Unternehmen Gewerbegebiete: Das Ende der grünen Wiese ist nah

Täglich werden täglich rund 74 Hektar verbaut - eine Fläche von 104 Fußballfeldern, errechnet der Naturschutzbund Deutschland.

Täglich werden täglich rund 74 Hektar verbaut - eine Fläche von 104 Fußballfeldern, errechnet der Naturschutzbund Deutschland. © Superingo

Die Bevölkerung schrumpft. Und doch entstehen immer noch neue Wohn- und Gewerbegebiete. Deutschland wird weiter zugebaut und zersiedelt. Der Einzelhandel denkt bereits um.

Die Naturschützer im oberbayerischen Landkreis Ebersberg sind sauer. Seit Monaten regt sich erheblicher Widerstand gegen die Pläne für ein neues Gewerbegebiet. Am Rande des idyllischen Taglachinger Tals will die Gemeinde Bruck eine Fläche von gut vier Hektar zur Bebauung ausweisen. „Pro Tag werden allein in Bayern 17 Hektar Fläche betoniert, verbaut, versiegelt für Gewerbe, Straßen und Wohnbebauung“, heißt es in einem Petitionsschreiben der Gegner. Die Gemeinde erhofft sich mit der Gewerbeansiedlung neue Einnahmen und verweist auf hohe Kosten etwa für Kindergarten und Schule.

Täglich wird eine Fläche in der Größe von 104 Fußballfeldern bebaut

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Das Taglachinger Tal ist kein Einzelfall in Deutschland. Viele Bürger wollen keine weiteren Super- , Bau- oder Möbelmärkte auf der grünen Wiese. Dennoch werden bundesweit täglich rund 74 Hektar verbaut. Das entspricht einer Fläche von 104 Fußballfeldern, errechnet der Naturschutzbund Deutschland (NABU). Darin enthalten sind auch Straßen und neue Wohngebiete.

„Auch durch den Bau von Ein- und Zweifamilienhäusern geht viel an Fläche verloren“, kritisiert NABU-Experte Ulrich Kriese. Die Ausweisung von Bau- und Gewerbegebieten sei weiterhin zu attraktiv. Die Gemeinden erhofften sich damit neue Einnahmen über die Gewerbe- und Einkommenssteuer und mehr Attraktivität ihres Standorts. Dass die Bevölkerung immer weiter schrumpft, werde dabei zu wenig bedacht. „Viele Kommunen versuchen sogar mit der verstärkten Ausweisung von Flächen dem drohenden Bevölkerungsschwund entgegenzuwirken“, erläutert Lutke Blecken vom Institut für Raum und Energie.

Allein in Bayern sind nach Angaben des Bauernverbandes seit 1970 mehr als eine halbe Millionen Hektar der Landwirtschaft entzogen worden. „Die Flächenfraßuhr tickt weiter ganz heftig“, sorgt sich Verbandssprecher Markus Peters. Einer aktuellen Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt und Raumforschung (BBSR) zufolge werde der tägliche Flächenverbrauch auch 2030 noch bei 45 Hektar liegen. Bis 2020 wollte die Bundesregierung den Schwund eigentlich auf 30 Hektar begrenzt haben. „So steht es jedenfalls im Koalitionsvertrag.“

„Durch die Bebauung gehen wertvolle Böden für die landwirtschaftliche Produktion dauerhaft verloren“, sagt Roland Goetzke, einer der Autoren der Studie. Dabei stehen nach Schätzungen des BBSR-Instituts innerhalb der Städte und Gemeinden zwischen 120.000  und 165.000 Hektar Brachflächen und Baulücken zur Verfügung.

Stadtplaner entdecken die Innenstädte wieder

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hat das Problem offenbar erkannt: „Die Städte und Gemeinden verfolgen bei der Stadtentwicklung konsequent den Weg zu einer „kompakten“ Stadt. Ziel der Stadtplanung ist insbesondere die Stärkung der Innenstädte und Ortskerne“, betont Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg. Hierzu trage auch eine Einzelhandelsentwicklung in integrierten Innenstadtlagen bei. Bei großflächigen Ansiedlungen wie Möbelhäusern stehe in Innenstadtlagen aber oft die erforderliche Fläche nicht zur Verfügung, räumt Landsberg ein.

Allein die Zahl der Bau- und Heimwerkermärkte hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren von 3572 auf 4279 erhöht. Mittlerweile beträgt ihre Gesamtverkaufsfläche rund 18,6 Millionen Quadratmeter und hat sich damit fast verdoppelt, die des gesamten Einzelhandels belief sich 2013 auf 123,1 Millionen Quadratmeter. Im Jahr 2000 waren es noch 109 Millionen Quadratmeter. Doch in der Branche erfolgt allmählich ein Umdenken. „Das Bauen auf der grünen Wiese findet immer weniger statt. Vielmehr geht es um die Umgestaltung von bestehenden Märkten“, sagt Peter Wüst, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Bau- und Heimwerkermärkte.

Dabei gehe es unter anderem um Sortimentsänderung oder Anpassung der Größe der Märkte. Wo der demografische Wandel spürbar sei, würden Flächen auch verkleinert, unrentable Standorte sogar geschlossen. „Der Handel geht dahin, wo es die Menschen hinzieht und das heißt in die Stadt“, sagt Marco Atzberger vom EHI-Handelsforschungsinstitut in Köln. Die Konzepte würden an die Situation in den Innenstädten angepasst. „Da geht es dann auch in frei werdende Flächen wie aufgegebene Warenhäuser von Karstadt.“

1 Kommentar
  • Dr. Böhm 12. Mai 2015 07:43

    Frage: Was kann man an der trotz sinkender Bevölkerung zunehmenden Versiegelung von Flächen erkennen?
    Antwort: Die Masse der Politiker ist völlig verantwortungslos.
    Begründung am Beispiel: Ich wohne in einer Kleinstadt mit tatsächlich sinkender Bevölkerung. Die Stadtverwaltung versucht händeringend neue Grundstücke für Einfamilienhäuser zu verkaufen, gelegentlich wird ein Gewerbegebiet erschlossen. Erfolg der Maßnahmen: Die Infrastruktur wird teurer, da für Strassen, Wasser-, Abwasser-, Strom-, Gas-,Kommunikationsleitungen etc. erheblich längere Leitungen gebaut und instandgehalten werden müssen; diese erheblich höheren Kosten werden auf weniger Steuerzahler verteilt, die Gebührensätze und die Gewerbesteuer steigen. In der Innenstadt herrscht ein Leerstand von ca. 40%. Was ist der Grund für die Unattraktivität der Stadt:
    Für Familien: 1. Fehlende Parkplätze in der Innenstadt. Welche Familie will in einer Kleinstadt leben, jedoch nicht einmal einen Anwohnerparkplatz vor dem Haus haben? Wer will in einer Kleinstadt mit begrenztem Warenangebot Parkgebühren zahlen? Für Firmen: In Bezug auf „Firmen in der Nachbarschaft“ mangelhafte Infrastruktur, wenig qualifizierte Arbeitskräfte, relativ hohe Gebühren deren Steigerung absehbar ist.

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