Unternehmen Machtwechsel in Indien: Hindu-Nationalisten vor historischem Sieg

Eine Straße in der indischen Hafenstadt Mumbai.

Eine Straße in der indischen Hafenstadt Mumbai.© Laetitia Seybold

Die weltgrößte Demokratie Indien steht vor einem historischen Machtwechsel. Die Hindu-Nationalisten werden nach vorläufigen Teilergebnissen wohl klarer Sieger. Die bisher regierende Kongresspartei bekam eine schallende Ohrfeige von den Wählern.

Indien bekommt eine neue Regierung: Bei der Parlamentswahl fuhren die Hindu-Nationalisten nach vorläufigen Teilergebnissen einen Sieg ein. Die bisherige Oppositionspartei BJP und ihr unternehmerfreundlicher Spitzenkandidat Narendra Modi könnten 279 der 543 Parlamentssitze und damit eine absolute Mehrheit im indischen Unterhaus erreichen. Dies hatte sei 30 Jahren keine Partei mehr geschafft.

Die bisher regierende Kongresspartei des Gandhi-Clans, die die Geschicke der Atommacht seit der Unabhängigkeit 1947 die meiste Zeit lenkte, sah einer noch nie dagewesenen Niederlage entgegen. Die von der mächtigen Nehru-Gandhi-Familie gelenkte Partei wird nach Angaben der Wahlkommission nur etwa 46 Wahlkreise für sich entscheiden.

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Insgesamt hatten in den vergangenen Wochen mehr als eine halbe Milliarde Inder abgestimmt, 815 Millionen waren wahlberechtigt. Damit handelte es sich um die größte Wahl der Menschheitsgeschichte. Die Wahlbeteiligung lag mit 66 Prozent so hoch wie nie zuvor in Indien.

Schallende Ohrfeige für die Kongresspartei

Das Votum ist eine schallende Ohrfeige für die Kongresspartei und macht den Wunsch vieler Inder nach besseren Wirtschafts- und Lebensverhältnissen deutlich. Die Menschen in dem 1,2 Milliarden Einwohner zählenden Land leiden derzeit unter rasant steigenden Lebensmittelpreisen, ausufernder Korruption und hoher Arbeitslosigkeit. Modi, der als Regierungschef im Bundesstaat Gujarat große Unternehmen ansiedelt, präsentierte sich im Wahlkampf als Anpacker, der das Land reformieren kann, Straßen und Stromleitungen baut und finanzstarke Investoren ins Land holt.

„Das ist ein historisches Ergebnis. Es zeigt, dass die Stimmung im Land sich gegen Korruption wendet und gegen eine dynastische Politik“, sagte BJP-Gründer und Parteichef L.K. Advani. Damit meinte er Kongresspartei-Chefin Sonia Gandhi und Sohn Rahul Gandhi, der den nun taumelnden Kongress im Wahlkampf anführte. Beide übernahmen die Verantwortung für die Niederlage, ohne zunächst direkte Konsequenzen anzukündigen. „Es gibt viel, über das wir nachdenken müssen“, sagte Rahul Gandhi. „Das ist ein klares Mandat gegen unsere Partei“, fügte seine Mutter hinzu.

Indiens Noch-Premierminister Manmohan Singh gratulierte Modi bereits vor Ende der Stimmauszählung telefonisch zum Wahlsieg. Modi, der in den nächsten Tagen zum Premierminister aufsteigen dürfte, meldete sich zunächst nur auf Twitter zu Wort. „Indien hat gewonnen! Eine gute Zeit ist angebrochen“, schrieb er. Laut den Teilergebnissen gewann Modi sowohl den Wahlkreis Vadodara in seinem Heimatstaat Gujarat als auch den Wahlkreis in der heiligen Tempelstadt Varanasi.

8251 Kandidaten waren zur Wahl angetreten

Vor der BJP-Parteizentrale in Neu Delhi trommelten, sangen und tanzten die Menschen den ganzen Tag lang ununterbrochen. „Modi, Modi“, riefen sie. Zirkusdarsteller liefen auf Stelzen umher, während andere Parteifreunde Feuerwerke zündeten. Köche hatten 2,5 Tonnen Laddus vorbereitet, kugelige Süßspeisen, die traditionell bei Feiern gegessen werden. Die Menschen steckten sie sich gegenseitig in den Mund – ein Ritual in Indien, um sich zu gratulieren.

Zahlreiche Christen und Muslime fürchten mit dem Sieg der Hindu-Nationalisten eine stärkere Ausgrenzung religiöser Minderheiten. „Die hindunationalistischen Strömungen bedrohen seit vielen Jahren die Religionsfreiheit im Lande und haben in der Vergangenheit immer wieder zu gewalttätigen oder gar pogromartigen Übergriffen auf Muslime und Christen geführt“, sagte Bettina Leibfritz, Indien-Referentin des Internationalen Katholischen Missionswerks missio. Die Vielfalt und der Pluralismus des Landes seien in Gefahr.

Die Wahlkommission erwartete, die 1,8 Millionen elektronischen Wahlmaschinen an einem Tag komplett auszulesen. „Man muss nur einen Knopf drücken, um das Ergebnis jeder Maschine zu erhalten und dann werden die Ergebnisse zusammengetragen“, sagte Rajesh Malhotra von der Wahlkommission. Wann die Endergebnisse vorliegen, war zunächst unklar. Insgesamt hatte sich die Abstimmung über fünf Wochen hingezogen, damit Wahlhelfer die gigantische Wahl organisieren und Sicherheitskräfte die Wahllokale bewachen konnten. Angetreten waren 8251 Kandidaten, darunter 668 Frauen und 5 Transsexuelle.

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