Unternehmen Frankenschock: Schweizer Firmen bangen

Schokoladenhersteller in der Schweiz leiden unter der Aufwertung des Franken. Im Jahr 2013 hatte die Schweiz Schokolade im Wert von 220 Millionen Euro nach Deutschland exportiert.

Schokoladenhersteller in der Schweiz leiden unter der Aufwertung des Franken. Im Jahr 2013 hatte die Schweiz Schokolade im Wert von 220 Millionen Euro nach Deutschland exportiert.© Picture Alliance / Arco Images

Der starke Franken hat für Schweizer eine nette, aber auch eine hässliche Seite: Importwaren und Urlaub im Ausland werden zwar billiger. Doch die Exportindustrie leidet und fürchtet eine lange Durststrecke.

Deutsche Luxusautos sind in der Schweiz beliebt. Und so mancher Eidgenosse überlegt derzeit, ob jetzt nicht die beste Zeit ist, sich ein neues zuzulegen. „Freude am Fahren wird noch attraktiver“, wirbt ein großer Autobauer aus dem nördlichen Nachbarland – und verweist dabei auf seine „Euro Advantage Prämien“.

Ob Autos oder Babywindeln, Möbel, Kosmetik, Waschmittel oder Gemüse – so gut wie alles, was die Schweiz aus umliegenden Ländern der „Schwachwährungszone“ importiert, wird jetzt in Franken billiger. Teilweise bis zu 30 Prozent beträgt der „Eurorabatt“, den Händler einräumen. Jubelstimmung kommt auf, wenn Eidgenossen ihren nächsten Auslandsurlaub buchen. Ob Euro, Dollar, Yen oder Peso – die Außenwelt ist für Schweizer so billig wie nie zuvor.

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Der Geldsegen war überraschend hereingebrochen. Thomas Jordan, der Chef der Schweizerischen Nationalbank (SNB), trat am 15. Januar vor die Presse und erklärte – unerwartet für die meisten Finanzexperten: „Die SNB hat beschlossen, den Mindestkurs von 1,20 Franken pro Euro per sofort aufzuheben und ihn nicht mehr mit Devisenkäufen durchzusetzen.“

Ein halber Liter Bier kostet jetzt 8 Euro

Finanzmärkte reagierten in Sekunden. Die Nachfrage nach dem – vor allem wegen der Unwägbarkeiten der Eurozone – als sicherer Hafen geltenden „Eidgenossendollar“ stieg dadurch sprunghaft an. Kostete ein Franken im Dezember noch 83 Cents, so muss man dafür heute rund einen Euro hinlegen. Und das bei einem ohnehin schon enorm hohen Schweizer Preisniveau. Ein halber Liter Bier im Bahnhofsrestaurant in Zürich kostet nun 8 Euro – statt bisher 6,65. Ähnlich haben sich auch Importwaren aus der Schweiz für Eurozahler verteuert.

Auch für den Devisenmarkt gilt freilich: Des einen Freud, des anderen Leid. Viele Eidgenossen tragen ihren Franken-Kraftprotz zur Begeisterung deutscher Einzelhändler, Gastronomen, Zahnärzte oder auch Friseure fleißig ins benachbarte baden-württembergische Grenzgebiet. In vielen Schweizer Unternehmen bricht indes Zukunftsangst aus.

Weil der größte Teil der Exporte – von Schokolade und Käse über Uhren bis zu Fahrzeugteilen, Maschinen und Ausrüstungen – in den Euroraum geht, befürchten Firmen erhebliche Einnahmeverluste. Das Dilemma: Sie müssen entweder ihre Preise in Euro erhöhen oder daheim die Kosten senken oder auch beides, um nicht in Franken in die Verlustzone abzurutschen. Doch höhere Preise dämpfen die Nachfrage und damit Umsatz und Gewinn.

In der Tourismusindustrie hagelt es Stornierungen

Seit Tagen wird in der Wirtschaft debattiert, wie die Lage in den Griff zu bekommen wäre. Am unmittelbarsten ist die Tourismusindustrie betroffen. Nachdem der Frankenschock die Schweiz noch mehr zur Hochpreisinsel im Euromeer gemacht hat, hagelte es Stornierungen.

„Nicht einmal das Matterhorn zieht mehr“, titelte die Zeitung „Schweiz am Sonntag“. Vor einigen Jahren bekam man für einen Euro noch mehr als 1,65 Franken. Damals galt das Alpenland als gerade noch erschwinglich. Mit der jüngsten Frankenaufwertung seien Ferien in der Schweiz nun aber „doppelt so teuer wie in den Nachbarländern“, klagte Casimir Platzer, Präsident des Branchenverbandes Gastrosuisse in der Zeitung „Schweiz am Sonntag“.

Erörtert wird eine Aussetzung der Mehrwertsteuer für Tourismus und Gastronomie. Vertreter der Exportindustrie brachten Lohnkürzungen und die Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich ins Gespräch. Sonst könne die Schweiz ihre niedrige Arbeitslosenquote von 3,4 Prozent nicht halten. Solche Maßnahmen seien „absolut nötig“, sagte der Chef des Stellenvermittlers Adecco, Patrick De Maeseneire, der „Sonntags-Zeitung“.

Unternehmen können Kurzarbeit beantragen

Gewerkschaften und Unternehmen forderten staatliche Unterstützung für den Fall von Kurzarbeit – auch, um die Abwanderung von Firmen ins Euroland zu verhindern. Dem gab die Regierung rasch statt. Am Dienstag wies sie die Arbeitslosenversicherung an, allen Betroffenen von Kurzarbeit, die durch den Frankenschock begründbar ist, einen Ausgleich zum bisherigen Lohn zu zahlen.

Dass der Euro bald stärker und damit die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz auf ihrem wichtigsten Exportmarkt wieder besser wird, glaubt derzeit niemand. Experten des Industriedachverbands Swissmem gehen vielmehr davon aus, dass betroffene Unternehmen bis zu zwei Jahre brauchen werden, um unter anderem durch Rationalisierungsmaßnahmen die Folgen der Frankenaufwertung zu verdauen.

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