Unternehmen Krim-Krise: „In den Unternehmen macht man sich natürlich Gedanken“

Zwei russische Soldaten patrouillieren in Simferopol,  der Hauptstadt der Krim

Zwei russische Soldaten patrouillieren in Simferopol, der Hauptstadt der Krim© AFP/Getty Images

Der Unternehmer Stefan Dürr hat sich seit Anfang der 90er Jahre ein riesiges Agrarunternehmen in Russland aufgebaut. Im impulse-Interview spricht er über die Krise zwischen Moskau und dem Westen, die Stimmung in Russland - und mögliche Konsequenzen für deutsche Firmen.

In der Krim-Krise verschärft sich zusehends der Ton. Die USA und die Europäische Union (EU) erlassen Einreiseverbote, Moskau reagiert mit Gegenmaßnahmen. Nun sollen Wirtschaftssanktionen folgen. Nicht nur Politiker blicken besorgt auf die Entwicklung – auch Unternehmer sind beunruhigt.

Im wirtschaftlichen Sektor haben sich Russland und die EU in den vergangenen Jahren immer enger verwoben. Sieben Prozent der europäischen Exporte gehen nach Russland, die EU wiederum ist Russlands größter Handelspartner. Während vor allem von Sibirien aus Öl und Gas Richtung Westen fließen, verkauft beispielsweise Deutschland insbesondere Maschinen, Autos, chemische und landwirtschaftliche Erzeugnisse nach Russland.

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impulse hat mit Stefan Dürr gesprochen. Der Unternehmer ging vor rund 20 Jahren von Deutschland nach Russland und baute dort eines der größten Agrarunternehmen des Landes auf.

 
 

impulse: Die Krim-Bevölkerung hat sich in einem Referendum dazu entschieden, sich von der Ukraine abzuspalten und sich Russland anzuschließen – Wie wird das in der russischen Gesellschaft aufgenommen?

Stefan Dürr: Ich bin seit 20 Jahren in Russland und habe noch nie eine so positive Stimmung durch alle Bevölkerungsgruppen gesehen. Es fühlt sich an, als hätte man die Fußball- und die Eishockeyweltmeisterschaft an einem Tag gewonnen.

Feiern Sie mit?

Nicht wirklich, weil es mir schon etwas weh tut, wenn die Regierungen der beiden Ländern, in denen ich zuhause sein darf, sich so schlecht verstehen – fast, wie für ein Kind, wenn die Eltern sich zanken und von Scheidung sprechen. Zudem ist für uns Unternehmer ein weiterer Unsicherheitsfaktor im Geschäft dazu gekommen. Stabilität wäre mir lieber.

Die Krim hat wirtschaftliche Stärken, beispielsweise Weinanbau oder Tourismus. Ab April soll zudem der Rubel eingeführt werden. Würden Sie anderen Unternehmern raten, jetzt dort zu investieren?

So ein Schritt fordert eine gewisse Spezies von Unternehmern: Man muss es mögen, in Umbruchsituationen reinzugehen. Wenn die Krim für uns als landwirtschaftliches Gebiet interessant wäre oder sonst irgendwie in unser Geschäftsmodell reinpassen würde, hätte ich keine Hemmungen, das zu machen. Unternehmer, die eine große Chance suchen, können dort jetzt sicher Pionier-Gewinne mitnehmen. Ich glaube, die Risiken sind überschaubar.

Während in Russland offensichtlich gefeiert wird, bezeichnen die USA und die EU die Abspaltung als illegal und Verstoß gegen das Völkerrecht. Mittlerweile wurden Sanktionen gegen Personen, aber auch Banken verhängt. Wie wird das in Russland aus ihrer Sicht aufgenommen?

In der Gesellschaft wird es auf jeden Fall eher belächelt. Die Russen haben ja jetzt auch Einreisesperren für US-Bürger verhängt. Das werden die Amerikaner sicher auch belächeln. Das sind eher Sandkastenspiele.

Aber es sollen auch wirtschaftliche Sanktionen folgen.

In den Unternehmen macht man sich natürlich Gedanken. Ich glaube allerdings, dass der Nachteil für deutsche Firmen größer ist als für russische.

Warum?

Weil deutsche Firmen sehr viel nach Russland exportieren. Bei uns in der Branche ist Milch ein gutes Beispiel. Russland hat 60 Prozent Eigenversorgung, der Rest wird eingeführt. Es gibt sehr viele deutsche Molkereien, die ganz wesentlich vom Export nach Russland abhängen.

Sanktionen und Gegenreaktionen werden also Importe von Deutschland nach Russland erschweren?

Schon die Tatsache, dass mit Sanktionen gedroht wird, hat Konsequenzen: In Russland führt die ganze Situation momentan dazu, dass diejenigen, die für Protektionismus sind, Oberwasser gewinnen. Die Stimmung geht dahin, sich von Importen unabhängiger zu machen. Wir als Agrarbetrieb in Russland profitieren davon, so zynisch das klingt.

Ich glaube, dass viele deutsche Unternehmen, die stark auf einen Export nach Russland ausgerichtet sind, Einbußen hinnehmen müssen.

Firmen, die hier in Russland produzieren, werden davon weniger betroffen sein. Ich bekomme aber mit, dass die Konzernzentralen von deutschen Unternehmen schon etwas in Panik sind. Die Niederlassungsleiter hier vor Ort sehen das hingegen viel lockerer. Ich würde es auch eher entspannter sehen.

Ab wann wäre es denn nicht mehr entspannt?

Würde in Deutschland russisches Eigentum eingefroren oder beschlagnahmt, würde das sicher eine Gegenreaktion provozieren. Ich glaube weniger, dass dann Mittelständler betroffen sein werden – sondern eher große Konzerne, die in der Öffentlichkeit stehen. Auch wenn die Deutschen anfangen würden, Russen auszuweisen, bin ich mir ganz sicher, dass die Russen ihrerseits ausweisen würden.

Ich hoffe wirklich, dass es zu so einer Eskalation nicht kommt.

Würden Sie sagen, dass es das Ganze wert war?

Natürlich nicht. Ich hoffe auch, dass der Westen merkt, dass er einen Fehler gemacht hat. Dass man etwas in der Ukraine ändern muss, ist sicher richtig. Aber der Westen hat sich überstürzt auf die Seite der Maidan-Bewegung geschlagen. Man hätte sich viel früher zu einer ausgewogenen Gesprächsrunde zusammensetzen müssen. So hat sich der Westen sehr einseitig auf eine bestimmte Gruppe konzentriert. Die Russen konnten gar nicht anders, als zu widersprechen. Jetzt haben wir einen riesigen Vertrauensschaden in der Wirtschaft und der Politik. Innenpolitisch ist es allerdings das Beste, was Putin passieren konnte.

Es war aus ihrer Sicht die richtige Entscheidung, einfach in die Krim einzumarschieren und eine Abstimmung zu erzwingen?

Auf jeden Fall. Eine andere Wahl hat er nicht gehabt.

Glauben Sie, dass die bereits verhängten Sanktionen erst der Anfang waren – oder wird sich die Situation in naher Zukunft beruhigen?

Ich hoffe doch, dass die Vernunft auf beiden Seiten siegt. Ich gehöre eher zu denen, die sagen, dass der Westen Unrecht hat. Aber ich verstehe es genauso gut, wenn es Leute genau anders sehen. Und ich bin mir sicher, dass hinter verschlossenen Türen viele diplomatische Gespräche laufen, von denen man nichts mitbekommt.

Was raten Sie deutschen Unternehmern, die in den kommenden Wochen auf Geschäftsreise in Russland sind: Sollten sie das Thema Krim im Smalltalk aufgreifen oder eher umschiffen?

Das Thema muss man nicht umschiffen. Man sollte allerdings vermeiden, ohne ausreichendes Hintergrundwissen in eine Diskussion einzusteigen. Generell sollte man auch nicht mit plumpen Argumenten aus den Medien kommen. Ich rate jedem, sich vorab die Mühe zu machen, in einem Geschichtsbuch die Historie der Ukraine nachzulesen. Dann kann man auch ganz anders diskutieren und argumentieren.

 

 

Stefan Dürr, Gründer und Geschäftsführer der Ekosem-Agrar GmbH

Stefan Dürr, Gründer und Geschäftsführer der Ekosem-Agrar GmbH© Ekosem-Agrar

Stefan Dürr ist seit 1993 Geschäftsführender Gesellschafter und CEO der Ekosem-Agrar GmbH aus Walldorf sowie Präsident der russischen Tochtergesellschaft Ekoniva, eines der größten Agrarunternehmens Russlands. Ekosem-Agrar verfügt über eine Gesamtfläche von 199.000 Hektar Land – das entspricht einer Fläche von mehr als zwei Drittel des Saarlands – und ist mit einer jährlich erzeugten Milchmenge von 120 Millionen Litern (2013) der größte Milchproduzent des Landes.

 

 
Linktipps:

Spiegel Online: So eng sind Deutschland und Russland verwoben
carnegieeurope.eu: Haltung einzelner EU-Staaten gegenüber Sanktionen
Newsblog der Sueddeutschen Zeitung zur Krim-Krise

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