Unternehmen „Es darf nicht sein, dass Unternehmen von Billiglöhnen profitieren.“

Bilder von Vermissten nach dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch.

Bilder von Vermissten nach dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch.© picture alliance / AP Photo

Auch deutsche Familienunternehmen ließen dort nähen: 1100 Menschen starben vor zwei Jahren beim Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch. Damit auch kleinere Firmen künftig besser auf ihre Lieferketten achten, hat das Textilbündnis nun eine „Mittelstandsklausel“ beschlossen.

Es ist eine Katastrophe, die ins kollektive Gedächtnis der Weltöffentlichkeit eingeht. Am 23. April 2013 fällt in Dhaka (Bangladesch) der Gebäudekomplex Rana Plaza in sich zusammen und reißt mehrere Textilfabriken mit sich. Arbeiter werden erschlagen oder ersticken unter den Betonmassen. Insgesamt sterben 1129 Menschen, tausende weitere werden verletzt und traumatisiert.

Hier und in der im November zuvor abgebrannten Fabrik Tazreen hatten auch zahlreiche deutsche Firmen Kleidung nähen lassen. Darunter sind bekannte Branchengrößen wie die Billigketten Kik (Tengelmann-Gruppe) und NKD, aber auch kleinere Handelsfirmen jenseits der öffentlichen Wahrnehmung wie Karl Rieker aus Baden-Württemberg und Güldenpfennig aus Niedersachsen – allesamt traditionsreiche Familienunternehmen, die öffentlich gern ihre soziale Verantwortung betonen.

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Auch zwei Jahre nach der Katastrophe haben noch nicht alle Firmen in einen für die Opfer aufgelegten Hilfsfonds eingezahlt. Aktuell fehlen noch immer sechs Millionen Dollar in einem von der von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) verwalteten Entschädigungsfonds. Deshalb und um den Druck auf Firmen wie die Adler Modemärkte und NKD – die Kette gehörte zum Zeitpunkt der Katastrophe dem niedersächsischen Textil-Millionär Claas E. Daun – zu erhöhen, protestierten am Donnerstag Aktivisten der Kampagne für Saubere Kleidung in einem Berliner Shoppingcenter.

Mit lautem Geratter von Nähmaschinen und einer Lärmkulisse wie bei einem einstürzenden Gebäude wollten die Demonstranten die Aufmerksamkeit von Passanten und Medien gewinnen. „Die Würde der Opfer wird weiter mit Füßen getreten“, sagte Berndt Hinzmann vom Inkota-Netzwerk. „Rund zwei Jahre nach der Katastrophe erhärtet sich der Verdacht, dass die Unternehmen darauf setzen, dass die Zeit die Wunden vergessen macht“, sagte Hinzmann.

Das katholische Hilfswerk Misereor forderte die Bundesregierung auf, gesetzliche Schritte zum Schutz der Menschenrechte in der deutschen Außenwirtschaft einzuleiten. „Deutsche Unternehmen sollten gesetzlich verpflichtet werden, für die Einhaltung der Menschenrechte bei ihren Tochterunternehmen und Geschäftspartnern im Ausland Sorge zu tragen“, erklärte Misereor-Geschäftsführer Pirmin Spiegel. „Es darf nicht sein, dass Unternehmen, die von ungerechten Arbeitsstrukturen und Billiglöhnen in Ländern wie Bangladesch und Pakistan profitieren, so lange wegschauen dürfen, bis Tragödien wie die von Rana Plaza die Weltöffentlichkeit erschüttern.“

Mittelstandsklausel für kleinere Firmen eingeführt

Wenige Stunden vor dem Jahrestag des Fabrik-Einsturzes haben sich die Verbände der Textilindustrie am Mittwoch dem von der Bundesregierung initiierten Textilbündnis angeschlossen. „Rana Plaza war ein Weckruf auch für die Wirtschaft“, sagt Josef Sanktjohanser, Präsident des Dachverbands HDE in Berlin. „Handel und Industrie wollen gemeinsam mit der Bundesregierung, Gewerkschaften und Vertretern der Zivilgesellschaft die Lieferkette für Textilien sozialer und ökologischer gestalten.“

Das Bündnis war von Entwicklungshilfe-Minister Gerd Müller (CSU) angeschoben worden, hatte aber lange Probleme, die Unternehmen zum Mitmachen zu gewinnen. Um auch kleinere Firmen dazu zu bewegen, künftig verstärkt auf sichere und nachhaltige Produktion zu achten, wurde eine sogenannte „Mittelstandsklausel“ vereinbart.

So ist das Bündnis den Textilhändlern und -herstellern vor allem bei solchen Forderungen entgegengekommen, die nach Ansicht der Wirtschaftsvertreter Haftungsrisiken nach sich gezogen hätten. Schließlich sei es für kleinere Firmen schwieriger, die Einhaltung von Mindeststandards bei ausländischen Zulieferern durchzusetzen, als für Weltkonzerne. Zudem könne die Wirtschaft keine hoheitlichen Aufgaben des Staates oder der Tarifpartner übernehmen.

Eine konsequent internationale Ausrichtung des Textilbündnisses sei zudem notwendig, um Nachteile für deutsche Betriebe im internationalen Wettbewerb zu verhindern. Anders als Frankreich setzt die Bundesregierung auf die Verantwortung der Unternehmen – und nicht auf neue Gesetze.

1 Kommentar
  • Dr. Böhm 24. April 2015 09:46

    Der Versuch, die ganze Welt zu verbessern, ist aus Prinzip zum Scheitern verurteilt. Es wäre der Job der Regierenden in Bangladesh für vernünftige Arbeitsbedingungen in diesem Land zu sorgen. Gesetzliche Schritte des deutschen Gesetzgebers, welche deutschen Unternehmen noch mehr Verantwortung und Pflichten aufbürden sind einfach nur schädlich. Die verantwortungsbewußten Unternehmen werden durch hohe Kosten (für Audits, Zertifizierungen etc.) bestraft, jedoch sicherlich auch bei kleinen Fehlern bzgl. der dann geltenden Dokumentationspflichten zur Verantwortung gezogen. Verantwortungslose Unternehmen werden prächtig verdienen, Dokumente gefälscht oder vor der ersten Prüfung wieder geschlossen, zwischendurch eine satte Gewinnspanne…

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