Unternehmen Klein, regional, mit eigener Note: Wie sich Deutschlands Bierbrauer neu erfinden

Blick in die Produktion einer Brauerei.

Blick in die Produktion einer Brauerei.© industrieblick/Fotolia

Jeder kennt die großen Biere, doch in Deutschland gibt es vor allem kleine und kleinste Brauereien. Viele haben nur ein Vertriebsgebiet von wenigen Kilometern. Sie profitieren aber von einem weltweiten Trend: hin zu individuellen Bier-Spezialitäten.

Dunkel, unfiltriert und mit naturbelassener Hefe gebraut ist das Bier, das die Erlanger Brauerei Weller dem Schriftsteller Jean Paul widmet. Auch wenn der oberfränkische Autor ein Zeitgenosse Goethes war – die Brauerei wurde erst 2013 gegründet, in Gestalt einer Genossenschaft mit starkem Regionalbezug. Gerade deshalb spiegelt sich in dem dunklen Bier vieles wider, was die Branche derzeit in ganz Deutschland charakterisiert.

Die Brauereilandschaft ist von zahlreichen regionalen Betrieben gekennzeichnet und verzeichnet trotz eines seit Jahrzehnten sinkenden Pro-Kopf-Verbrauchs in Deutschland viele Neugründungen. „Die Mehrheit der Branche ist sehr, sehr klein, und die 28 Größten machen von der Menge zwei Drittel des Marktes aus“, berichtet Marc-Oliver Huhnholz vom Deutschen Brauer-Bund. „Doch die Braustättenzahl nimmt weiter zu – gerade in den Ballungszentren haben viele kleine und kleinste Braustätten aufgemacht.“

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1350 Braustätten gab es zuletzt in Deutschland, davon stellten 860 weniger als 3000 Hektoliter im Jahr her. In der Folge gibt es hierzulande mehr als 5000 verschiedene Biere, viele davon sind nur im jeweiligen Gasthaus oder in einem Umkreis von wenigen Kilometern um ihren Braukessel herum erhältlich.

Einfallsreich und experimentierfreudig

Damit zeigt sich gerade auch in Deutschland ein Trend, der auf der am Dienstag eröffnenden Weltleitmesse für die Getränkewirtschaft, der BrauBeviale in Nürnberg, unübersehbar ist. „Gourmet-, Edel-, Craft Beer – wie auch immer man sie nennen möchte, die Szene ist einfallsreich und experimentierfreudig“, schildert Rolf Keller von der NürnbergMesse. Roland Demleitner vom deutschlandweiten Dachverband ergänzt: „In der gesamten Branche fast weltweit ist eine Aufbruchstimmung, alte Biersorten neu zu beleben und neue Sorten in den Markt zu bringen.“

Dennoch machen diese Spezialitäten weltweit noch weniger als ein Prozent der Gesamtmenge aus. Andere Verschiebungen schlagen sich hingegen bereits deutlich in den Zahlen nieder. So wurden in Deutschland in den 70ern und bis Mitte der 80er Jahre noch fast 150 Liter Bier pro Kopf und Jahr getrunken – 2013 waren es nur noch knapp 107. Das liegt nicht nur am demografischen Wandel mit einer älter werdenden Bevölkerung. Alkohol am Arbeitsplatz ist inzwischen tabu, und wer noch fahren muss, gönnt sich auch zum Feierabend oft höchstens ein Alkoholfreies – dessen Absatz steigt entsprechend.

Neben den traditionellen Biernationen Europas gilt auch der Markt in Nordamerika als gesättigt. In Asien und Afrika gab es zuletzt jedoch respektable Zuwachsraten. So wird in China inzwischen mehr Bier gebraut als in Europa. Die Chinesen trinken auch gerne deutsches Bier, das zu gut 15 Prozent exportiert wird. Der größte Teil der Ausfuhren geht jedoch in andere EU-Länder, gefolgt von den USA und Russland.

Individuelle Sorten besonders beliebt

Ausländische Biere konkurrieren in Deutschland mit dem breiten inländischen Angebot und machen deshalb nur rund sieben Prozent des Marktes aus. Sorten mit individueller Note statt Einheitsgeschmack seien bei den hiesigen Verbrauchern nun mal besonders beliebt, erläutert Horst Zocher vom Marktforschungsunternehmen GfK. Er hat beobachtet, dass sich die hohen Rohstoffpreise im vergangenen Jahr auch auf die Verkaufspreise niedergeschlagen haben. „2014 ist es bei den Pilsmarken zum ersten Mal seit 2008 auf breiter Front nach oben gegangen.“

Gerhard Ilgenfritz vom Verband Private Brauereien Bayern versucht zu beruhigen: „Es wird die große Wellenbewegungen von Preiserhöhungen so wie früher nicht mehr geben.“ Inzwischen entschieden die Betriebe individuell, ob und wann sie steigende Kosten an die Kunden weitergäben. Jedoch räumt Ilgenfritz auch ein: „Für Preiserhöhungen braucht man Selbstbewusststein, und das Selbstbewusstsein hat sich in der letzten Zeit verstärkt.“

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