Unternehmen Gerangel um Alstom: Siemens‘ heimliche Genugtuung

Siemens-Chef Joe Kaeser und der Chef von Siemens Frankreich, Chistophe De Maistre (r.) beim Verlassen des Élysée-Palastes nach einem Gespräch mit dem französischen Präsidenten François Hollande.

Siemens-Chef Joe Kaeser und der Chef von Siemens Frankreich, Chistophe De Maistre (r.) beim Verlassen des Élysée-Palastes nach einem Gespräch mit dem französischen Präsidenten François Hollande.© dpa

General Electric hat sich beim Kampf um Alstom durchgesetzt. Siemens räumte seine Niederlage ein. Aber ist es wirklich eine Niederlage? Oder ist es in Wahrheit der Münchener Konzern, der zuletzt lacht?

War das jetzt Enttäuschung, die in den Worten von Siemens-Chef Joe Kaeser mitschwang, als er am Freitagabend seine Niederlage im Milliardenpoker um Alstom eingestand? Oder freute sich hier einer der mächtigsten Konzernlenker Deutschlands darüber, seinem US-Erzrivalen General Electric die Übernahme des französischen Industriekonzerns so schwierig wie möglich gemacht zu haben?

In einem am Sonntag bekanntgewordenen Mitarbeiterbrief bemühte sich Kaeser, die Niederlage beim Milliardenpoker um Alstom als Chance für Siemens umzudeuten. GE und Alstom würden mit der Umsetzung der vereinbarten Kooperation auf Jahre beschäftigt sein – Zeit also für Siemens, sich für den Wettbewerb mit dem neuen Global Player fit zu machen. „So ergibt sich für uns trotz alledem eine riesige Chance“, schrieb er den Siemensianern ins Stammbuch.

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War am Ende alles nur Taktik, um General Electric zu teuren und zeitraubenden Zugeständnissen zu bewegen? Siemens wollte sich zwar Alstoms Gasturbinen einverleiben und damit das Filetstück des französischen Konzerns, doch hätte die spätere Integration schon angesichts des erbitterten Widerstands von Alstom-Chef Patrick Kron vermutlich unter keinem guten Stern gestanden.

Problematisch: Einfluss der französischen Regierung

Als problematisch gilt auch der Einfluss der französischen Regierung, die in wichtige Entscheidungen der großen Industrieunternehmen des Landes immer wieder hineinredet. So verkündete zunächst nicht Alstom das Aus für Siemens, sondern Frankreichs Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg. Erst einen Tag später – am Samstag kurz vor Beginn des Länderspiels Deutschland gegen Ghana – akzeptierte auch der eigentlich zuständige Verwaltungsrat des französischen Konzerns das Angebot der Amerikaner.

Statt Siemens muss sich jetzt General Electric mit den Politikern in Paris herumschlagen – und es kommt knüppeldick. Denn die Amerikaner übernehmen im eigentlichen Sinne vor allem die Gasturbinen-Sparte. Für den Rest gründen sie Gemeinschaftsunternehmen mit Alstom: bei der Technik für Stromnetze, bei Wind- und Wasserkraft sowie bei der Ausrüstung für Atomkraftwerke samt den dazugehörigen Dampfturbinen. General Electric hat der Regierung in der sicherheitspolitisch heiklen Nukleartechnik sogar ein Vetorecht eingeräumt.

Diese Zugeständnisse, die über das Ursprungsangebot hinausgehen, dürften am Ende für den Zuschlag gesorgt haben. Dass sich GE-Chef Jeff Immelt überhaupt auf einen solchen Deal eingelassen hat, hat seinen Grund: Zum einen will er die Abhängigkeit seines Konglomerats von der großen Finanzsparte weiter verringern. Diese ist in guten Zeiten zwar eine Geldmaschine, war in der Krise 2008 aber zu einer unkalkulierbaren Gefahr für den Konzern geworden.

Warum sich General Electric auf einen Deal mit der Regierung einlässt

Zum anderen will Immelt die Stellung in Europa ausbauen, nachdem Siemens vor seiner eigenen Haustüre in den USA kräftig wildert. Dort haben die Münchener mehr als 60 000 Leute stationiert und werben in einer großen Charmeoffensive um neue Aufträge. Demnächst will Siemens von den Vereinigten Staaten aus sogar sein ureigenes Energiegeschäft lenken, weil hier in Übersee zahlreiche Kraftwerks-Erneuerungen anstehen. Das ist eine unverhohlene Kampfansage an General Electric.

Mit Alstom als Verbündetem kann GE in Europa nun zurückschlagen. Die Frage ist allerdings, wie weit die französischen Befindlichkeiten die Schlagkraft begrenzen. „Für GE bleibt die Wirtschaftlichkeit des Geschäfts insgesamt erhalten“, versicherte Immelt zwar seinen Aktionären. Doch die US-Wirtschaftszeitung „Wall Street Journal“ ist überzeugt: „Die Zugeständnisse werden ihren Tribut fordern.“ Zumal sich zu allem Überfluss auch noch der französische Staat zum größten Aktionär von Alstom aufschwingen will und damit zum Geschäftspartner.

Großbaustelle Alstom

Doch auch Siemens hat Baustellen. Der tiefgreifende Konzernumbau, der tausende Arbeitsplätze kosten dürfte, wird in den kommenden Monaten viel Arbeit machen. Immer wieder wurden deshalb Befürchtungen laut, Konzernchef Kaeser könnte sich mit einer zweiten Großbaustelle Alstom verheben. Zumindest diese Gefahr ist nun gebannt. „Nun kann sich Siemens voll und ganz auf die eigene Stärke konzentrieren“, erklärte die IG Metall merklich erleichtert am Wochenende.

Gleichzeitig wächst mit dem Vorstoß von General Electric in die direkte Nachbarschaft aber der Erfolgsdruck für Siemens. GE-Chef Immelt frohlockte bereits: „Wie wir gesagt haben, es ist gut für Frankreich, GE und Alstom.“ Der seit mehr als 100 Jahren andauernde Kampf der beiden Industrie-Titanen geht somit in die nächste Runde.

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