Unternehmen „Es gibt umfangreiches Potenzial für Missverständnisse“

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Eine Einkaufsstraße in Hongkong.

Eine Einkaufsstraße in Hongkong.© Le Zenits/Flickr/Lizenz: CC BY 2.0

Deutsche Mittelständler sind begehrte Übernahmeziele bei chinesischen Investoren. Aber welche Risiken und Herausforderungen gibt es bei einer Übernahme durch die Asiaten? Und welche Macht hat dabei die Kommunistische Partei? Das lesen Sie im zweiten Teil des impulse-Interviews mit Rechtsanwalt Rudolf Haas von der renommierten Kanzlei Latham & Watkins.

Rechtsanwalt Rudolf Haas betreut bei der renommierten Kanzlei Latham & Watkins unter anderem chinesische und deutsche Unternehmen bei grenzüberschreitenden Übernahmen. Im zweiten Teil des Interviews sagt er, welche Vorteile chinesische Investoren deutschen Mittelständlern aus seiner Sicht bieten – und welche Herausforderungen es in einem Übernahmeprozess gibt.

Welche Vorteile bieten chinesische Investoren ihrer Meinung nach für deutsche Mittelständler?

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Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass sie sich normalerweise sehr langfristig engagieren. Aber auch die anderen Ziele chinesischer Käufer sind für den Verkäufer von Vorteil: Eine sehr klare strategische Perspektive, ein großes Interesse an der Technologie und Produktpalette und der Wille, die Entwicklungsabteilungen in Deutschland am Laufen zu halten.

Außerdem können sie einen Zugang zu den asiatischen Massenmärkten bereitstellen, die für einen deutschen Mittelständler ansonsten aus eigener Kraft mitunter schwer zu erreichen wären. Wenn man einen chinesischen Partner findet, der die Massenmärkte sehr erfolgreich beliefert, kann man vielleicht zwar nicht die ganze Produktpalette in diesen Märkten vertreiben, aber zum Beispiel einzelne Komponenten in das chinesische Massenprodukt einbringen und dadurch ein Premium-Segment auf einer niedrigeren Stufe schaffen. Es gibt also vielfältige Möglichkeiten.

Was sehen Sie als Risiken?

Ein Risiko ist natürlich, dass man am Ende doch nicht so gut zusammenpasst. Das ist aber keine chinesische Besonderheit. Es gibt auf jeden Fall umfangreiches Potenzial für Missverständnisse und Reibungsverluste. In den Prozessen gibt es auch ein ganz erhebliches Frustrationspotenzial. Aber ich habe das Gefühl, dass es letztlich – wenn der Prozess durch ist – in den meisten Fällen zu recht glücklichen Ehen führt.

Was raten Sie Unternehmen, die ein Übernahmeangebot aus China bekommen?

Mein Ratschlag wäre, diese Option nicht vorschnell auszuschließen, weil der Käufer einem zu fremd ist. Unsere Erfahrung ist, dass man häufig, obwohl kulturell vieles anders und sehr weit weg ist, Verwandtschaften oder Gemeinschaften entdeckt, die man nicht vermutet hätte.

Welche Herausforderungen und Stolpersteine gibt es in so einem Übernahmeprozess?

Die Kommunikationsprozesse sind normalerweise sehr anspruchsvoll. Weil im Zweifelsfall jeder in einer Fremdsprache operiert, kommt es auch immer wieder zu Missverständnissen oder Situationen, wo alle scheinbar das gleiche sagen, aber nach Wochen feststellen, dass man doch nicht das gleiche gemeint hat. Der ganze Prozess ist häufig auch undurchsichtig, jedenfalls am Anfang. Auch bei Entscheidungen gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen. Während der deutsche Unternehmer eine Aussage zum Beispiel schon als Zusage verstanden hat, war es aus Sicht der Chinesen vielleicht erst der Punkt, an dem sie sich trauen, das Vorhaben zuhause der Geschäftsführung vorzustellen. Dabei kann es zu Frustrationen kommen.

Ein weiterer Punkt, der für uns ungewohnt und im Prozess sehr sperrig ist, sind die Genehmigungserfordernisse auf der chinesischen Seite. Wenn der Käufer ein Staatsunternehmen ist, müssen die internen Abstimmungen auch auf die politische Ebene getragen werden, das heißt die internen Gremienentscheidungen erfordern bereits eine Abstimmung mit den für das Unternehmen zuständigen Behörden. Auch private Käufer brauchen eine Genehmigung des Staates bei einer Firmenübernahme.

Im Fall des von einem chinesischen Konzern übernommenen Löschfahrzeug-Herstellers Ziegler ging der Fall bis hoch in die oberste Parteispitze der KP… Welche Rolle spielt die Partei beziehungsweise das Wirtschaftsministerium?

In der Regel muss das Wirtschaftsministerium bei Übernahmen eingebunden werden und zustimmen. Wobei es neue Regelungen gibt, wonach es quasi routinemäßig genehmigt wird, wenn bestimmte Parameter eingehalten werden. Auf Ebene der Provinzen sind eventuell auch nochmal Genehmigungen erforderlich. Der ganze Prozess kann zum Teil sehr mühsam sein, auch für die chinesischen Käufer.

Das muss man vor allem auch in der Zeitschiene einplanen. Wir raten unseren chinesischen Mandanten immer sehr ausdrücklich, diese Erfordernisse offen zu kommunizieren. Dann kann ein Verkäufer besser damit umgehen. Denn wenn er das Gefühl hat, dass eigentlich alles unter Dach und Fach ist und dann passiert zwei Wochen lang nichts und man hört auch nichts, dann denkt der Verkäufer natürlich, die hätten jetzt kalte Füße bekommen.

Wie lange kann so ein Genehmigungsprozess dauern?

Zwischen einer Woche und acht Wochen ist alles drin. Diese Genehmigungsverfahren werden aber gerade vereinfacht und es gibt erste Anzeichen dafür, dass das in Zukunft schneller geht.

Und wie lange dauert der gesamte Verkaufsprozess, von der ersten Kontaktaufnahme bis hin zur Vertragsunterzeichnung – wenn es denn dazu kommt?

Normalerweise dauert es zwischen fünf und neun Monaten. Es kann immer wieder auch mal schnell gehen. Und es gibt auch Prozesse, die sich sehr lange hinziehen. Das ist aber keine chinesische Spezialität. Es ist aber schwer vorstellbar, dass man so einen Prozess in weniger als einem Vierteljahr abschließt.

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