Unternehmen Wie die Insolvenz für Junghans zum Befreiungsschlag wurde

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Weg vom Billigwecker, hin zum hochwertigen Chronometer: Dem Uhrenhersteller Junghans gelang nach der Insolenz die Neuausrichtung.

Weg vom Billigwecker, hin zum hochwertigen Chronometer: Dem Uhrenhersteller Junghans gelang nach der Insolenz die Neuausrichtung.© Uhrenfabrik Junghans GmbH & Co. KG

Vor sieben Jahren stürzte der Uhrenbauer Junghans in die Insolvenz. Heute tickt das Traditionsunternehmen besser als zuvor.

Der 1. September 2008 ist der schlimmste Tag in Matthias Stotz’ Karriere. An diesem Montag muss der Junghans-Geschäftsführer der Belegschaft verkünden, dass der einst größte Uhrenhersteller der Welt nach fast 150 Jahren Firmengeschichte pleite ist.

Am Freitagabend, nach Betriebsschluss, hatte der Mutterkonzern, die EganaGoldpfeil-Holding mit Hauptsitz in Hongkong und Europazentrale in Offenbach, den Insolvenzantrag gestellt. Am Samstag stand die Meldung in der Presse: „Alle wussten es schon aus der Zeitung und nicht von mir, diese Erfahrung wünsche ich wirklich niemandem“, sagt Stotz. Mit den anderen 110 Mitarbeitern am Standort Schramberg bangt er um seinen Job: „Da sitzen Sie dann und fragen sich, ob der Insolvenzverwalter Sie noch braucht“, sagt Stotz.

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Bei Egana wurde Junghans eine Marke von vielen

Der Verwalter hat durchaus Verwendung für den Uhrenprofi: Erst ein Jahr zuvor, im Juli 2007, hatte der gelernte Uhrmacher bei Junghans den Posten des technischen Geschäftsführers übernommen. Seine Mission: die Zeit zurückdrehen und der Marke Junghans zu altem Glanz verhelfen. Die Marke zehrt zwar noch von einem bekannten Namen und von Pionierleistungen wie der ersten Funkarmbanduhr oder dem ersten Multifrequenz-Funkwerk der Welt, steht aber bei vielen Kunden inzwischen für Billigware aus Fernost.

Seit der Gründung im Jahr 1861 entwickelte sich Junghans über hundert Jahre lang prächtig. Aus einer kleinen Uhrenfabrik war ein Markenunternehmen geworden, weltweit bekannt für bahnbrechende Innovationen. Doch eine verfehlte Modellpolitik und die teilweise Verlagerung der Produktion ins Ausland leiteten den Niedergang ein.

Der beschleunigte sich mit dem Verkauf an die mittlerweile abgewickelte EganaGoldpfeil-Holding im Jahr 2000. Unter deren Dach wurde Junghans eine Marke unter vielen, neben Mode von Pierre Cardin und Uhren von Carrera. Professionelle Markenführung für Junghans? Fehlanzeige: Noch zu Egana-Zeiten wird zwar eine Neupositionierung der angestaubten Uhren als Premiummarke versucht, doch „ohne die Kunden wirklich mitzunehmen“, wie Stotz heute einräumt.

Einen Investor finden, der die Firma fortführt

Dann, im August 2008, kommt das Aus. Mit dem Zusammenbruch des europaweiten konzerninternen Liquiditätsausgleichs (Cash Pooling) von EganaGoldpfeil ist auch die deutsche Tochter mit einem Umsatz von rund 13 Millionen Euro pro Jahr plötzlich zahlungsunfähig. Zudem drückt ein hoher Schuldenberg das Ergebnis ins Minus – Pensionsverpflichtungen aus der Zeit, als in Schramberg noch mehrere tausend Leute arbeiteten.

Rückblickend markiert die Insolvenz den Befreiungsschlag für Junghans. „Auf einmal konnten wir unvoreingenommen überlegen, was jetzt mit dieser Marke passieren soll“, sagt Stotz. Das ist auch die erste Frage, die ihm der Frankfurter Insolvenzverwalter Georg Bernsau stellt. Dessen Ziel: einen Investor finden, der nicht nur die Marke kauft, sondern die Firma fortführt.

Stotz hat sogleich einen Plan parat, um Junghans attraktiv zu machen: Intern will er fehlende Strukturen aufbauen, von der Buchhaltung über die EDV bis zur Logistik, damit der Betrieb ohne den Mutterkonzern weiterlaufen kann. Damit das gelingen kann, lässt der Insolvenzverwalter neben Stotz auch den kaufmännischen Geschäftsführer auf seinem Posten. Nach mehr als 20 Jahren im Unternehmen hat der den nötigen Überblick, um Junghans unbeschadet aus dem Egana-Konzern herauszuschälen. Den Vertriebsleuten gibt Stotz eine klare Kommunikationsrichtlinie mit auf den Weg, um den Markennamen nach außen zu schützen.

Die neuen Junghans-Geschäftsführer kamen aus der Nachbarschaft

An Kaufinteressenten herrscht kein Mangel, das mediale Interesse am Schicksal von Junghans ist groß. Zudem geht es der Uhrenbranche damals blendend. In den ersten Wochen nach der Insolvenz führt Stotz täglich bis zu drei potenzielle Käufer durch den Betrieb.

Am 1. Februar 2009, mitten in der Finanzkrise, verkündet der Insolvenzverwalter den Durchbruch: Die Käufer kommen von nebenan. Die Schramberger Unternehmer Hans-Jochem Steim, 72, und sein Sohn Hannes, 36, kaufen Junghans und führen das Unternehmen fort.

Von den ehemals 110 Mitarbeitern behalten 85 ihren Arbeitsplatz. Dass auch Stotz an Bord bleibt, um die Marke neu auszurichten, haben sich die Steims vor dem Kauf ausdrücklich zusichern lassen: „Er tickt eben wie eine Uhr“, sagt der Junior. Die neuen Eigentümer betreten fachliches Neuland: „Das Schöne an der Uhr habe ich erst im Nachhinein empfunden und erkannt“, sagt der passionierte Autosammler Hans-Jochem Steim, der zwei Drittel der Anteile hält.

Der promovierte Diplomingenieur ist damals geschäftsführender Gesellschafter der Kern-Liebers-Gruppe, einem weltweit tätigen Zulieferer für Auto- und Maschinenbauer mit heute mehr als 6500 Mitarbeitern und 575 Millionen Euro Umsatz pro Jahr. Inzwischen ist er Verwaltungsrat des Familienunternehmens. Hannes Steim leitet den Federnhersteller Carl Haas, der auch zur Kern-Liebers-Gruppe gehört.

Die Unternehmer Hans-Joachim Steim (re.) und Sohn Hannes (li.) aus dem Schwarzwald kauften Junghans und machten das Traditionshaus mit Geschäftsführer Matthias Stolz wieder zu Deutschlands größtem Uhrenhersteller. (c) Peter Granser

Die Unternehmer Hans-Joachim Steim (re.) und Sohn Hannes (li.) aus dem Schwarzwald kauften Junghans und machten das Traditionshaus mit Geschäftsführer Matthias Stolz wieder zu Deutschlands größtem Uhrenhersteller. (c) Peter Granser© Peter Granser

Junghans soll wieder für solide Qualität aus Deutschland stehen

Das Vater-Sohn-Gespann erlaubt sich keine kostspieligen Sentimentalitäten: Dank eines Schuldenschnitts, den unter anderem die Beschäftigten durch einen Verzicht auf Pensionszusagen bezahlen, übernehmen die beiden ein schuldenfreies Unternehmen mit einem gut gefüllten Warenlager, einem wertvollen Markennamen und einem detaillierten Plan für die Neuausrichtung. Junghans soll wieder für solide Qualität aus Deutschland stehen. Von den Billigweckern und dem Massenvertrieb hat man sich zwar schon 2006 verabschiedet – nur hat das noch keiner mitbekommen.

Drei Wochen nach dem Verkauf steht Stotz deshalb mit seinem Junghans-Stand auf der internationalen Uhrenmesse Inhorgenta in München. Und zwar in der Premiumhalle, wo er dem Fachpublikum und den Medien die Neuausrichtung vorstellt. Dort engagiert er auch gleich den ersten neuen Mitarbeiter, einen erfahrenen Produktmanager aus der Luxusgüterbranche. Im Sommer 2009 wird eine neue Werbestrategie ausgearbeitet, schon im Weihnachtsgeschäft wirbt Junghans mit dem neuen Slogan „Die Deutsche Uhr“.

Junghans ist wieder der größte deutsche Uhrenhersteller

Um dieser Aussage gerecht zu werden, muss Stotz die Fertigungstiefe steigern. Ab 2009 lässt er alle Uhren wieder in Schramberg montieren. Seit dem Verkauf hat er mehr als 30 neue Mitarbeiter eingestellt und bildet inzwischen auch wieder selbst aus. Um Platz zu schaffen für eine neue Montagelinie und künftiges Wachstum, kaufen die Steims 2012 Teile der historischen Firmengebäude zurück.

Die Markenstrategie ist heute klar: Die Kernmarke Junghans deckt die Einstiegs- und Mittelpreislagen (ab 300 Euro) ab. Die 2006 geschaffene Premiummarke Erhard Junghans, benannt nach dem Firmengründer, wird seit 2009 um hochwertige Modelle (ab rund 2000 Euro) weiterentwickelt. 2011, das Jahr des 150-jährigen Firmenjubiläums, nutzte Junghans, um mit limitierten Modellen der neuen Meisterlinie seine wieder gewonnene Kompetenz bei edlen mechanischen Uhren zu demonstrieren, die sich heute in den Vitrinen von Edeljuwelieren wie Wempe oder Rüschenbeck findet. Mittlerweile trägt die Königsdisziplin Mechanik gut zwei Drittel zum Umsatz bei.

Der lag 2013 bei rund 20 Millionen Euro, bei einem positiven Ergebnis: Von 2009 bis 2013 habe man jedes Jahr schwarze Zahlen geschrieben, sagt Stotz. Und gemessen an den Stückzahlen kann die Schramberger Uhrenfabrik inzwischen wieder mit einem Superlativ aufwarten, der an frühere Erfolge anknüpft: Mit rund 50.000 Uhren pro Jahr ist Junghans heute wieder der größte deutsche Hersteller.

1 Kommentar
  • lola38 26. Juni 2015 06:58

    Schön zu sehen, dass Junghans doch noch die Kurve gekratzt hat, wäre ja schade gewesen um die schönen Uhren! Man kann ihnen also nur alles Beste für die Zukunft wünschen.

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