Unternehmen Kleine Läden, großer Protest

Aus Protest gegen die wachsende Konkurrenz im Internet haben Einzelhändler im Hamburger Grindelviertel vergangens Jahr einen Tag lang ihre Schaufenster verdunkelt.

Aus Protest gegen die wachsende Konkurrenz im Internet haben Einzelhändler im Hamburger Grindelviertel vergangens Jahr einen Tag lang ihre Schaufenster verdunkelt. © Maja Hitij/dpa

Der Online-Handel wächst, und die Filialen großer Modekonzerne breiten sich rasant aus. Aus Protest gegen die Konkurrenz starten die Inhaber kleiner Läden vielerorts Kampagnen. Ihre Botschaft: Ohne ihre Geschäfte verlieren Stadtviertel nicht nur ihren Charme, sondern auch Steuereinnahmen.

Die Güte von Jimmy Blums Netzwerk zeigt sich, wenn er vor seinem Laden im Hamburger Grindelviertel sitzt. Junge Mütter, alte Damen und Cabriofahrer auf Parkplatzsuche heben kurz die Hand, um den Ladenbesitzer zu begrüßen. Blum kennt fast jeden, der vorbeikommt. Seit 14 Jahren verkauft der Unternehmer in seinem Laden im Tiefpaterre gebrauchte Blusen, Röcke, Hosen und Kleider.

Blums Kundinnen sind Frauen zwischen 14 und 59 Jahren, seine Preise sind moderat –  die gleiche Zielgruppe also, an die sich auch Zara und H&M richten. Die schwedische Kette beispielsweise betreibt deutschlandweit mehr als 3000 Läden. Blums Laden “Jimmy“ gibt es nur ein Mal, genauso wie die meisten seiner Waren. Second-Hand zu kaufen, sei nachhaltig, erklärt er. “Und schadstofffrei, schließlich sind die Sachen schon gewaschen.“ So hat er zwar eine vor den Filialisten geschützte Nische gefunden, um die Zukunft kleiner Boutiquen wie der seinen sorgt er sich trotzdem.

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Im Laden anprobieren, online bestellen

Im vergangenen Jahr entfielen dem Bundesverband E-Commerce und Versandhandel zufolge 11,2 Prozent der Einzelhandelsumsätze auf den Online Handel, die Experten erwarten ein weiteres Wachstum des Segments und Apps wie Amazons “Firefly“ bedrängen den stationären Einzelhandel. Mit dem Programm können Kunden Waren fotografieren und direkt online bestellen. Kürzlich hat Amazon mit dem Fire Phone das dazu passende Telefon vorgestellt.

Boutiquenbesitzer befürchten, zu Showrooms degradiert zu werden. Blum kennt das Problem aus eigener Erfahrung: Fünf Jahre lang hatte er einen Teil seiner Ladenfläche an eine Schuhverkäuferin untervermietet. Viele Kunden kamen, probierten Schuhe an – und kauften online. “Sie hat darauf geachtet, nichts teurer als bei Zalando zu verkaufen“, sagt Blum. “Fast alle Einzelhändler machen das so, man hat sonst gar keine Chance.“ Trotzdem hat die Schuhverkäuferin kürzlich aufgegeben. Der Versandhändler Zalando hat 2013 seinen Umsatz um 50 Prozent steigern können, auf 1,8 Milliarden Euro. Gewinn erwirtschaftet das Unternehmen jedoch nicht. Onlineshopping finden viele Kunden bequem: Vom Sofa aus bestellen, mit der Kreditkarte bezahlen, vorm heimischen Spiegel anprobieren und per Post zurücksenden, falls etwas nicht gefällt.

Marketing mit Straßenkreide

Wer hingegen bei Blum einkaufen will, muss rausgehen. Der Ladenbesitzer malt auf dem nahegelegenen Universitätscampus Pfeile mit Straßenkreide auf den Boden, um Kundinnen anzulocken. Seit Kurzem mietet er auch eine Schauvitrine im rund einen Kilometer entfernten Fernbahnhof, die er alle zwei Wochen neu dekoriert. Blum investiert viel Zeit in die Pflege seines Netzwerks, sowohl online als auch offline. “Meine Facebook-Seite ist immer aktuell, man muss die Leute massiv ansprechen“, sagt der Boutiquenbesitzer. Für ihn zahlt sich die Mühe aus: 80 Prozent seiner Kundinnen, schätzt er, kommen wieder.

Blum engagiert sich nicht nur für seinen Laden, sondern für das ganze Viertel. Rund 60 Boutiquen-, Bar- sowie Cafebesitzer und Selbstständige aus dem Hamburger Grindelviertel haben sich zum Verein “Grindel“ zusammengetan, um auf sich aufmerksam zu machen. Blum ist ihr Sprecher. Die Unternehmer fühlen sich als wichtiger Bestandteil des Viertels, ihre Schaufenster bringen Abwechslung ins Straßenbild.

Als Nachbarn nehmen sie Pakete an, wenn andere nicht zuhause sind. Als Händler müssen sie jedoch wegen der Päckchen um ihre Existenz bangen, denn wenn die Nachbar online bestellen, verlieren Blum und die anderen Ladenbesitzer im Viertel Umsätze. Seit der Jahrtausendwende haben, dem Bundesverband des deutschen Textileinzelhandels zufolge, jedes Jahr rund 1000 Bekleidungsgeschäfte geschlossen. Aktuell gibt es noch 20.000 Boutiquen und Textilfachhändler in Deutschland.

Protest mit zugehängten Schaufenstern

Blum will seinen Kunden verständlich machen, dass ihre online Bestellungen aus Sicht der Ladenbesitzer eine Bedrohung sind. “Viele denken einfach nicht darüber nach“, sagt er.  Im vergangenen Dezember, mitten im Vorweihnachtsgeschäft, haben die Ladenbesitzer im Grindelviertel darum aufgehört, Päckchen anzunehmen. Eine Woche lang. Zusätzlich haben rund 80 Geschäfte einen Tag lang ihre Scheiben mit Stoffen verhangen oder mit Pappe zugeklebt  Die Botschaft: So sieht das Viertel aus, wenn alle online kaufen. “Ich glaube, jeder deutsche Einzelhändler hat anschließend mindestens ein Teil mehr verkauft“, sagt Blum. Die Aktion hat einige Aufmerksamkeit erregt.

Mit dem Aufkleber "Buy Local" werben Einzelhändler für mehr Bekenntnis zur regionalen Geschäften.

Mit dem Aufkleber „Buy Local“ werben Einzelhändler für mehr Bekenntnis zur regionalen Geschäften.

Auch anderswo schließen sich Ladenbesitzer zusammen. Deutschlandweit gehören rund 400 Händler der Initiative Buy Local an. Ein Eichhörnchen-Aufkleber im Schaufenster soll als Siegel auf gute Beratung und Qualität hinweisen. “Jeder Euro, der in der Region verbleibt, sorgt für den Erhalt von Arbeitsplätzen und erhöht durch die hier entstehenden Steuereinnahmen die Lebens­qualität aller Menschen“, steht auf der Webseite der Händlervereinigung.

Im Gespräch mit Kunden setzt auch Blum auf Aufklärung und Information. Denn die im Dezember erzeugte Aufmerksamkeit lässt nach. Momentan nimmt Blum wieder zwei bis drei Mal in der Woche Sendungen für Nachbarn an. Anfang des Jahres waren es weniger. Vor kurzem nahm Blum ein Zalando-Paket an. Als der Nachbarsjunge vorbeikam, um es abzuholen, sagte Blum: “Sag deiner Mutter einen schönen Gruß, wir haben hier um die Ecke zwei Schuhläden.“ Es seien seine Schuhe, gestand der Junge. “Die Läden verkaufen auch Kinderschuhe“, sagte Blum. Ein paar Tage später erzählte die Mutter Blum, sie habe die Schuhe zurückgeschickt und stattdessen beim Schuhhändler in der Nähe gekauft. Ein kleiner Sieg für Blum und seine Mitstreiter.

 
 

Wie kann man sich als kleiner, lokaler Laden gegen die Konzernkonkurrenz behaupten? Zwei erfolgreiche Hamburger Inhaberinnen von Modegeschäften, Kirsten Albrecht und Sabine Brion, geben auf impulse.de Tipps:

Tipps aus der Praxis: So grenzen Sie sich von grossen Ketten ab

Tipps aus der Praxis: Suchen Sie sich eine Nische

2 Kommentare
  • Wolfgang Philipp 17. Juli 2014 12:57

    Wie sich Jimmy Blum für die Aktion „Support your local dealer“ einsetzt ist für mich bewundernswert. Wie sähe unser schönes Grindelviertel ohne seine bunten Schaufenster aus?

  • Claus Böbel 12. Juli 2014 19:06

    Endlich mal ein Artikel in dem die Händler vor Ort nicht nur jammern sondern machen. In dem Artikel kommt zum Ausdruck dass man sich der Online-Konkurrenz durchaus erwehren kann. Man muss es nur TUN!

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