Unternehmen „Indien wird kein zweites China“

Eine Straße in der indischen Hafenstadt Mumbai.

Eine Straße in der indischen Hafenstadt Mumbai.© Laetitia Seybold

Die schwächelnde Supermacht Indien steht vor einem Regierungswechsel. Die deutschen Unternehmen im Land hoffen auf neuen Schwung und Reformen. Der Indien-Chef von Hansgrohe erklärt im Interview, warum die Lage trotz allem besser ist als die Stimmung – und wieso Gold zu seinen Verkaufsschlagern gehört.

Abstieg eines Superstars: Jahrelang wurde Indien in einer Liga mit China gehandelt, wenn es um die Wirtschaftsmächte von morgen ging. Inzwischen ist die größte Demokratie der Welt aber spürbar zurückgefallen. Das Wirtschaftswachstum war zuletzt so schwach wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Wichtige Reformen stocken und der Kampf gegen die Korruption bleibt oft erfolglos.

Die ersten internationalen Investoren haben sich bereits abgewendet. Eine langfristig denkende Gruppe hält aber trotz allem an dem Zukunftsmarkt fest: Der auch auf dem Subkontinent geschätzte ,,German Mittelstand“ setzt weiter auf Indien. Ein Grund: Der Boom der vergangenen Jahre hat eine konsumfreudige Mittel- und Oberschicht entstehen lassen, die langfristig weiter wachsen wird und verstärkt europäische Konsumgütermarken kauft.

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Der Armaturen- und Brausenhersteller Hansgrohe, seit 1998 in Indien, bietet neben seinen Luxusprodukten in rund 600 Geschäften auch stärker standardisierte Einstiegsprodukte in dem Schwellenland an. Rund 90 lokale Mitarbeiter arbeiten vor Ort für das Unternehmen aus dem Schwarzwald. „Indien wird kein zweites China werden“, sagt Indien-Chef Nicholas Matten. „Anfangs waren wir wohl alle zu euphorisch, inzwischen werden Stärken und Schwächen des Markts realistischer gesehen.“ Lesen Sie hier das ganze Interview:

impulse: Herr Matten, 814 Millionen wahlberechtigte Inder sind dabei eine neue Regierung zu bestimmen, noch bis Anfang Mai läuft die Abstimmung. In der Bevölkerung herrscht Wechselstimmung. Wie geht es den deutschen Unternehmen am Ende der zehnjährigen Amtszeit von Premierminister Manmohan Singh?

Nicolas Matten

Nicolas Matten

Nicholas Matten: „Viele Hoffnungen wurden enttäuscht in den letzten Jahren. Die Dynamik des Markts ist eben nicht so stark wie viele zunächst dachten. Letztlich liegt die aktuelle Ernüchterung an den ursprünglichen Erwartungen, die  zu euphorisch waren. Nun herrscht mit Blick auf Indiens Wirtschaft ein neuer, gesunder Realismus, der uns allen eigentlich ganz gut tut.“

Was sind aktuell die größten Probleme des Landes?

Vieles ist hausgemacht. Streit mit internationalen Firmen schreckt Unternehmen ab, die Sicherheit für ihre Investitionen brauchen. Dazu kommen die stockenden Wirtschaftsreformen in vielen Sektoren und teilweise die Unberechenbarkeit von Politik und Bürokratie. Jeden Tag gibt es neue Vorschriften. Dass Regulierungen rückwirkend geändert werden, kommt leider immer noch vor – das ist für Investoren schwierig.“

Wieso schätzen so viele deutsche Unternehmer das Land falsch ein?

Man darf nicht vergessen: Indien ist wie ein ganzer Kontinent. Von Bundesstaat zu Bundesstaat trifft man auf völlig unterschiedliche Arbeitsbedingungen. Die Kaufkraftunterschiede im Land sind enorm, das muss man immer entsprechend berücksichtigen. Mumbai oder Bangalore haben wenig bis gar nichts gemeinsam mit ländlich geprägten Regionen.

…wo die Infrastruktur noch immer als eine der größten Herausforderungen für das Wirtschaftsleben gilt.

Teils stimmt das, ja. Aber ich muss sagen, dass Indien gerade in diesem Feld große Fortschritte gemacht hat in den letzten Jahren. Nicht nur das inländische Flugnetz wurde massiv ausgebaut, es wurden neue Flughäfen gebaut, viele Regionalflughäfen bekamen ganz neue Gebäude, auch die Straßen werden  besser. Unsere Lieferfristen sind daher hier nicht länger als in anderen Schwellenländern.

Wie sieht denn Ihre eigene Strategie für Indien aus?

Unsere Geschäfte laufen gut. Der Nachholbedarf ist riesig, in vielen Städten entstehen reihenweise neue Hotels und Wohnanlagen für die Mittel- und Oberschicht. Wir statten zum Beispiel Bäder der Hotelkette „Taj“ aus und auch im „Leela Kempinski“ sind unsere Produkte zu finden. Dazu arbeiten wir landesweit mit Immobilienentwicklern und Einzelhändlern zusammen, um unsere Produkte zu vertreiben.

Gibt es besondere Verkaufsschlager in Indien, die Sie speziell für den Markt fertigen?

Was hier im Premium-Segment sehr populär ist, sind glitzernde Oberflächen für das Bad aus Gold und Bronze. Die vermögenden Leute mögen es halt opulent. Aber die Basisprodukte sind dieselben wie woanders auch. Wir halten nichts davon, eine schlechtere Qualität oder weniger funktionale Produkte für diesen Markt anzubieten.

Wie sehen Sie die Chancen für andere Mittelständler?

Die Struktur der indischen Wirtschaft ist ebenfalls von Familienunternehmen geprägt. Das ist ein Vorteil, weil diese gegenüber anderen inhabergeführten Firmen offen sind. Daran lässt sich gut anknüpfen. Was man als Neueinsteiger in Indien unbedingt wissen sollte: Wer einmal in den Markt reingeht, muss auch bei Schwierigkeiten langen Atem beweisen. Denn wenn man einen Rückzieher macht und Geschäftspartner enttäuscht, schafft man nie wieder ein Comeback – die Marktteilnehmer hier haben ein Gedächtnis wie die indischen Elefanten.

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