Fessler Mühle Das Geschäft erweitern und wachsen – dieser Müller hat es geschafft

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Drei Generationen Müller: Geschäftsführer Wolfgang Fessler (rechts) mit Vater Gerhard (links) und Sohn Tobias (Mitte).

Drei Generationen Müller: Geschäftsführer Wolfgang Fessler (rechts) mit Vater Gerhard (links) und Sohn Tobias (Mitte).© Fessler Mühle

Als Kleinunternehmer einen komplett neuen Markt erschließen? Dass das möglich ist, beweist Wolfgang Fessler: In der Fessler Mühle wird Geld nicht nur mit Mehl verdient, sondern auch mit Firmenevents und einem Fitnessstudio.

Mitte der 70er-Jahre mahlen sie in der Fessler Mühle 500 Tonnen Getreide pro Jahr und fahren die Mehlsäcke per LKW an die Bauern aus, die das Mehl verkaufen. Als Wolfgang Fessler beginnt, die Geschicke des familieneigenen Betriebs in Sersheim bei Stuttgart zu steuern, arbeitet hier nur die Familie – Fessler, seine Frau und seine Eltern.

Daneben gibt es 12 Kühe, 20 Schweine und 15 Hektar Getreideacker. Eine Idylle – ohne Zukunft. „Die industriellen Mühlen kamen auf, viele handwerkliche gingen ein. Und mir war klar: Ändern wir nichts, sind auch wir bald am Ende“, erinnert sich der heute 60-Jährige. Er überzeugt den Vater, die Landwirtschaft aufzugeben. Schafft den Liefervertrieb ab, kauft das Getreide und vertreibt das Mehl selbst – in Ein-Kilo-Gebinden im neueröffneten Hofladen. „Doch ich merkte schnell, dass das nicht reichen würde, um zu wachsen“, so Fessler.

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Aus einem Landwirtschaftsgebäude wurde ein Fitnessstudio

Also setzt er sich wieder mit seiner Frau zusammen, einer ehemaligen Leistungsturnerin, um nach der Zukunft zu suchen. Das Paar beschließt, die Produkt- und Angebotspalette zu erweitern – und auf Naturkost und Gesundheitsprävention zu setzen. Fessler nimmt Kredite bei der Hausbank auf: Mit dem Geld kauft er Maschinen, um Müsli zu mischen – und baut eines der früheren Landwirtschaftsgebäude zum Sportinstitut mit Fitnessstudio um. Denn: Dass Krafttraining bald nicht nur Bodybuilder, sondern auch den gemeinen Sersheimer begeistern wird, davon ist der Unternehmer mit Trainerschein und Sportlehrer-Diplom überzeugt. Schließlich hat es ihn selbst von Rückenproblemen befreit, die ihm das Getreidesack-Schleppen beschert hatte.

Expansion außerhalb des Kerngeschäfts: So lautet Fesslers unternehmerische Überlebensstrategie – bis heute. Über die Jahre macht er aus der Mühle ein Unternehmen mit völlig unterschiedlichen Geschäftsbereichen. Und hat Erfolg: Anfang der 80er stellt Fessler den ersten Azubi ein, mittlerweile hat er 20 Mitarbeiter. Den Umsatz steigert er pro Jahr um 5 bis 20 Prozent – und hat die Fesslermühle als Treffpunkt erhalten: Zu Hof-Festen kommen mitunter 6000 Besucher aus der Umgebung.

„Manchmal werde ich dann ausgebremst“

Man schaut auf diese Kurzchronik – und stellt sich Fragen. Wie funktioniert das genau: sich als Kleinunternehmer einen komplett neuen Markt zu erschließen – wo doch Lehrbücher raten, besser bei Top-Qualität in einem Geschäftszweig zu bleiben? Und: Wie schafft Fessler das alles? „Natürlich will ich manchmal alles an die Wand schlagen, wenn ich gerade eine neue Idee umsetze – und die Arbeit wirklich jede Minute in Anspruch nimmt“, antwortet Fessler. „Aber dann schlafe ich eine Nacht – und am nächsten Tag macht es wieder Spaß.“

Auch, weil Fessler die Unterstützung der Familie hat. Jede neue Idee bespricht er zunächst auch mit den beiden erwachsenen Kindern, die inzwischen mitarbeiten. „Manchmal werde ich dann ausgebremst“, sagt Fessler. So scheitert sein Vorschlag, Zweigstellen des Hofladens zu eröffnen. Zu personalintensiv, befinden die Kinder. Gut kommt dagegen die Idee an, Teambuilding-Events für Firmen auszurichten, Anfang der 2000er ist das.

Das „Müllerdiplom“ als Teambuilding-Event

Am Anfang steht, wie immer, die Marktanalyse: Mit seinem Team besucht Fessler Veranstaltungen von der Whiskeyprobe über den Kletterkurs bis hin zur Floßfahrt – um zu sehen, was die Konkurrenz macht. Parallel dazu liest er sich ein. Um dann, wenn er meint, 90 Prozent von dem zu wissen, was man wissen könnte, konkreter zu werden. „Nichts ist schlimmer, als eine Idee kaputt zu testen. Gerade heute, wo sich alles so schnell ändert. Da nutze ich lieber den Vorteil, den ich als kleiner Unternehmer habe: Ich kann schnell an die Umsetzung gehen“, so Fessler.

Beim Geschäftszweig Firmenevents bedeutet das zunächst, in der wöchentlichen Planung genaue Zeiten festzulegen, in denen er die Teambuilding-Ideen konzipiert. Wie das „Müllerdiplom“: Dafür, so Fesslers Idee, sollen die Teams einen halben Tag lang Säcke tragen, Mehl mahlen, Brot backen. Außerdem bestellt er Tische, Stühle und Flipcharts, um einen Raum zum Konferenzsaal auszubauen – damit die Firmen den Rest der Zeit für interne Besprechungen nutzen können.

Ein Rücklauf von fünf Prozent? „Absolut ausreichend“

Dann macht sich Fessler an die Zielgruppenanalyse – und lässt sich von Gemeinden im 25-Kilometer-Umkreis eine Übersicht ansässiger Firmen mit mindestens 20 Mitarbeitern schicken. 100 von diesen wählt er aus und sendet ihnen Flyer – mit Infos zur Mühle und zum Eventangebot. „Wie immer bei solchen Mailings gab es nur einen Rücklauf von etwa fünf Prozent. Drei Veranstaltungen kamen so zustande – nicht viel, aber als Startschuss absolut ausreichend“, so Fessler.

Wie immer in der Fessler Mühle ist auch bei den ersten Firmenevents jedes Familienmitglied und jeder Angestellte eingebunden. Wer sonst etwa an der Theke im Fitnessstudio arbeitet, hilft mit, die angereisten Teams zu unterhalten. Fesslers Frau sorgt als ausgebildete Diät-Köchin für gesundes Essen, Tochter und Sohn organisieren, finden Lösungen, wenn irgendetwas hakt – wie Wolfgang Fessler auch. „Solche Erweiterungen klappen nur, wenn man die Last auf alle Schultern verteilt.“

Gibt es Synergieeffekte?

Um sich anschließend mit seinem Teambuilding-Angebot im Markt zu etablieren, lässt Fessler überall dort Flyer auslegen, wo Unternehmer seiner Ansicht nach hinkommen – in Apotheken und Autohäusern etwa. Und schaltet Anzeigen in Spezialpublikationen wie dem örtlichen IHK-Blatt und der Zeitung des Alpenvereins. „Zusammen mit den Weiterempfehlungen, die wir bekommen haben, hat das diesen Geschäftsbereich ans Laufen gebracht“, so Fessler. Ein Erfolg, der auch auf andere Bereiche ausstrahlt: „Ich hatte von Anfang an den Plan, über die Firmenevents auch neue Kunden für den Hofladen zu gewinnen – und das hat funktioniert“, so Fessler. Auf solche Synergieeffekte prüft er jede neue Idee – gibt es keine, lässt er sie fahren.

Die Firmenevents rechnen sich nach knapp zwei Jahren, andere Geschäftsbereiche brauchen länger. Das Fitnessstudio etwa zehn Jahre: Als Fessler zum ersten Mal mit seinen Nordic-Walking-Kursen durchs Mettertal läuft, hört er Sätze wie: „Jetzt spinnt er total“. Heute zählt das Studio tausend Mitglieder, gehören Menschen in Trainingsanzug so selbstverständlich zum Bild der Fesslermühle wie Fachwerk, Bach und Wiese.

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