Unternehmen Bahngewerkschaften: Machtprobe in vergiftetem Klima

Die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) bei einer Streikaktion im Herbst.

Die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) bei einer Streikaktion im Herbst. © dpa/picture-alliance

Tausende Reisende warteten am Montag wegen des Lokführerstreiks vergeblich auf ihren Zug. Im Tarifkonflikt geht es aber längst nicht nur um Gehaltsforderungen, sondern um etwas anderes: den Kampf um die Vormacht der Bahn-Gewerkschaften im Unternehmen.

Sie schritten schon bisher nicht Seit‘ an Seit‘, Alexander Kirchner und Claus Weselsky. Die beiden sind Vorsitzende zweier Gewerkschaften, die sich als Tarifparteien bei der Deutschen Bahn immer wieder ins Gehege kommen. Jetzt steht noch etwas Gravierendes zwischen ihnen: Weselsky, der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, verglich die Vorgängerorganisationen der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Transnet und GDBA, in einer Rede mit zwei Kranken, die ein Kind zeugen – „da kommt von Beginn an was Behindertes raus“.

Das hat Behindertenvertreter, den Konzernbetriebsrat („Grenze überschritten“), aber eben auch EVG-Chef Kirchner besonders erzürnt. Dieser ist nach eigenen Worten selbst Vater eines behinderten Sohnes, der inzwischen gestorben sei. Dass Weselsky sich nur „für die Wortwahl“ entschuldigt habe, reiche nicht aus. Kirchner forderte „eine ehrliche Entschuldigung gegenüber allen behinderten Menschen“, die vom GDL-Vorsitzenden herabgewürdigt worden seien.

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Solange Weselsky dies nicht getan hat, will sich Kirchner nicht mehr mit ihm an einen Tisch setzen, um über Spielregeln zwischen den Gewerkschaften bei Tarifverhandlungen zu sprechen.

EVG will einheitlichen Tarifvertrag

Für die EVG passt die Verfehlung in das Bild, das sie von Weselsky zeichnet: Ein Mann, der nicht auf Solidarität setzt, sondern die Belegschaft der Bahn zum Vorteil seiner Klientel spaltet. Da liegt Kirchners Gewerkschaft auf einer Linie mit dem Unternehmen Bahn, das sich ebenso eine Tarifeinheit wünscht: In einem Betrieb soll nur ein Tarifvertrag gelten.

Weselsky sieht das ganz anders: Er möchte ausdrücklich Tarifpluralität, er plädiert für Wettbewerb zwischen den Gewerkschaften. Wenn dabei unterschiedliche Tarifverträge für ein und dieselbe Berufsgruppe herauskommen sollte, sei das kein Drama.

Anders als die Bahn das behaupte, könnten Dienstpläne durchaus auf eine solche Situation abgestimmt werden. „Das ist kein Problem im Computerzeitalter“, sagt Weselsky dazu. Längst berücksichtige die Bahn etwa für Angestellte und Beamte unterschiedliche Arbeitszeiten. Und bei einigen Privatbahnen seien schon heute Tarifverträge von GDL und EVG parallel wirksam.

Hier spricht auch die EVG von einem „Popanz, den die Bahn aufbaut“. Natürlich machten unterschiedliche Tarifverträge etwa für die Gruppe der 20.000 Lokführer dem Unternehmen das Leben schwer – „unmöglich ist es aber nicht“, sagt EVG-Sprecher Uwe Reitz. Die Bahn weist Weselskys Aussagen zurück. „Dass die Bahn heute bereits unterschiedliche Arbeitszeiten für Arbeitnehmer und Beamte berücksichtige, ist falsch, wie der GDL bekannt ist“, betont eine Bahnsprecherin. Es gebe keine „Beamtendienstpläne“.

Welche Gewerkschaft vertritt wie viele Bahnmitarbeiter?

Der bundesweite Warnstreik der GDL vom Montag wird von Bahnvorstand Ulrich Weber als „Ablenkungsmanöver“, von der EVG als „Flucht nach vorn“ gewertet. Die GDL will die Bahn mit dem Ausstand dazu zwingen, nicht für die Lokführer, sondern auch für das übrige Zugpersonal ein Tarifangebot vorzulegen. Das betrifft insgesamt 17.000 Beschäftigte, vor allem Zugbegleiter und Lokrangierführer. Es ist eine Kampfansage an die EVG.

Dabei wird sich auch klären müssen, welche Gewerkschaft wie viele Bahnmitarbeiter vertritt. Die Angaben von EVG und GDL widersprechen sich teilweise oder sind nicht direkt vergleichbar. Die GDL rechnet vor, gut 51 Prozent des Zugpersonals insgesamt zu vertreten. Nach Angaben der EVG sind 65 Prozent der Zugbegleiter bei ihr Mitglied und sogar 75 Prozent der Lokrangierführer.

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