Unternehmen Kuba – Nachhilfe im Unternehmertum

Seit 2011 findet man immer häufiger private Betriebe und Selbstständige, die ihre Leistungen anbieten. Nagelstudios, Taxi-Services oder fliegende Händler mit Obst und Gemüse sind nur wenige Beispiele.

Seit 2011 findet man immer häufiger private Betriebe und Selbstständige, die ihre Leistungen anbieten. Nagelstudios, Taxi-Services oder fliegende Händler mit Obst und Gemüse sind nur wenige Beispiele.© Joanna Nottebrock

Seit drei Jahren dürfen Kubaner Firmen gründen. Das Problem: Aufgewachsen im Sozialismus, haben viele keine Vorstellung, was ein Unternehmer eigentlich tut. Eine Münchnerin klärt auf.

Es ist so eine Sache mit dem Hüftschwung. Sabine Müller kann sich noch so anstrengen, wie Adahina Hay bekommt sie den Mambo niemals hin. Adahina, die Salsa-Lehrerin, die alle nur beim Vornamen nennen, zählt laut: „Uno, dos, tres, quatro“ – zur Musik, die aus Mini-Boxen auf ­einem Klappstuhl schallt. Bei dem Wind, der hier oben auf der Dachterrasse weht, sind die Rhythmen fast nicht mehr zu hören. Adahina macht dennoch weiter. Sie tanzt in Turnschuhen und einem blauen Shirt, auf dem „Baila Habana“ steht.

Baila Habana, zu Deutsch Tanz Havanna, ist die Idee von Sabine Müller. Die 43-Jährige hat vor gut einem Jahr die wohl erste Organisation auf Kuba gegründet, die aus privater Hand – nämlich ihrer eigenen – finanziert wird: ein Verbund selbstständiger Tanzlehrer, die Touristen über den Dächern Havannas Salsa beibringen. Früher wurden die Tänzer vom Staat bezahlt, jetzt verdienen sie in einer Doppelstunde mit 18 Dollar fast so viel wie einst im ganzen Monat. Müller hilft ihnen mit Tipps zur Unternehmensführung – in München berät sie Mittelständler und Selbstständige. Der größte Unterschied: Ihre neuen Klienten wissen nicht so recht, was ein Unternehmer eigentlich macht.

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Die Deutsche Sabine Müller will staatlich bezahlte Tanzlehrer zu selbständigen Unternehmern machen

Die Deutsche Sabine Müller will staatlich bezahlte Tanzlehrer zu selbständigen Unternehmern machen. © Joanna Nottebrock© Joanna Nottebrock

Erst seit Ende 2010 dürfen sich Kubaner selbstständig machen und Angestellte beschäftigen. Bislang kontrolliert der Staat mehr als 90 Prozent der Wirtschaft, nahezu alle der rund fünf Millionen Beschäftigten ­arbeiten im öffentlichen Dienst. Doch Kubas Kassen sind leer. Präsident Raùl Castro muss mindestens ­eine halbe Million von ihnen entlassen. Deshalb wagte er die zaghafte Öffnung in Richtung Marktwirtschaft.

180 Chancen für neue Unternehmer

Als Sabine Müller kurz nach der politischen Wende nach Kuba kommt, hat sie eigentlich anderes im Sinn, als Unternehmer zu beraten. Sie will dem Schneematsch entfliehen, der damals in München liegt. Und sie will tanzen. Salsa! Als sie zum ersten Mal einen kubanischen Tanzlehrer im Arm hat, verliebt sie sich sofort. Nicht in ihn, aber in das Land, die Lebensfreude. Sie bucht noch einen Kurs und noch einen. „Aber dann habe ich kapiert, dass die Lehrer oft unter widrigen Umständen arbeiten und nur den staatlichen Mindestlohn verdienen, 20 Dollar im Monat“, erzählt Müller. Auch die anderen Tanzschüler haben ein ungutes Gefühl.

Unzufriedene Lehrer, unzufriedene Kunden – das klingt doch nach einer Geschäftsidee. Aber kann sie auch funktionieren? Castro hat die Selbstständigkeit auf 180 Berufe beschränkt. Gründer dürfen Sandwiches verkaufen oder mit Gemüse handeln. Auf der Liste stehen auch der Beruf des „Feuerzeugauffüllers“ oder der des „mensajero“, der für Kunden mit ihren Lebensmittelmarken stundenlang ansteht, um subventionierte Bohnen oder Öl zu ergattern. Und, was ein Glück: Tanzlehrer.

Müller überlegt, wie sie aus den bisher vom Staat bezahlten Salsa-Profis erfolgreiche ­Unternehmer machen kann und gründet die Organisation Baila Habana, die nach der Art ­eines Franchisesystems funktioniert. Der Deal: Müller coacht die Tänzer und kümmert sich von München aus um die Homepage, über die Touristen Kurse buchen können. Die Kunden zahlen direkt an die Lehrer, die 10 Prozent als Provision an Müller abgeben. Die Unter­nehmensberaterin versteuert das Geld und reinvestiert es etwa ins Marketing für Baila ­Ha­bana. Für Müller ist es ein Zuschuss­geschäft, zumal ihre eigentliche Firma ruht, wenn sie ­etwa dreimal im Jahr auf Kuba ist. Aber sie spürt und genießt, dass sie hier etwas bewegen kann. Langfristig würde Müller gern Kubaner aus allen Branchen dabei begleiten, sich selbstständig zu machen.

Grundkurs Marketing: Wie gewinne ich Kunden?

Wenn sich die Tanzlehrer und Müller in Havanna treffen, stehen oft erst einmal Fragen aus dem Grundkurs Marketing an: Was bedeuten Angebot und Nachfrage? Wie gewinne ich Kunden? Wie mache ich Werbung? Unternehmer auf Kuba müssen kreativ sein. Denn wie soll man sich als Pizzabäcker von der Konkurrenz abheben, wenn es nur eine Sorte Käse gibt? Und wie können Startups ohne sicheren Postverkehr und Kreditwesen arbeiten?

Oft haben nur diejenigen eine Chance zu gründen, denen Verwandte aus dem Ausland Geld und Ware schicken. Ohne Hilfe hätten auch Müllers Tanzlehrer ihre Homepage nie erstellen können. Zwar sind seit Juni die ersten Internetcafés erlaubt, eine Stunde surfen kostet aber viel Geld, umgerechnet 3,50 Euro pro Stunde. Oft stehen ganze Gruppen von ­Jugendlichen mit ihren aus dem Ausland geschickten Smartphones vor großen Touristenhotels: Dann hat ihnen ein Mittelsmann das Passwort verraten.

Die Tanzstunde auf der Dachterrasse geht zu Ende. Rosalba, die Hausherrin, serviert Mango-Shake. Als Vermieterin für Fremdenzimmer nimmt sie ein Vielfaches dessen ein, was sie in ihrem Job als Köchin in einem staatlichen Restaurant verdient. „Rosalba hat verstanden, worum es geht“, sagt Müller. In ihr hat sie eine ­patente Geschäftspartnerin gefunden. Bei Baila Habana können die Tanzschüler ihre Unterkunft bei Rosalba gleich mitbuchen. Für Baila Habana springt dabei eine Provision heraus, das Geld fließt in einen Topf, aus dem etwa die Team-T-Shirts bezahlt werden.

Tanzstunde auf der Dachterrasse von Manolo in der Calle Cuba: Tanzlehrerin Adahina bringt zwei Tanzschülerinnen kubanischen Rhytmus bei. © Joanna Nottebrock

Tanzstunde auf der Dachterrasse von Manolo in der Calle Cuba.: Tanzlehrerin Adahina bringt zwei Tanzschülerinnen kubanischen Rhythmus bei.© Joanna Nottebrock

Die Kontakte zu Ausländern sind für Rosalbas ­Geschäft entscheidend. Denn seit Castro seine Berufeliste veröffentlicht hat, wachsen die sozialen Unterschiede nicht nur zwischen Selbstständigen und Angestellten, sondern auch zwischen Kubanern, die Geschäfte mit Touristen machen, und denen, die ausschließlich ihren Landsleuten dienen.

Wer Ausländer als Kunden gewinnen will, muss guten Service bieten. Sabine Müller schimpft, als sie mal wieder im Wohnzimmer einer Bekannten sitzt und wartet: Für 20 Uhr hat sie ihre Tanztruppe einbestellt. Um 21 Uhr sind 9 von 14 angekommen. Yoanka, die die Gruppe koordiniert, bearbeitet eifrig ihr Smartphone, um Oscar, den Neuen in der Runde, anzurufen. Dabei hat sie seine Nummer gar nicht. „Die Leute hier sind oft überfordert“, sagt Müller. „Alle träumen vom iPhone. Yoanka hat ein Samsung, ihr ist aber nicht klar, was sie damit tun soll.“

Endlich träumen

Eine hitzige Debatte kommt in Gang: „Sollen wir Oscar rauswerfen? Er ist zu unzuverlässig!“ Yoanka und Pascual sind dafür, die anderen dagegen. Aber die Entscheidung soll dann doch die Chefin treffen: „Sabine, entscheide du!“ – „Wenn jemand nicht versteht, um was es geht, ist er nicht mehr dabei. Punkt.“ Müller seufzt. „Sie versuchen immer, Entscheidungen abzuwälzen.“

Aber Baila Habana muss auch funktionieren, wenn Müller nicht vor Ort ist. Deshalb steht heute Gruppenarbeit an: Die Tanzlehrer sollen auflisten, wo sie ihre Stärken und Schwächen sehen. Keine leichte Aufgabe. Die Gruppe grübelt und diskutiert. Am Ende steht doch einiges auf der Liste: Eine Musikanlage müsste her. Die kleinen Boxen seien keine Lösung. Und ein Raum für Besprechungen wäre gut. Aber die Tänzer kennen auch ihre Stärken. „Wir sind besser als die anderen, weil wir individuell auf die Kunden eingehen“, hat einer aufgeschrieben. „Wir sind eine Familie, eine Marke“, sagt Adahina und zeigt auf ihr Baila-Habana-Shirt, von dem sie gern ein zweites hätte – für lange Unterrichtstage.

Sabine Müller (im Schaukestuhl) bei einer Besprechung mit Tanzlehrern. Viele von ihnen fühlen sich noch überfordert

Sabine Müller (im Schaukestuhl) bei einer Besprechung mit Tanzlehrern. Viele von ihnen fühlen sich noch überfordert. © Joanna Nottebrock© Joanna Nottebrock

Fast stolz sieht Sabine Müller jetzt aus. „Endlich. Sie fangen an zu träumen.“ Die Zahl der Kunden steigt, 2012 waren es noch 20. Unternehmerin Müller hofft, dass es bis Ende dieses Jahres 120 sind. Ein fünftägiger Salsa-Kurs kostet 225 Euro.

Baila Habana soll wachsen – quantitativ, aber auch qualitativ: Geplant ist unter anderem, das Projekt mit Musikern auszuweiten. Trommel- und Sprachkurse hat Baila Habana bereits im Programm. Größte Herausforderung ist es, Kubaner zu finden, die in der Lage sind, ein Geschäft zu leiten.

„Adahina, die ist für mich so eine Führungspersönlichkeit“, sagt Müller. Deshalb soll sie auch noch bleiben, als die Sitzung in dem Wohnzimmer zu Ende geht: Müller will sie und Pascual noch filmen: ein Werbevideo für die Website.

Es ist spät, als Adahina endlich Feierabend hat. Sie ist müde, aber zufrieden: „Ich habe das Gefühl, ich werde gerade neu geboren. Ich lerne so viel – von den Kollegen, von Sabine. Mein Leben ist jetzt viel besser.“ Damit meint sie auch das Geld: „Ich glaube, ich leiste mir heute ein Taxi.“

Mehr zum Thema: Interview: „Kuba ist ein absolutes Investitionsland, weil es an allem fehlt“

 

cover-dezember-abbinderAus dem impulse-Magazin 12/2013

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