Der Kampf um den streng regulierten, rund 39 Milliarden Euro schweren deutschen Apothekenmarkt tobt weiter. Zwar hatte der Europäische Gerichtshof die deutsche Regelung, nach der ausschließlich Pharmazeuten maximal drei Apotheken besitzen dürfen, vor einem halben Jahr bestätigt - und damit angehende Kettenbetreiber wie DocMorris ausgebremst. Doch die Billig- und Versandapotheker hören nicht auf, die Branche auf den Kopf zu stellen.
Versandhandel Hauptpriorität hat wieder der Kampf um Marktanteile im stark wachsenden lukrativen Versandhandel. Derzeit wird durchschnittlich bereits jedes zehnte der besonders margenstarken nichtverschreibungspflichtigen Medikamente (OTC) im Netz gekauft, oft um ein Drittel günstiger als in der Ladenapotheke. Im vergangenen Jahr war der Umsatz laut IMS Health um rund 23 Prozent gestiegen und betrug über 1 Milliarden Euro.
Allerdings ist der Markt noch sehr zersplittert. Jeder Pharmazeut kann einen Versandhandel betreiben; rund 2300 der 21.500 deutschen Apotheken nutzt derzeit diese Möglichkeit. Doch für ein Geschäft in großem Stil braucht es aufwendige IT- und Logistiksysteme - künftig werden wenige große Onlinehändler den Verkauf über das Netz beherrschen.
Den höchsten Marktanteil hat einer Erhebung von Service Barometer zufolge DocMorris mit rund 15 Prozent. Europa Apotheek Venlo rückt allerdings auf. Mit der Übernahme des deutschen Anbieters Shop-Apotheke stieg der Marktanteil von vier auf zehn Prozent.
Pick-up Um den Vor-Ort-Handel trotz Filialverbots zu erobern, betreiben die großen Versandapotheken nun Abholstellen in Drogeriemärkten, Tankstellen oder Blumenläden. Europa Apotheek Venlo betreibt mit der Drogeriekette DM deutschlandweit rund 1000 solcher Pick-ups. Auch Schlecker bietet über die Onlineapotheke Vitalsana Arzneimittel an. Die Drogerien verdienen am Medikamentenverkauf allerdings nicht mit. "Die Kunden bezahlen direkt an Europa Apotheek Venlo, nicht bei uns an der Kasse", sagt DM-Geschäftsführerin Petra Schäfer. Natürlich habe man Verträge mit dem Kooperationspartner. "Aber der Pharma Punkt ist für uns kein Geschäft zur Gewinnmaximierung."
Um diese Liberalisierung durch die Hintertür zu stoppen, sollen die Abholstellen laut Koalitionsvertrag verboten werden. "Ein solches Vorhaben ist verfassungswidrig", glauben Rechtsexperten wie Andreas Bauer von McDermott Will & Emery. Die Versandhändler hätten zwar bereits viel in den Aufbau der Pick-up-Strukturen investiert, "existenzbedrohend" wäre das Verbot nicht, sagt Europa-Apotheek-Mitgründer Klaus Gritschneder.
Franchise Das McDonalds-Modell für Apotheken soll künftig boomen. Easy-Apotheken-Chef Oliver Blume will seine derzeit 50 Apotheken dieses Jahr verdoppeln und DocMorris die Marktführerschaft streitig machen. "Wir haben die Auftragsbücher voll", sagt er. Derzeit setzen die Mitgliedapotheken, die jeweils anderen Eigentümern gehören, insgesamt rund 100 Millionen Euro um. Marktführer DocMorris betreut aktuell 150 Apotheken. Allerdings musste Celesio-Chef Fritz Oesterle sein Ziel vor Kurzem revidieren, bis 2011 rund 500 Apotheken mit dem DocMorris-Logo zu versehen. Der Pharmagroßhändler hatte DocMorris im Jahr 2007 für geschätzte 200 Millionen Euro übernommen.
Eigenmarken Um Rivalen auszustechen, setzen DocMorris & Co. nun auf die Wirkung ihres bekannten Namens. "Aus dem Handel kennt man Eigenmarken schon seit Langem, doch im Apothekenmarkt ist das noch neu", sagt DocMorris Vorstand Olaf Heinrich.
Das Unternehmen vertreibt beispielsweise ein Ibuprofen-Medikament unter eigenem Logo, das in den zugehörigen Apotheken andere Generika verdrängt. Eigenmarken von weniger bekannten Apothekenkooperationen verkaufen sich dagegen kaum. "Das DocMorris-Präparat positioniert sich eben genau dort, wo bei den Generika das Versprechen liegt - im Preis," sagt Experte Weiche. "Mit ,Kauf 30 Tabletten und bezahle 20‘ kann DocMorris einen Kampfpreis anbieten." Auch die Easy-Apotheken wollen dieses Jahr nachziehen: "Mit den klassischen OTC-Blockbustern wie ASS oder Ibuprofen können wir bis zu 20 Prozent des Umsatzes bestreiten", sagt Vorstand Blume.
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