Manager-Karrieren Kein Gründergeist: die Lebensläufe der Dax-Chefs

Einer von zwei: Adidas-Chef Herbert Hainer ist neben Bill McDermott der einzige Dax-Chef, der schon einmal ein Unternehmen gegründet hat.

Einer von zwei: Adidas-Chef Herbert Hainer ist neben Bill McDermott der einzige Dax-Chef, der schon einmal ein Unternehmen gegründet hat. © picture alliance / AP Images

Nur zwei der 31 Dax-Chefs haben im Laufe ihrer Karriere schon einmal ein Unternehmen gegründet. Warum Experten glauben, dass auch Konzerne mehr Chefs mit unternehmerischer Erfahrung brauchen.

Noch-Adidas-Chef Herbert Hainer hat nach dem Studium zunächst eine Bar eröffnet, bevor er sich der Manager-Karriere verschrieben hat. Und der Amerikaner Bill McDermott, heute CEO von SAP, hat schon mit 17 Jahren ein Delikatessengeschäft gegründet. Ein größeres Unternehmen hat jedoch keiner der heutigen Dax-Chefs selbst aufgebaut.

„Wer heute CEO eines gelisteten Großunternehmens ist, der hat seine Karriere in der Linie und im Anschluss im angestellten Management verbracht“, sagt Hubertus Graf Douglas, Geschäftsführer der Personalberatung Korn Ferry in Deutschland. „Die aktuelle Chef-Generation ist einer Zeit entsprungen, in der Gründergeist weniger gefragt war, als das Erbe der Gründergeneration davor zu mehren oder zu erhalten. Jeder bekam sofort einen Job, da stellt sich die unternehmerische Frage häufig gar nicht. Das sieht heute für die jungen High Potentials ganz anders aus, da viele Unternehmen mit Konsolidierung und Einsparungen beschäftigt sind. Viele junge Menschen sehen ihre Karriereperspektiven in den etablierten Konzernen nicht mehr.“

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Hohe Unternehmerdichte im IT-Umfeld

Und so verwundert es wenig, dass vor allem im Umfeld der neuen Technologien Gründer und Unternehmer in Chefpositionen zu finden sind. Dazu zählen unter anderem Ikonen wie Elon Musk (Tesla), Mark Zuckerberg (Facebook), Larry Page (Alphabet), Jeff Bezos (Amazon) oder Reed Hastings (Netflix), die heute ihre eigens gegründeten Unternehmen auch operativ als CEO führen. Aber auch einer breiten deutschen Öffentlichkeit weniger bekannte Unternehmer wie Robert Kotick (Activision Blizzard), Howard Schultz (Starbucks), Carl Bass (Autodesk) oder John Mackey und Walter Robb (beide Whole Foods Market) gehören dazu. Insgesamt werden 29 der 100 Firmen an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq von Unternehmern geführt.

„Technologie erfordert Innovation. Und Innovation erfordert Unternehmertum, da sie stets mit großem Risiko einhergeht“, sagt Alexander Wink, Leiter der Digital-Sparte von Korn Ferry in EMEA. „Darum ist es wenig verwunderlich, dass die Unternehmerdichte hier sehr hoch ist.“ Auffällig ist: 19 der 29 Persönlichkeiten sind unmittelbar im Software-, Internet- und IT-Umfeld zu verorten. „Die Eintrittsbarrieren in diesen Markt sind noch vergleichsweise gering, weil für die Umsetzung einer originären Idee zunächst nur wenig Kapital notwendig ist“, sagt Wink. „Sie brauchen vor allem helle Köpfe, keine Maschinenparks oder teure Prototypen. Firmen wie Amazon, Facebook und Google zeigen, dass Erfolgsgeschichten noch immer im Wohnzimmer starten können.“

Vom Unternehmer zum Angestellten – in den USA durchaus üblich

Besonders auffällig sind Karrieren, in denen heutige CEOs bereits als Angestellte, dann als Unternehmer, heute wieder als angestellte Manager arbeiten. So hat Shantanu Narayen, heute CEO von Adobe Systems, nach diversen Manager-Funktionen zunächst ein eigenes Unternehmen (Pictra Inc.) gegründet, bevor er zu Adobe gewechselt ist. Auch Jay Flatley hat seine Manager-Karriere unterbrochen, um das Unternehmen Molecular Dynamics zu gründen – bis es ihn in den Chefsessel des Biotech-Unternehmens Illumina gezogen hat.

Hubertus Graf Douglas sagt: „Solche Karrieren, die einen Wechsel zwischen Angestellt-Sein und dem Agieren als Unternehmer kombinieren, gibt es in Deutschland so gut wie gar nicht.“ Er prognostiziere jedoch, dass das in zwanzig Jahren ganz anders aussehen werde: „Wir werden einen signifikanten Anteil an ehemaligen Gründern in Vorständen großer Konzerne finden.“ Deren Vorteil laut Graf Douglas: Sie sind lernfähig und haben am eigenen Leib erfahren hat, was es heißt, Risiken einzugehen und mit ihnen umzugehen. „René Obermann, als Studienabbrecher, ehemaliger Unternehmer und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom war eine frühe Ausnahmeerscheinung dieses Manager-Typus.“

Unternehmer „würden vielen Konzernen gut tun“

„Chefs mit unternehmerischer Erfahrung würden auch heute schon vielen Konzern gut tun“, sagt Alexander Wink. „Nicht umsonst schauen viele Unternehmen auf die Digitalwirtschaft in Berlin und gründen dort eigene Einheiten, die überwiegend von Persönlichkeiten geführt werden, die keine Konzernkarriere gemacht haben. Gerade in einer Zeit, in der viele Firmen sich den ‚Unternehmer im Unternehmen‘ wünschen, ist es geboten, sich von den ‚geraden‘ Lebensläufen der Vergangenheit abzuwenden. Und auf diejenigen zu schauen, die das größte Potenzial haben. Um die Probleme von morgen zu lösen.“

Hubertus Graf Douglas sagt: „Gleichwohl heißt dies nicht, dass ehemalige Unternehmer automatisch erfolgreicher sind als die heutigen CEOs. Sie mögen keine eigenen Firmen gegründet haben, dennoch gilt es ab einer gewissen Hierarchiestufe, unternehmerische Entscheidungen zu treffen – in treuhänderischer Funktion gegenüber Aufsichtsrat und Aktionären.“

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