Unternehmen Crowdfunding für Acker und Weinberg: Wenn das Kapital vom Kunden kommt

Ein Gemüsekorb als Dank für die Crowdfunding-Unterstützer: Landwirte entdecken Finanzierungsmöglichkeiten im Internet.

Ein Gemüsekorb als Dank für die Crowdfunding-Unterstützer: Landwirte entdecken Finanzierungsmöglichkeiten im Internet.© lola1960 /Shutterstock

Geld einsammeln für neue Projekte übers Internet? Bisher war das vor allem etwas für Start-ups und Kreative. Doch auch bei Landwirten wird die Finanzierungsmöglichkeit immer beliebter - aus gutem Grund.

Eine Kiste Wein oder frisches Biogemüse: Wer sich per Schwarmfinanzierung an landwirtschaftlichen Projekten beteiligt, dem winken appetitliche Gegenleistungen. Crowdfunding-Plattformen wie indiegogo.com oder seedmatch.de bringen nicht nur kreative Köpfe aus Film- und Medienindustrie mit potenziellen Geldgebern zusammen, sondern inzwischen auch so bodenständige Berufsgruppen wie Bauern, Winzer und Bierbrauer. Ob neue Maschinen, ein zusätzliches Stück Land oder ein neuer Hühnerstall – der Schwarm liefert das Geld für die Projekte und bekommt zum Teil echte Naturalien als Gegenwert.

Die ganz großen Beträge werden allerdings bisher noch nicht für solche Agrar-Projekte eingespielt. So setzte ein Öko-Betrieb in Schönwalde in Schleswig-Holstein aufs Crowdfunding für die Entwicklung von zwei neuen landwirtschaftlichen Produktionsgeräten. Je nach gestifteter Summe boten die Bauern den Geldgebern beispielsweise Rezeptsammlungen, Gemüsepakete oder Übernachtungen im Heu an – und nahmen mit ihrer Aktion gut 7400 Euro ein, wie Karsten Wenzlaff vom Institut für Kommunikation in sozialen Medien berichtet.

Anzeige

Genussscheine statt Bankkredit

Wie in diesem Fall geben die Finanziers beim Crowdfunding häufig nur einige Euro. Vorteil für die Initiatoren der Kampagnen: Sie müssen ihren Investoren kaum Mitspracherechte einräumen und beim Scheitern ihres Unternehmens nicht für die Ausfälle aufkommen, denn das unternehmerische Risiko tragen die Geldgeber.

Mehr Verbindung schaffen da schon Genussscheine, wie die Winzerin Sybille Kuntz aus Lieser an der Mosel weiß. Schon vor 20 Jahren kam die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin auf die Idee, sich von ihren Kunden über solche Wertpapiere Geld zu leihen für die Erweiterung ihres Weingutes, nachdem sie bei den Banken zuvor mit ihren Plänen abgeblitzt war. „Der Zuspruch damals war überwältigend“, erinnert sich Kuntz, die sich mit ihrem Einfall als Pionierin sieht.

Die „Riesling-Dividende“

Seither hat sie mit dem Geld vor allem neue Anbauflächen gekauft, darunter erhaltenswerte Weinberge in ersten Lagen, wie sie sagt. Die Anleger bekommen am Ende eines jeden Jahres ihre „Riesling-Dividende“ geliefert – und nach Laufzeit-Ende des Genusscheins ihren Einsatz zurück.

Das Internet beflügelt neuer Varianten und Mischformen solcher Formen der Geldbeschaffung: So ließ sich eine Münchner Brauerei von ihren Kunden per Genussschein-Ausgabe im Netz ihren Neubau finanzieren und zahlt die Zinsen in Form von Speis‘ und Trank aus.

Interesse der Kunden an der Produktion wächst

Die Beispiele zeigen, dass beim Crowdfunding auch ideelle und nicht zuletzt Werbe-Zwecke eine Rolle spielen. Wer das Wagnis eingeht und Geld in ein neues Projekt steckt, wird nicht nur Teil der Gründer-Story, sondern vielleicht auch treuer Kunde.

Speziell für die Landwirtschaft gilt zudem: Mit dem Trend zu regional und ökologisch erzeugten Lebensmitteln wachse auch bei den Verbrauchern das Interesse an der Produktion, sagt Wenzlaff. Das Crowdfunding biete ihnen nicht nur die Möglichkeit, direkt in Kontakt zu kommen mit den Bauern, sondern auch die Lebensmittel-Erzeugung mitzugestalten.

Crowdfunding versus Rentenbank

Einen ganz großen Boom der Schwarm-Finanzierung für Bauern erwartet der Deutsche Bauernverband allerdings nicht – und das nicht nur, weil viele der Projekte vom finanziellen Volumen eher überschaubar sind.

Vielmehr hätten die Bauern mit der landwirtschaftlichen Rentenbank einen Partner, der ihnen bei Bedarf verbilligte Kredite zur Verfügung stellt, sagt Verbandssprecher Michael Lohse. Und weil die meisten Betriebe auf eigenem Grund und Boden wirtschaften, fehle es auch nicht an den nötigen Sicherheiten.

Was Sie über Crowdfunding wissen sollten:Die Vorbilder deutscher Crowdfunding-Plattformen finden sich vor allem in den USA wie Indiegogo und Kickstarter.com. Mit kurzen Texten oder Videos stellen die Initiatoren ihre Kampagnen auf solchen Websites vor und bieten auch eine Bezahlmöglichkeit. Ihre Projekte und Geschäftsideen machen sie über soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook bekannt.Eine Vielzahl von Menschen – die Crowd – stellt dann das Geld zur Verfügung. Meist muss nach Ablauf einer gewissen Frist eine vorher festgelegte Mindestsumme zusammenkommen, sonst gilt die Kampagne als gescheitert, und die Unterstützer bekommen ihr Geld zurück.

Glückt die Aktion dagegen, erhalten sie in der Regel keine finanziellen Renditen, sondern werden mit kleinen Gegenleistungen belohnt. Das kann ein Workshop-Angebot oder eine handgeschriebene Postkarte sein. Die Plattformen wiederum erhalten Gebühren für ihre Dienste.

Neben der Finanzierung der Projekte geht es beim Crowdfunding meist auch um emotionale Aspekte und nicht zuletzt um Werbung für das Projekt. Zu den bekanntesten Crowdfunding-Aktionen hierzulande zählt der „Stromberg“-Film: Hier finanzierten die Anleger die Produktion mit.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.