Unternehmen Fliegender Wechsel: Nach den Lokführern streiken wieder die Piloten

Ein A320 der Lufthansa

Ein A320 der Lufthansa© Ingrid Friedl/Lufthansa

Die Herbstferien stehen für Urlauber bislang unter keinem guten Stern. Direkt nach dem bundesweiten Streik-Wochenende bei der Bahn treten schon wieder die Piloten der Lufthansa für zwei Tage in den Ausstand. Die Streiks verstärken die Debatte über eine gesetzliche Tarifeinheit.

Kaum rollen die Züge wieder, bleiben die Lufthansa-Maschinen am Boden: Bahn-Reisende können nach dem chaotischen Streik-Wochenende aufatmen, dafür trifft der nächste Arbeitskampf die Flugpassagiere. Die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) kündigte am Sonntag einen 35-stündigen Pilotenstreik an. Etwa 130.000 Passagiere kommen deshalb nicht mit dem geplanten Flieger ans Ziel.

Der Ausstand bei Europas größter Airline soll von Montag 13.00 Uhr bis Dienstagabend kurz vor Mitternacht dauern. Betroffen seien Kurz- und Mittelstreckenflüge aus Deutschland, teilte Gewerkschaftssprecher Markus Wahl in Frankfurt mit.

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Nach Darstellung der Lufthansa fallen etwa 1400 von 2150 betroffenen Flügen mit insgesamt über 200.000 Passagieren aus. Rund ein Drittel – also gut 700 Flüge – könne der Konzern mit Hilfe von freiwilligen Piloten und anderen Airlines sicherstellen, so dass mehr als 70.000 Passagiere dennoch an ihr Ziel kämen.

Der Konzern warf der VC vor, „eine Stillstands-Nation aus Deutschland zu machen“. Es ist inzwischen der achte Pilotenstreik bei der Lufthansa binnen eines knappen halben Jahres. In sieben Bundesländern ist der Montag der erste Tag der Herbstferien. In zwei weiteren dauern sie an, während zwei andere Länder Ferienschluss haben.

Der achte Pilotenstreik seit April

Mit Sonderflugplänen will die Lufthansa darüber informieren, welche Verbindungen trotzdem möglich sind. Der Sonderflugplan für die ersten 24 Stunden des Streiks sollte noch am Sonntagabend auf der Internetseite www.LH.com veröffentlicht werden. Der Plan für die Zeit danach wurde für Montagmittag gegen 13.00 Uhr angekündigt. Die Airline entschuldigte sich bei den betroffenen Passagieren für die Belastungen, die mit dem erneuten Streik verbunden seien. Bereits am Sonntag seien Hunderte von zusätzlichen Mitarbeitern eingesetzt worden, um die Auswirkungen für die Kunden in Grenzen zu halten.

Bereits am Wochenende hatte ein Streik der Lokführer Reisende und Urlauber auf eine enorme Geduldsprobe gestellt. Rund 70 Prozent der Fernzüge fielen aus, auch im Regionalverkehr fuhren die Züge nur nach einem Ersatzfahrplan. Der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, kündigte aber eine siebentägige Streikpause ab Montag an. „Ich denke, dass wir über die nächste Woche reden und dass wir dort eine Pause einlegen von mindestens sieben Tagen“, sagte er am Samstagabend im „heute journal“ des ZDF.

Langstreckenflüge sind nicht betroffen

Genau in diese Pause sticht nun der Ausstand der Piloten. „Es ist traurig, dass wir nun zum achten Mal streiken müssen“, sagte VC-Sprecher Wahl, der Bedauern über Unannehmlichkeiten für die Passagiere äußerte. Bestreikt würden Maschinen aus der Airbus-A320-Familie sowie der Typen Boeing 737 und Embraer.

Langstreckenflüge sind nach Lufthansa-Angaben nicht betroffen, genauso wie Verbindungen von Konzern-Gesellschaften wie Germanwings, Swiss oder Austrian Airlines.

In dem Tarifkonflikt geht es um die sogenannte Übergangsversorgung. Die Lufthansa will, dass ihre Piloten später als bisher in den bezahlten Vorruhestand gehen – die Gewerkschaft wehrt sich dagegen. Die Lufthansa veröffentlichte am Sonntagabend einen Sonderflugplan für die ersten 24 Stunden des Streiks, am Montag sollte ein zweiter folgen.

Für November geplant: Gesetzentwurf zur Tarifeinheit

Die Fluggesellschaft bezeichnete die Streikankündigung in einer Mitteilung als „vollkommen unverständlich und unverhältnismäßig“ – und forderte politische Folgen: Die anhaltende Streikserie zeige, dass es beim Streikrecht in Deutschland für Unternehmen der kritischen Verkehrsinfrastruktur dringenden und eiligen Handlungsbedarf gebe.

Erst vergangene Woche hatte Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) im RBB-Inforadio gesagt, dass sie ihren geplanten Gesetzentwurf zur Tarifeinheit Anfang November vorlegen wolle. Bei der Tarifeinheit geht es darum, in Großunternehmen mit mehreren Gewerkschaften ein annähernd einheitliches System von Lohn- und Arbeitsbedingungen sicherzustellen, damit kleine schlagkräftige Spartengewerkschaften ihre Partikularinteressen nicht auf Kosten anderer Beschäftigter durchsetzen können. Dies würde dann auch für Lokführer und Piloten relevant.

Bei den Reisenden stoßen die erneuten Streiks auf wenig Verständnis. In den sozialen Netzwerken reagierten Nutzer oft spöttisch. Die GDL hatte ein kurzfristiges Angebot der Bahn am Freitag abgeschmettert und wollte ihre harte Linie bis zum frühen Montagmorgen durchziehen.

Das Tarifangebot an die Lokführer

Nach dem Tarifangebot sollten die Lokführer eine dreistufige Einkommenserhöhung um insgesamt 5 Prozent bei einer Vertragslaufzeit von 30 Monaten bekommen. Bedingung der GDL für Tarifgespräche mit der Bahn ist es aber, neben den Lokführern auch für das übrige Zugpersonal wie Zugbegleiter oder Bordgastronomen zu verhandeln. Für diese Berufsgruppen führt die größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) bisher die Gespräche.

Am Sonntag sorgte ein Zeitungsbericht für zusätzlichen Unmut bei vielen Betroffenen. Demnach könnte die GDL bei ihrer Urabstimmung zum Streik geschummelt haben. Die Gewerkschaft bestritt das vehement.

Die „Bild am Sonntag“ hatte berichtet, es bestünden Zweifel, ob wirklich die erforderliche Mehrheit zustande kam. Eine Bahn-Sprecherin forderte auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa Klarheit: „Schon im ureigenen Interesse und dem ihrer Mitglieder muss die GDL das möglichst schnell und lückenlos aufklären.“

Was Flugpassagiere zum Lufthansa-Streik wissen müssen

Wenn die Lufthansa-Piloten am Montag und Dienstag (20. und 21. Oktober) ihre Arbeit niederlegen, werden wieder etliche Flüge ausfallen. Die Passagiere sind aber nicht ohne Rechte. So muss der Veranstalter oder die Fluggesellschaft gestrandete Kunden gemäß der EU-Fluggastrechteverordnung betreuen. Passagiere haben Anspruch auf Essen und Getränke, meist erhalten sie dafür Gutscheine. Verschiebt sich der Flug auf den nächsten Tag, muss die Airline oder der Veranstalter die Übernachtung in einem Hotel bezahlen.

Außerdem müssen die Verantwortlichen so schnell wie möglich eine Ersatzbeförderung organisieren. Kunden können diese per Telefon oder am Schalter am Flughafen fordern. Ab der fünften Verspätungsstunde hat der Fluggast das Recht, sein Flugticket zurückzugeben und sich die Kosten erstatten zu lassen. Damit ist die Airline jedoch aus allen Pflichten entlassen.

Eine Entschädigung bekommen Kunden nach derzeitiger Rechtssprechung nicht, wenn Flüge durch höhere Gewalt ausfallen oder sich verspäten. Das ist laut dem Bundesgerichtshof bei Streiks der Fall. Eine Ausnahme gilt: Wenn der Passagier nachweisen kann, dass die Fluggesellschaft nicht alles getan hat, um die Streikfolgen abzumildern.

Wer leidet unter den Streiks, wie teuer sind sie, wie geht’s weiter? Fragen und Antworten

Wen treffen die Ausstände?

Nach Angaben der Bahn sind gut sechs Millionen Menschen täglich auf der Schiene unterwegs – wenn nicht gestreikt wird. Bei der Lufthansa trafen die vergangenen sieben Streikwelle mehr als eine halbe Million Passagiere. Wegen des neuen Ausstands müssen Lufthansa zufolge allein auf der Kurz- und Mittelstrecke mehr als 200.000 Fluggäste ihre Reisepläne ändern.

Wer leidet noch unter den Streiks?

Die Streiks schaden aus Sicht der Industrie der gesamten Volkswirtschaft, vor allem dem Logistik-Standort Deutschland. Mit Blick auf den Piloten-Ausstand sagte Dieter Schweer, Mitglied der BDI-Hauptgeschäftsführung: „Der Streik blockiert globale Logistikprozesse, den Tourismus und viele Geschäftsreisen.“ Auch der Präsident des Handelsverbands Deutschland HDE, Josef Sanktjohanser, warnt vor hohen Schäden. „Wenn die Kunden wegbleiben und die Ware nicht ankommt, weil die Bahn nicht fährt, ist das eine absolute Katastrophe für unsere Unternehmen und Beschäftigten“, sagte er der „Bild“-Zeitung. Der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik klagt, wichtige Industriebranchen würden von der Rohstoffversorgung abgeschnitten. Wichtig ist die Bahn unter anderem für die Chemieindustrie. Knapp 14 Prozent der Chemikalien wurden 2013 mit der Bahn transportiert. „Streiks können weitreichende Konsequenzen für Chemieunternehmen haben“, heißt es beim Branchenverband VCI. Für Reisebüros bedeuten Streiks wiederum mehr Arbeit durch Umbuchungen und Stornierungen und damit mehr Kosten, die sie nicht erstattet bekommen.

Wie stehen die Aussichten für eine Annäherung bei der Lufthansa?

Zwischen Lufthansa und der Pilotengewerkschaft VC herrscht Funkstille. Die letzten Gespräche platzten Ende August. Die Lufthansa wirft der Gewerkschaft vor, bislang nicht – wie angekündigt – einen Vorschlag vorgelegt zu haben, wie die Kosten bei der Übergangsrente der Piloten gedeckelt werden können. Die Lufthansa möchte, dass die 5400 Kapitäne und Co-Piloten von Lufthansa, Lufthansa Cargo und Germanwings später als bisher in den vom Unternehmen bezahlten Vorruhestand gehen. Cockpit argumentiert, das letzte Angebot der Lufthansa enthalte nur minimale Änderungen, das Unternehmen „mauere“. Vorstandschef Carsten Spohr will die Lufthansa wegen des immer härteren Wettbewerbs umbauen und verlangt auch von anderen Berufsgruppen wie Flugbegleitern Zugeständnisse. Da dürfte es schwierig werden, die Übergangsrente der Piloten – in der Regel 124.000 Euro im Jahr – unverändert zu lassen.

Gibt es Anzeichen für eine Annäherung bei der Bahn?

Ein neuer Verhandlungstermin wurde noch nicht vereinbart. GDL und Bahn senden aber nach dem Streik-Wochenende Signale, wieder miteinander sprechen zu wollen. Die Wiederaufnahme der Gespräche dürfte nur dann gelingen, wenn beide Seiten erst einmal keine Bedingungen stellen. Die GDL will unbedingt auch für Zugbegleiter, Bistro-Mitarbeiter und einige andere federführend verhandeln, die Bahn lehnt das ab. Ein Kompromiss in dieser heiklen Frage scheint sehr schwierig.

Wie hoch ist der volkswirtschaftliche Schaden der Ausstände?

Für einen kompletten Streiktag bei der Bahn dürfte der volkswirtschaftliche Schaden nach früheren Expertenschätzungen bis zu 50 Millionen Euro täglich betragen. Allein bei der Bahn verursachte Ausstand am Wochenende einen wirtschaftlichen Schaden „in zweistelliger Millionenhöhe“. Die Lufthansa selbst hatte allein für den dreitägigen Vollstreik zum Auftakt im April von einem Verlust bei der Fluggesellschaft in Höhe von rund 60 Millionen Euro berichtet.

Welche Folgen haben die Streiks für die Konjunktur?

Seit einiger Zeit schwächelt die deutsche Wirtschaft. „Die Streiks sind nicht förderlich, aber wir haben größere Sorgen als die Ausstände“, sagt der Chefvolkswirt der Dekabank Ulrich Kater. Für einzelne Firmen könnten die Streikwellen Folgen haben, für die Gesamtkonjunktur sei aber nicht mit größeren Konsequenzen zu rechnen. „Das wäre allerdings anders, wenn ein Streik zwei oder drei Wochen die gesamte Verkehrslogistik lahmlegen würde.“

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