Unternehmen Amazon geht offline

Die erste Bestell- und Rückgabe-Station von Amazon an der Purdue University im US-Bundesstaat Indiana.

Die erste Bestell- und Rückgabe-Station von Amazon an der Purdue University im US-Bundesstaat Indiana.© Amazon

Einst Online-Bücherversand, inzwischen Internet-Kaufhaus und künftig auch mit eigenen Läden vertreten: Amazon wagt den Schritt in die "Offline"-Welt - und könnte bald schon viele Filialen betreiben. Der Schritt zeigt: Der Internet-Gigant gerät inzwischen selbst unter Druck.

Seit Jahren ist Amazon das Schreckgespenst schlechthin für viele Einzelhändler. Zahlreiche Buchhändler in Deutschland gerieten in Existenznot, weil Kunden lieber bequem vom Sofa Bücher bestellt haben, als in ihr Geschäft zu gehen. Und auch großen Unternehmen wie den Elektronikketten Saturn und MediaMarkt setzte Amazon zu, weil der Online-Händler längst nicht nur Bücher, sondern auch Notebooks, Tastaturen und Kameras verkauft.

Inzwischen scheint sich das Blatt jedoch langsam zu wenden. Denn viele Einzelhändler haben massiv aufgerüstet: Media Markt hat einen eigenen Online-Shop gestartet – und auch viele andere kleine und große Ladenbesitzer verkaufen ihre Waren übers Internet. In Geschäften können Kunden über Großbildschirme Produkte bestellen, die es gerade nicht im Laden zu kaufen gibt.

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Und kleine Einzelhändler spielen immer häufiger auch im Netz ihren großen Trumpf im Kampf gegen den übermächtigen Konkurrenten aus: die Nähe zum Kunden. In Wuppertal gründeten 45 Geschäfte eine gemeinsame Online-Plattform mit dem Versprechen: Wer bis 17 Uhr ordert, bekommt das Buch oder die Turnschuhe aus dem Laden innerhalb der Stadtgrenze noch am selben Tag vor die Wohnungstür geliefert.

Damit gerät erstmals seit Jahren Amazon selbst unter Zugzwang: „Viele stationäre Händler haben im Online-Geschäft inzwischen stark aufgeholt“, sagt Joachim Pinhammer, Handelsexperte beim Marktinformationsdienst Planet Retail. „Durch ihr Filialnetz können sie zusätzlich zum Beispiel die Abholung und Rücksendung von bestellten Waren als Services anbieten. Amazon muss jetzt reagieren, um nicht selbst irgendwann ins Hintertreffen zu geraten.“

Geht Amazon den Weg ins Offline-Geschäft?

Einen Schritt hat der US-Konzern diese Woche getan: In den USA eröffnete der Online-Versandhändler eine eigene Filiale auf dem Campus einer Universität im US-Bundesstaat Indiana. Studenten und Mitarbeiter der Hochschule können dort nun an sieben Tagen in der Woche Bücher und andere Waren aus dem Online-Shop bestellen, abholen und zurückgeben. In diesem Jahr sollen weitere Bestell- und Rückgabe-Stationen dazukommen.

Die Uni-Shops sind aber womöglich nur der Anfang auf dem Weg ins große Offline-Geschäft: Amazon erwägt laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg, Filialen der pleitegegangenen US-Elektronikkette RadioShack zu übernehmen. RadioShack hat insgesamt mehr als 4000 Filialen in den USA, bis zu 2400 davon sollen im Zuge des Insolvenzverfahrens an den Hedgefonds Standard General verkauft werden, wie die US-Kette mitteilte.

Der Handelsriese würde mit dem Auftauchen in der realen Shop-Welt einen wichtigen Schritt machen, den das Unternehmen wohl schon länger im Sinn hat. Bereits im vergangenen Herbst betrieb Amazon laut Pinhammer einen sogenannten Pop-up-Store in New York, in dem für kurze Zeit Amazon-Produkte zu haben waren.

„Die Geschäfte könnten Verkaufs- und Service-Stützpunkte werden“

Sollte der Coup mit der Übernahme von RadioShack-Filialen gelingen, könnten die Geschäfte eine Art Drehkreuz für Amazon werden. Kunden könnten dort Lieferungen ähnlich wie bei einer Poststation direkt abholen oder zurückschicken. Vor allem aber könnte Amazon seine eigenen Hardware-Produkte in den Läden anbieten, wie das Kindle-Tablet, das Fire Phone, Ladekabel oder Kopfhörer. „Die Geschäfte könnten Verkaufs- und Service-Stützpunkte werden“, sagt Pinhammer.

Über Pläne, dass Amazon auch hierzulande eigene Geschäfte betreiben könnte, ist derzeit nichts bekannt. „Ich kann mir aber schon vorstellen, dass Amazon irgendwann auch diesen Schritt geht“, sagt Pinhammer. „Das wird aber sicherlich noch einige Zeit dauern.“

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