Unternehmen Garn und Fahnen: Wie ehemalige DDR-Betriebe nach der Wende durchstarteten

Ein Mitarbeiter der Firma Alterfil Nähfaden sortiert Garnspulen nach der Färberei und Veredlung in Oederan (Sachsen). Seit 20 Jahren produziert die Firma mit derzeit 45 Mitarbeitern unterschiedlichste Garne und Nähfäden in Sachsen.

Ein Mitarbeiter der Firma Alterfil Nähfaden sortiert Garnspulen nach der Färberei und Veredlung in Oederan (Sachsen). Seit 20 Jahren produziert die Firma mit derzeit 45 Mitarbeitern unterschiedlichste Garne und Nähfäden in Sachsen.

Die ostdeutsche Textilbranche brach nach der Wende fast komplett zusammen. Viele ehemalige DDR-Staatsbetriebe mussten dichtmachen. Manche Werksleiter aber wagten den Neuanfang - und sind mit ihrer Firma heute erfolgreicher denn je.

Mit wehenden Fahnen wollte Jürgen Ruhland nie untergehen. Zu DDR-Zeiten war er als Werkleiter im VEB Bandtex unter anderem für Schnittbänder, Hosenträger und Taschentücher zuständig. Bandtex fertigte auch exklusiv Fahnen und hatte damit reichlich zu tun. Denn im Staat der Arbeiter und Bauern gehörten sie geradezu zum Alltag und nicht nur ins Fußballstadion. „Eine rote Fahne war einfach, die musste nur genäht werden“, erinnert sich der 60-Jährige. Die DDR-Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz als Emblem erforderte dagegen schon ein paar Arbeitsgänge mehr.

30 Jahre später sitzt Ruhland im Präsentationsraum seiner Firma in Kamenz und erinnert sich an die Anfänge nach der Wende. Die ostdeutsche Textilbranche mit rund 220.000 Beschäftigten brach damals wie andere Bereiche komplett zusammen. Aber im Unterschied zu Sparten wie dem Maschinenbau oder der Automobilindustrie gab damals keiner auch nur einen Pfifferling auf die Textilindustrie. Ruhland wagte dennoch den Neuanfang: „Die Risiken der Marktwirtschaft und das Erfordernis von Kapital und Sicherheiten waren uns bekannt.“ Deshalb suchte er einen Partner im Westen und startete mit 14 Leuten durch.

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„Das Geschäft mit Fahnen boomte“, erzählt der Geschäftsmann. Aber schon bald erweiterte er das Sortiment. Heute produziert und vertreibt die Sachsen Fahnen GmbH die gesamte Palette an Werbetextilien von der Bowflag (Werbefahnen) über Aufsteller und Werbebanner bis hin zum Zubehör wie Fahnenmasten. Die Branche muss sich bewegen. Wer stehenbleibt, fällt. Zu groß ist der Druck der Konkurrenz aus Asien. 2012 hat Ruhland deshalb einen Online-Shop aufgemacht. Unter dem Namen Vispronet verkauft er dort „overnight“ rund um die Uhr seine Ware. „Wir werden immer mehr zum Dienstleister“, sagt der Chef.

Belegschaft wächst von 14 auf 250 Mitarbeiter

Die beiden Söhne Ruhlands zeigen, wohin die Reise geht. Einer hat ein Parallelunternehmen in den USA gegründet, der andere baut eine Einkaufsorganisation in China auf. Die Belegschaft ist auf 250 Leute gewachsen, der Umsatz von gut fünf Millionen D-Mark (1994) auf 20 Millionen Euro. Kredite bei der Bank bekommt Ruhland jetzt auch ohne Mitgesellschafter aus dem Westen; dessen Anteile hat Familie Ruhland übernommen. Jetzt hofft die Firma nur noch auf ein gutes Abschneiden der deutschen Kicker in Brasilien. „Je weiter die Mannschaft kommt, desto besser fürs Geschäft“, sagt Marketingchefin Silke Otto.

Die Bandweberei F. A. Schurig aus Großröhrsdorf bei Dresden startete ebenfalls einen eigenen Online-Shop – mit Erfolg. „Da hat nicht nur jeder einen freien Zugang. Wir können auch Kleinstmengen anbieten, Bänder schon ab drei Meter“, berichtet Geschäftsführerin Anja Gebhardt. Es sei allerdings nicht immer einfach, die Mitarbeiter auf etwas Neues einzustellen. Anfangs hätten die Chinesen angeklopft, weil sie über die Firma Schurig ihre Produkte in Europa anbieten wollten. „Wir möchten aber den Leuten hier Lohn und Brot geben“, hebt Geschäftsführer Bernardo Nicolai hervor.

Auch Nähgarne werden weiter im Osten Deutschlands produziert. Im ehemaligen VEB Zwirn- und Nähfadenfabrik Oederan, dem damals größten Nähfadenhersteller des Landes, arbeiteten zu DDR-Zeiten einst etwa 1.100 Mitarbeiter. Nach der Wende wurde ein Teil der Produktion stillgelegt, die Fertigung von Nähfäden und Webzwirnen ging jedoch weiter. 1994 wurde der Betrieb privatisiert und unter dem Namen Alterfil Nähfaden GmbH weitergeführt. Heute produzieren knapp 50 Mitarbeiter in Deutschland eine bunte Palette an Nähgarnen.

Niedergang und Aufschwung der ostdeutschen Textilbranche

Bertram Höfer, Chef des Verbandes der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie, hat den Niedergang und den Aufschwung der Branche im Osten miterlebt. Von dem einst starken Industriezweig sind noch etwa 260 Firmen mit 16.000 Beschäftigten übrig. Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt hier bei 70 Mitarbeitern, der Exportanteil liegt bei 40 Prozent. 2014 will die Branche 1,8 Milliarden Euro umsetzen, nach 1,6 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. „Auch China wird ein Markt werden“, sagt Höfer. Dort gebe es viel Interesse für Bekleidung made in Germany. „Diese Qualität haben Hersteller in Asien bisher nicht.“.

Höfer hält die neue Ausrichtung der Firmen für folgerichtig. Aber nicht nur der Vertrieb ändert sich. Immer größer wird der Umsatzanteil, den die Branche mit technischen Textilien erzielt. Aktuell macht das in Sachsen bereits die Hälfte aus. Bundesweit sogar noch mehr: Nach Angaben des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie ist Deutschland Weltmeister bei technischen Textilen. 2013 wurden damit etwa 16 Milliarden Euro Umsatz erzielt, der Gesamtumsatz lag bei 28 Milliarden Euro.

Ein Plus für den Osten sieht Höfer in den Forschungsaktivitäten der Branche. Auch Maschinenbauer befinden sich hier. „Deutschland hat noch immer eine Vorreiterrolle im Textilmaschinenbau. Weltweit kommt jede dritte Textilmaschine aus Deutschland“, sagt Chokri Cherif, Direktor des Institutes für Textilmaschinen und Textile Hochleistungswerkstofftechnik an der TU Dresden. Es gehe heute darum, auch kleinste Mengen in hoher Qualität zu fertigen. Bei einem neuen Produkt aus dem Institut wünscht er sich Massenabsatz: Die Dresdner wollen künftig mit „Textil-Beton“ die Baubranche revolutionieren.

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