB im Bereich von energieeffizienter Beleuchtung eine große Auswahl an guten und professionellen Produkten zur Verfügung, um mit vergleichsweise geringen Investitionen signifikante Ersparnisse von 60% bis 80% zu erzielen.

    Logischerweise ist es von Betrieb zu Betrieb sehr individuell, welchen Anteil am gesamten Energieverbrauch auf Beleuchtung entfällt. Jedoch ergibt sich in einer Gesamtbetrachtung über alle Betriebe und Haushalte eine Energiemenge, die ca. einem AKW entspricht – je nach verwendeter Schätzung.

    Außerdem nutzen fortschrittliche Unternehmenslenker heute bereits die Kombination aus (z.T.) eigener Stromproduktion und Umstellung auf energieeffizienter Infrastruktur. Denn je weniger ich verbrauche, desto kleiner muss die Anlage zur Energieerzeugung dimensioniert sein. Denn: sollte en nicht von grundlegender, strategischer Wichtigkeit sein sich so unabhängig wie möglich von den Faktoren machen, die ich preislich kaum oder garnicht beeinflussen kann?

    Fazit: weniger reden und mehr handeln ist angesagt! Lieber heute als morgen! Denn nur das ist nachhaltig sinnvoll, stärkt Unternehmen, spart Energie und schont die Umwelt!

  • Eberhard Vogt 17. Juli 2015 16:17

    Die Energiewende ist ohne Zweifel eine gewaltige Herausforderung: Die Ziele der Bundesregierung sind ambitioniert, und der radikale Umbau der Energieversorgung birgt neben Chancen auch Risiken. Diese sind nicht zu unterschätzen – daher haben wir uns die Frage gestellt: Wie kann der Umbau so gestaltet werden, dass die Risiken für den Mittelstand minimiert werden? Oder anders formuliert: Wie bleibt die Versorgungssicherheit – auch mit der Energiewende – gewährleistet und die Kosten wettbewerbsfähig? Unsere Antwort darauf lautet: Gute Rahmenbedingungen für die Eigenstromversorgung der mittelständischen Industrie, eine bessere Integration der Erneuerbaren Energien in den Strommarkt und ein Fokus auf intelligente Verteilnetze. Dies fordern wir von der Politik. Die ambitionierten Ziele der Bundesregierung bezogen auf die Energiewende können nur gemeinsam mit dem Mittelstand erreicht werden. Darum bringt der BVMW sich auch weiter aktiv in die energiepolitische Debatte ein.

  • Robert 10. Juli 2015 15:55

    Wenn ich das so lese, dann drehen sich die Argumente im Kreis. Alles muss flexibler werden, neue Stromtrassen müssen her und jeder baut sich zudem seine eigene Stromversorgung auf. Ich produziere also nur noch, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Als Unternehmer sind das für mich unkalkulierbare Faktoren. Im Umkehrschluss liefere ich nur noch an meine Kunden, wen der Wind günstig steht. Und meine Mitarbeiter schicke ich Heim, wenn Flaute herrscht (und dabe meine ich nicht die Auftragsflaute). Danke! Kunden und Mitarbeiter machen das mit Sicherheit mit, vor allem, da ich auch noch höhere Energiekosten habe und diese auf meine Produkte umlegen muss.
    Wie Sie richtig schreiben: Bisher hatten wir wenige große Kraftwerke, die uns zuverlässig, günstigen Strom lieferten – genau dann, wenn er gebraucht wurde. Eine tolle, effiziente und ökonomisch, wie ökologisch herausragende Sache.
    Mit der Energiewende kommt eine unberechenbare Situation auf uns zu, die vor allem uns deutsche Unternehmer von einer weltwirtschaftlichen Spitzenposition in kürzester Zeit ins Mittelfeld – und wenn wir bis dahin nicht aufgewacht sind – ans Ende katapultieren wird.
    Für mich ist das keine Energiewende sondern ein Energiewahnsinn, der in Deutschland betrieben wird – sowohl wirtschaftlich wie ökologisch!
    Wir können so effizient und sparsam mit Strom umgehen wie wir nur möchten, das ändert nichts daran, dass wir in Zukunft immer mehr davon benötigen und verbrauchen werden. Selbst Fahrräder und Autos fahren jetzt damit, Rollläden gehen damit auf und zu, nichts, wo nicht doch noch ein E-Motor oder Schaltrelais sitzt …
    Wirtschaftliche Entwicklung braucht Energie – aber bitte bezahl- und kalkulierbar.

    VG
    Robert

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