Unternehmen Das können Sie vom Uhrenhersteller Nomos Glashütte lernen

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In Glashütte wurden bereits vor 170 Jahren Uhren gebaut. Die winzigen Schrauben und Rädchen eines Nomos-Chronometers setzen Uhrmacher in aufwendiger Kleinarbeit zusammen.

In Glashütte wurden bereits vor 170 Jahren Uhren gebaut. Die winzigen Schrauben und Rädchen eines Nomos-Chronometers setzen Uhrmacher in aufwendiger Kleinarbeit zusammen.© Sven Döring für impulse

Wie können kleine Unternehmen durch Unabhängigkeit Erfolg haben? Um diese Frage ging es beim impulse-Netzwerktreffen bei Nomos in Glashütte. Drei Dinge, die Sie von der Uhrenmanufaktur lernen können.

Unabhängigkeit

Nomos Glashütte ist ein Mittelständler – eine Seltenheit im Markt, in dem das Gros der Marken den Schweizer Konzernen Swatch (u. a. Union Glashütte, Glashütte Original) oder Richemont (u. a. A. Lange  & Söhne) gehören. Gründer Roland Schwertner hält die Mehrheit der Anteile, daneben sind Geschäftsführer Uwe Ahrendt und Judith Borowski, Chefin des Berliner Standortes, als Gesellschafter eingestiegen sowie ein weiterer Mitarbeiter.

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Einen Anteil hält die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Sachsen, eine private Beteiligungsgesellschaft mit öffentlicher Förderung. „Als inhabergeführtes Unternehmen konnten wir von Anfang an langfristige Ziele verfolgen und auch mal ungewöhnliche Wege gehen“, sagt Ahrendt.

Beim neuen Modell Metro stellt Nomos 95 Prozent aller Teile selbst her – lediglich 50 Prozent wären nötig, um den geschützten Namen der sächsischen Kleinstadt in die Gehäuse gravieren zu dürfen. 11,4 Millionen Euro und sieben Jahre Forschungsarbeit stecken in dem neuen Assortiment, das die Manufaktur gerade unter dem Namen Swing-System
patentieren ließ.

Mit diesem Herzstück einer Uhr ist die Manufaktur unabhängig vom Schweizer Monopolisten Nivarox, der mehr als 90 Prozent aller Uhrenhersteller mit Assortiments beliefert, ab 2016 aber nur noch für den Mutterkonzern Swatch
arbeiten wird.

Das eigene Assortiment sei jedoch keine Reaktion auf den Strategiewechsel bei Nivarox gewesen, sondern seit dem Start 1990 geplant, sagt Ahrendt: „Schritt für Schritt – und je nachdem, ob wir das gerade finanzieren konnten – haben
wir darauf hingearbeitet.“ Die Entwicklung, die von der EU gefördert wurde, trieb das Unternehmen gemeinsam mit der TU Dresden voran.

Die große Herausforderung war das Zusammenspiel der einzelnen Teile im Uhrwerk. Die Toleranzen liegen bei vier My, das entspricht dem Zehntel einer Haaresbreite. Für die Unternehmensfinanzierung nutzt die Manufaktur eine Kombination aus Cashflow, klassischen Investitionsdarlehen sowie einer stillen Beteiligung der Bürgschaftsbank (DZ Bank), die seit mehr als zehn Jahren ein Partner ist.

Zwei Standorte

Unterschiedlicher könnten die Städte kaum sein: Glashütte, dieser abgelegene Ort im Erzgebirge mit knapp 7000 Einwohnern. Und die Hauptstadt Berlin, zweieinhalb Stunden Fahrzeit entfernt, wo die Nomos-Tochter Berlinerblau mit rund 25 Mitarbeitern sitzt. Hier: schweigsame Uhrmacher in weißen Kitteln. Dort: junge Kreative, die in einem schicken Kreuzberger Industriebau an Apple-Rechnern arbeiten. Altes Handwerk und junges Design.

An jedem Ort findet Ahrendt die passenden Fachkräfte. In Glashütte verlassen jedes Jahr gut qualifizierte Handwerker die Uhrmacherschule, Nomos bildet auch selbst aus. Bei vielen Jugendlichen haben schon Eltern und Großeltern denselben Beruf erlernt.

Berlin sei der perfekte Standort, um Texter, Produkt- und Webdesigner sowie Grafiker zu gewinnen. „Die würden nicht ins Erzgebirge kommen, da machen wir keinen Hehl daraus“, sagt Ahrendt. „Auch in Berlin folgen wir unserer Philosophie und machen alles selbst.“ Vom Texteschreiben bis zum Übersetzen und der Gestaltung von Layouts. „Es fehlt nur noch eine Druckmaschine im Keller.“

Wenige Modelle

Nomos-Gründer und Mehrheitseigner Roland Schwertner präsentierte 1992 vier Modelle: Tangente, Orion, Ludwig und Tetra. „Diese Uhren sehen heute noch genauso aus wie damals“, sagt Ahrendt. „Wir haben uns eher auf das Innenleben und kleine Verbesserungen konzentriert.“

Während andere Hersteller zu jeder Uhrenmesse Neuheiten auf den Markt bringen, hält sich Nomos an einige wenige Designs, die mehrere Jahre unverändert bleiben können. Für die Entwicklung nehmen sich die Uhrmacher und Designer drei bis vier Jahre Zeit. „Wir wollen Klassiker schaffen“, sagt Ahrendt. Daher müsse auch der Preis stabil bleiben. Nomos verlangt keine Mindestabnahme von Händlern, die auf deren Seite Verkaufsdruck aufbaut. Zudem gewährt die Manufaktur keine Rabatte.

Auch bei den Komplikationen – wie Uhrmacher die Spielereien und Zusatzfunktionen nennen – hält sich Nomos zurück. Es soll keine Kalender mit Mondphase und keine Minutenrepetition geben, nur weil die Uhrmacher ihre Kunst beherrschen. „Wir wollen uns auf das beschränken, was die Kunden wirklich brauchen“, sagt Ahrendt.

Das seien vier Zusatzfunktionen: Datum, Weltzeit, eine zweite Zeitzone und die Gangreserve, die anzeigt, wie viele Stunden die Uhr noch läuft. Regelmäßig werden Fachhändler eingeladen und durch die Produktion geführt, damit sie auch transportieren, wie viel Arbeit in einer Uhr steckt.

Erfolg durch Unabhängigkeit: Fotos vom impulse-Netzwerktreffen bei der Uhrenmanufaktur Nomos

 

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