Unternehmen Familien-Reedereien: „Es geht ums Überleben“

Containerfrachter im Hamburger Hafen.

Containerfrachter im Hamburger Hafen. © Jan Schuler - Fotolia.com

Kaum eine Branche ist so stark von traditionsreichen Familienunternehmen geprägt wie die Seeschifffahrt. Doch die nicht enden wollende Krise zehrt an der Substanz vieler mittelständischer Reedereien. Zwei Spitzenvertreter der deutschen und europäischen Reeder setzen im impulse-Interview auch auf die Hilfe der Politik.

Thomas Rehder leitet das Hamburger Familienunternehmen Carsten Rehder Schiffsmakler und Reederei mit rund 30 Schiffen und ist Präsident des europäischen Reederverbands ECSA in Brüssel. Ralf Nagel ist Geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des Verbands Deutscher Reeder (VDR) mit Sitz in Hamburg.

Herr Rehder, seit dem Fall von Lehman Brothers 2008 und der folgenden Finanzkrise haben sich fast alle Branchen wieder erholt. Nur die Schifffahrt steckt auch sechs Jahre später noch in der Krise. Was ist da los?

Anzeige

Thomas Rehder: Da ist viel zusammen gekommen. Erst der Zusammenbruch des Welthandels durch die Finanzkrise, dann die dauerhaft niedrigen Fracht- und Charterraten, insbesondere für den Containertransport. In den Jahren des Wirtschaftsbooms bis 2008 haben viele Reedereien auf der ganzen Welt angesichts der damaligen guten Zukunftsprognosen weitere Schiffe bestellt, die erst nach dem Einsetzen der Krise abgeliefert wurden. Heute sind im Verhältnis zur Transportnachfrage zu viele Schiffe auf den Meeren unterwegs. Dieses Überangebot drückt auf die Preise. Was die Kunden freut, ist für unsere Branche ein schwerwiegendes Problem: Nur die wenigsten Reedereien machen Gewinne. Vielfach sind die Reserven aufgebraucht und es geht darum, die bloße Existenz zu erhalten.

Und trotzdem werden auch weiterhin rekordverdächtig viele Schiffe in Auftrag gegeben, vor allem in China, wo die Werften mit Kampfpreisen um Neubau-Aufträge buhlen.

Ralf Nagel: Da schwingt die Hoffnung einiger auf bessere Geschäfte in der Zukunft mit. Die deutschen Reeder sind bei den Neubestellungen relativ zurückhaltend. Wer jetzt Schiffe ordert, modernisiert dadurch seine Flotte. Neue Schiffe verbrauchen weniger Kraftstoff, sind also sparsamer und umweltfreundlicher. Das kann angesichts steigender Energiepreise auch ein Baustein sein, um künftig wieder nachhaltig Gewinne einzufahren. Doch das allein reicht nicht.

Was passiert darüber hinaus?

Ralf Nagel

Ralf Nagel© VDR

Nagel: Die deutsche Seeschifffahrt befindet sich angesichts der unerwartet langen Krise im Umbruch. Besonders kleine und mittelständische Reedereien arbeiten vermehrt zusammen, etwa beim Einkauf oder der Vermarktung, um frisches Kapital zu gewinnen und ihre Effizienz zu steigern. Dabei geht es für etliche ums Überleben.

Was bedeutet das für die maritimen Wirtschaftsstandorte im Norden Deutschlands?

Nagel: Der Beitrag der Schifffahrt zu Wachstum und Wohlstand gerät in Gefahr. Es gilt, rund eine halbe Million Arbeitsplätze zu sichern, die von der mittelständisch geprägten Schifffahrt in Deutschland abhängen.

Thomas Rehder

Thomas Rehder© European Community Shipowners’ Association

Rehder: Da ist auch die Politik gefragt. Wir stehen in der Schifffahrt gerade vor einem technologischen Quantensprung, weil die Brennstoffe weltweit wesentlich sauberer werden sollen. In Nord- und Ostsee gilt schon ab 2015 ein strengerer Schwefelgrenzwert, der grundsätzlich bei jedem Schiff Investitionen in umweltfreundliche Technologie und alternative Brennstoffe in Millionenhöhe verursacht: Viele Schiffe könnten künftig mit Flüssiggas betrieben werden, das umweltfreundlicher und günstiger als schwefelarmer Brennstoff ist. Doch die Umrüstung der Flotten ist aktuell selten wirtschaftlich darstellbar. Da müssen wir über Zuschüsse und finanzielle Anreize sprechen, um diesen Schritt in die Zukunft gehen zu können. Das ist dann eben auch eine Frage des Wirtschaftsstandorts Deutschland – andere Länder Europas sind uns schon voraus.

Viele Sparer, die ihr Geld mit komplizierten Schiffsfonds verloren haben, dürften wenig begeistert sein bei dem Gedanken, dass jetzt auch noch ihre Steuern in Containerschiffe fließen sollen…

Rehder: …das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun. Für viele Anleger waren Schiffsfonds lange Zeit eine lukrative Anlage. Dass sich manche Leute nicht mit den wirtschaftlichen Risiken solcher Investments beschäftigt haben und dass es im Vertrieb mitunter zweifelhafte Methoden gab, können Sie ja den Reedereien nicht vorwerfen. Generell gilt, dass der Ankauf und Betrieb von Schiffen ungeheuer kapitalintensiv ist. Ein großes Containerschiff kostet derzeit um die 90 Millionen Euro, weshalb die meisten mittelständischen Unternehmen auf Kapital von außen angewiesen sind. Zurzeit fallen die traditionellen Schifffahrtsbanken als Darlehensgeber und die deutschen Privatanleger als Eigenkapitalinvestoren völlig aus. Daher gehört die Suche nach neuen Kapitalquellen aktuell zu den Herausforderungen der Branche. Grundsätzlich ist es weiterhin attraktiv in moderne Schiffe zu investieren, denn vom jährlich wachsenden Welthandel profitiert auch die Schifffahrt.

 
Fotocredits: dpa / ECSA

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.