Unternehmen Landraub im Paradies

Es ist ein Überlebenskampf der Kleinen gegen die Großen: Weil kaufkräftige Investoren die Preise für Ackerland nach oben treiben, bleibt für die echten Bauern kaum Platz. In der Uckermark träumt Familie van der Hulst trotzdem von einer Zukunft auf dem eigenen Hof.

Allmählich sind auch die Hipster wach und bekommen Hunger. In der Markthalle Neun in Kreuzberg schieben sich am späten Samstagnachmittag bärtige Jünglinge mit Jutebeuteln an Berliner Familien vorbei, die hier ihre Wochenendeinkäufe erledigen. Die gläserne Bäckerei, die Fisch- und Fleischräucherei, die hauseigene Brauerei und eine Kantine, bei der man den Köchen bei der Zubereitung über die Schulter schauen kann, „holen die Herstellung von Lebensmitteln aus der Anonymität heraus zurück ins städtische Umfeld“, so der Anspruch der Betreiber, die den gehetzten Großstädtern gesundes Essen schmackhaft machen wollen.

Marjolein van der Hulst steht an ihrem kleinen Stand mit Obst und Rhabarber-Ingwer-Säften und schaut zum ersten Mal an diesem Tag auf die Uhr. Um sechs Uhr ist die Mutter von sechs Kindern heute losgefahren. Zwei Töchter hat sie im Schlepptau sowie kistenweise Rhabarber, den sie nun für 3,50 Euro pro Kilo verkauft. Dazu kleine Marmeladengläser (3,50 Euro), Säfte (2,00 Euro) und Eierlikör (5,95 Euro). Alles von ihrem eigenen Bauernhof, alles selbst hergestellt. „Morgens sind schon die ganzen Stammkunden gekommen, jetzt um diese Zeit sind es mehr die Touristen“, berichtet van der Hulst, während sich die kleinere Tochter an sie klammert. Trotz der guten Umsätze hört sich die Bäuerin alles andere als glücklich an. Da beginnt sie zu erzählen.

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Ackerflächen: zu teuer zum Anbau

Nein, ein Absatzproblem haben sie ganz und gar nicht. Die Leute in Berlin lieben ihre Bio-Produkte und schätzen, dass sie deren Herkunft kennen. Das Dilemma für ihre achtköpfige Familie ist ein ganz anderes: Sie könnte viel mehr verkaufen, als sie aktuell in der Lage ist zu produzieren. Der Bauernhof Weggun, den Marjolein mit ihrem Mann Frank bewirtschaftet, ist eigentlich zu klein, um sich langfristig zu tragen. Aber mehr Land zu erwerben ist beinahe unmöglich, seitdem die Flächen um sie herum immer teurer werden. Teilweise kostet ein Hektar heute dreimal so viel wie noch vor wenigen Jahren. Dort Lebensmittel an­zubauen würde sich bei solchen Preisen kaum lohnen.

Zwei Tage später, am Montagmorgen. Rein ins Auto, raus aus Berlin. Weit nach Nordosten geht es, in die brandenburgische Uckermark. Rund 130 Kilometer sind es von der Markthalle Neun bis zum Bauernhof der Familie van der Hulst, nur der kürzere Teil der Strecke führt über die Autobahn. Bald dominiert Kopfsteinpflaster das Straßenbild, die Fahrt zieht sich.

Von der Wall Street nach Weggun

Hier in den Weiten Ostdeutschlands ist seit einigen Jahren ein Phänomen zu beobachten, das man bis dato eher aus afrikanischen Entwicklungsländern kannte: Finanzstarke Großinvestoren kaufen mit hohem Kapitalaufwand riesige Flächen auf, treiben damit die Preise für Boden in astronomische Höhen – und lassen Kleinbauern, Familienbetriebe und Existenzgründer als Verlierer zurück.

Die Folgen kann man an vielen Orten in Deutschland besichtigen, aber hier in Brandenburg ist es besonders extrem: Entlang der Landstraße dominieren Brennstoffe wie Mais und Raps das Bild, die in Biogasanlagen zersetzt werden. Deren Anbau ist viel lukrativer als der von Rhabarber oder Beeren, die nicht vergoren, sondern gegessen werden. Auch durch die erneuerbaren Ener­gien steigen die Preise für landwirtschaftliche Grundstücke rasant: Im besonders betroffenen Norden und Nordosten Deutschlands haben sie sich seit 2006 verdoppelt.

Landgrabbing nennen Fachleute diese Entwicklung auch in Deutschland: Landraub. Zwar wird anders als in Afrika niemand von seinem Grund und Boden vertrieben, doch das Ergebnis ist oft das gleiche: Große Player verhindern kleine bäuerliche Landwirtschaft. „Der Druck auf die Familienbetriebe in ganz Deutschland wird immer größer, da die Pacht- und Bodenpreise nahezu explodieren“, warnte der Landwirt und Grünen-Politiker Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf bereits 2012. „Junge Bauern kommen immer schwerer an Land, um sich eine Existenz aufzubauen.“ Seit seinem alarmierenden Appell hat sich die Lage noch einmal dramatisch verschärft.

 
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