Unternehmen Moderner Mittelstand in der ehemals dreckigsten Stadt Europas

Blick über eine Rohrleitungstrasse in Bitterfeld-Wolfen

Blick über eine Rohrleitungstrasse in Bitterfeld-Wolfen© dpa

Bis 1990 begehrter Wirtschaftsstandort, danach Synonym für verpestete Luft und verwaiste Landschaften. In Bitterfeld hat sich die Chemiebranche erholt und lockt mit guten Jobs in mittelständischen Unternehmen. Nur will kaum jemand hin.

Segelboote liegen im Hafen, spanische Musik erklingt auf der Terrasse eines schicken Restaurants, Bikini-Schönheiten sonnen sich am Strand. Was eher wie Sylt klingt, ist dort, wo vor 25 Jahren niemand hin und viele nur noch weg wollten: Bitterfeld. Viele denken beim Namen Bitterfeld immer noch Industrielandschaften und Chemieparks.

Und dabei hat die ehemals dreckigste Stadt Europas heute anstelle eines gigantischen Braunkohletagebaus den Goitzsche-See. Statt des berüchtigten maroden Chemiekombinats Bitterfeld prägen moderne Mittelständler im heutigen Chemiepark das Bild.

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Der Strukturwandel nach 1990 hat tausende Arbeitsplätze gekostet. Bitterfeld galt als Vorreiter für die Chemieparks in Deutschland. Inzwischen sucht die Branche im Osten händeringend nach Mitarbeitern.

Nach der Wende zogen ganze Generationen weg aus Bitterfeld

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) ist heute überzeugt: „Die Chemieindustrie in Ostdeutschland ist produktiver als die Chemie in Westdeutschland. Sie ist nach der Wende neu entstanden und moderner.“

Dennoch haben Regionen wie Bitterfeld mit Vorurteilen und Problemen zu kämpfen, auch wenn die Luft spürbar und Städte sichtbar sauber geworden sind.

Und: Fachkräfte werden zunehmend rar, viele Chemiearbeiter gehen in absehbarer Zeit in Rente. Junge Leute fehlen. Aus Bitterfeld-Wolfen zog es nach dem Mauerfall Generationen wegen der Arbeit und Ausbildung gen Westen, oft für immer.

Arbeit gibt es genug – nur kaum Bewerber

„Der demografische Wandel ist eine zentrale Herausforderung für unseren Arbeitsmarkt“, bringt Kay Senius, Chef der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen der Bundesagentur für Arbeit, die Probleme auf den Punkt.

Hatte Sachsen-Anhalt im September 2003 noch 101.316 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte unter 25 Jahren, waren es zehn Jahre später nur noch 66.540 (September 2013). „Hier gibt es Arbeit genug, aber man kann nicht jeden Arbeitslosen zum Chemiefacharbeiter umschulen“, sagt Patrice Heine, Geschäftsführer der Chemiepark Bitterfeld-Wolfen GmbH.

Der Landkreis Anhalt-Bitterfeld hat eine Arbeitslosenquote von 10,6 Prozent, Sachsen-Anhalt 10,3 Prozent. „Schon in drei, vier Jahren werden wir ganz intensiv nach Leuten suchen“, sagt Heine, der zuvor im Ruhrgebiet den Wandel einer Industrieregion erlebt hat.

Arbeitgeber müssen mehr bieten

Die Gewerkschaft IG BCE appelliert indes an Arbeitgeber, „ihre Hausaufgaben“ und damit langfristige Personalplanungen zu machen. „Die Zeiten, wo Unternehmen wäschekörbeweise Bewerbungen bekamen und sich daraus die Olympioniken rausfischen konnten, die sind vorbei. Da muss man heute schon tiefer im Wäschekorb wühlen“, sagt Erhard Koppitz. Der Gewerkschafter hat den radikalen Strukturwandel der Ost-Chemie begleitet.

„Wir brauchen attraktive Arbeitsbedingungen, gute Arbeit, die auch gut bezahlt wird und wo Auszubildende nicht nur befristet übernommen werden. Sonst gehen sie dorthin, wo das nicht so ist“, sagt Koppitz.

Sachsen-Anhalt ist zudem laut Bevölkerungsprognose wie kaum ein anderes Land in Deutschland vom demografischen Wandel betroffen. Die Nachfrage nach einer Ausbildung in der Chemie sei nicht gerade üppig.

Speckgürtel mit Erholungsmöglichkeiten

Seit Beginn des Ausbildungsjahres 2014 meldeten sich laut Arbeitsagentur 259 Bewerber für eine Lehrstelle in der Chemie im Landkreis Anhalt-Bitterfeld, 4,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Arbeitgeber der Branche boten 192 Lehrstellen an, 4,9 Prozent mehr als 2013.

Die Infrastrukturgesellschaft des Chemieparks Bitterfeld-Wolfen gehört zur Gelsenwasser AG und tritt als einer der größten Arbeitgeber in der Ost-Chemie auf. Die Vorteile von Bitterfeld-Wolfen sieht der studierte Umweltingenieur Heine als „Speckgürtel“ auch mit Erholungsmöglichkeiten für Metropolregionen wie Leipzig/Halle und Berlin.

Per Zug, Autobahn und Flughäfen käme man schnell hin – Pendler allerdings auch schnell wieder weg. Sie zum Bleiben zu bewegen, dürfte auch ein hartes Stück Arbeit sein.

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