• Neues Leben

    20 Jahre nach der Grenzöffnung entsteht im Osten ein neues Unternehmertum – innovativ, flexibel und krisenerprobt. Mit alten Traditionen und modernsten Technologien.

    Er ist extra nach Dresden gefahren, zu Robotron, dem größten Computerhersteller der DDR. In der Tasche: der Businessplan, sein Businessplan. Knut Löschke, 37, will raus aus dem Kombinat Wälzlager und Normteile, eine Softwarefirma gründen. Alles ist durchkalkuliert, bis ins Detail. Jetzt braucht er nur noch ein Gutachten. Von Robotron. Von Doktor Lodahl.

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    Und dieser Mann, der jetzt vor ihm sitzt, hinter dem gewaltigen Schreibtisch mit dem grauen Tastentelefon, müsste nur Ja sagen – und sein Projekt unterstützen. Jetzt, im Sommer 1988. Erich Honecker hängt eingerahmt an der Wand, im rechten Winkel zum leergefegten Schreibtisch steht ein kleiner Tisch mit Stühlen aus Stahlrohr, überzogen mit rotem Kunstleder. Löschke rückt ganz nah an Lodahl heran, malt die Zukunft aus. Vergeblich: “Herr Löschke, warum sollte ich mir Konkurrenz schaffen?”

    Löschke steht auf, geht zur Tür – da kommt der Direktor hinter seinem Schreibtisch hervor, eilt zu ihm: “Die Idee ist ja nicht schlecht. Vielleicht sehen wir uns in einem anderen Leben wieder.”

    Das andere Leben.

    Es beginnt ein Jahr später.

    Am 9. November 1989, als Günter Schabowski vor laufender Kamera die Mauer schleift. “Sofort, unverzüglich” sei eine Ausreise möglich, stammelt er ins Mikrofon. Löschke sitzt vor dem Fernseher. Was für ein Kabarett! Das hätte seine Frau sehen sollen! Doch die ist – gerade jetzt – nicht da. Die da oben haben sie für ein paar Tage rausgelassen, nach Frankfurt am Main, zum 65. Geburtstag ihrer Mutter. Er ist als Faustpfand in Leipzig zurückgeblieben, mit Sohn und Tochter, sieben und acht Jahre alt. Als er am nächsten Morgen aufwacht, versteht er, was passiert ist. “Innerhalb einer Nacht hat sich alles verändert”, sagt Löschke 20 Jahre danach. “Wirklich alles.”

    Das Kombinat fällt auseinander. An dem Tag, als Helmut Kohl in Bonn für einen Beitritt der DDR zur BRD plädiert, am 1. März 1990, trägt Löschke seine Firma PC-Ware ins Handelsregister ein, verpfändet – was seine Frau erst später erfährt – sein Haus an die Deutsche Bank und startet durch. Heute gehört der IT-Dienstleister, der Software lizenziert, zu den größten Unternehmen Ostdeutschlands, mit 1800 Mitarbeitern in 25 Ländern. Umsatz: fast 890 Millionen Euro.

    In die Freiheit entlassen

    Es sind jene Monate nach dem Mauerfall, in denen die Menschen neu anfangen, Firmen gründen, an alte Traditionen anknüpfen und enteignete Familienbetriebe wiederbeleben. Mit einem Mal herrscht nicht nur Reise- und Redefreiheit. Auch die Wirtschaft wird in die Freiheit entlassen. 20 Jahre später hat sich in Ostdeutschland ein neuer Mittelstand etabliert, wird in Technologien investiert, feiern alte Marken ein Comeback.

    Es knubbelt sich
    Um die traditionellen Technologiezentren Ostdeutschlands haben sich neue Netzwerke etabliert. Hochschulen, Forschungseinrichtungen, ehemalige volkseigene Betriebe und neu angesiedelte Konzerne drängen im Verbund mit Startups in Zukunftsmärkte.
    Perfekte Linsen
    Platzprobleme haben sie nicht bei Carl Zeiss in Jena. Für 5000 Mitarbeiter war das große Produktionsgebäude einst ausgerichtet, ganze 1700 arbeiten hier jetzt noch, von den Optikmeistern, die an den alten Schleiftischen die Linsen so präzise polieren, wie es kein Roboter kann, bis zu den Technikern, die Lasermikroskope nach Kundenwunsch bauen. Trotz des personellen Aderlasses weht hier kein kalter Wind durch leere Flure. Aus überflüssigen Produktionshallen sind Büros geworden, in denen sich Tochterfirmen, Startups und Forschungseinrichtungen angesiedelt haben. Auch zu den Füßen der Zentrale beherbergt der Zeiss-Campus innovative Gäste: Eine neue Fachhochschule hat der Freistaat Thüringen hier eingerichtet, ein aufgehübschter DDR-Zweckbau beherbergt das Studentenwohnheim.
    Hightech in Jena
    Das bunte Gewirr aus Konzern, Forschung und Kleinunternehmen ist beispielhaft für die neue alte Optik-Hochburg Jena, heute Herzstück eines Hochtechnologieclusters für photonische Technologien, zu dem Namen wie Zeiss, Jenoptik und Schott gehören. Dazu kommen kleine Unternehmen wie Analytik Jena, von denen viele aus Forschungen an der Universität entstanden. Einige ihrer Institute unterhält sie auf dem Beutenberg-Campus, einem Hügel, auf dem sich viele Existenzgründer und eine Gruppe von Forschungseinrichtungen angesiedelt haben, darunter das Institut für Photonische Technologien (IPHT), Fraunhofer- und Max-Planck-Institute.
    Strom aus Sonnenenergie
    Von der Raumfahrt über Materialwissenschaft bis hin zu Medizintechnik reicht das Spektrum der Anwendungen, für die hier Technologien entwickelt werden – und natürlich Solarstrom. Der Branchenkrise und Billigkonkurrenz zum Trotz. In Mitteldeutschland hofft man auf die Entwicklung neuer Hochleistungszellen für verschiedene Anwendungsbereiche. Der Fotovoltaikboom hat viele Städte in den neuen Bundesländern zu Solarzentren gemacht, neue Anwendungsbereiche für ihre traditionellen Stärken erschlossen: Freiberg, Bitterfeld und die Mikroelektronikstädte Dresden und Erfurt sind Wachstumskerne von Europas größtem Solarcluster, weltläufig “Solar Valley Mitteldeutschland”. Die Mischung aus traditionellem Können und staatlicher Förderung hat hier zur Ansiedelung von Firmen wie Q-Cells geführt, die heute zwar schlingern, aber dazu beigetragen haben, dass ein Netz von Zulieferern, Startups und Forschungseinrichtungen entstanden ist.
    Chipboom an der Elbe
    Dresden sucht als Wissenschaftsstadt ihresgleichen, vor allem in den Materialwissenschaften. Der Schlüsseldisziplin auch für die Halbleiterindustrie. Die großen Forschungsverbünde Max Planck, Fraunhofer und Helmholtz führen renommierte DDR-Institute fort und haben neue gegründet. Hinzu kommt die Technische Universität, die mit einer eigenen Aktiengesellschaft ihre Ideen vermarktet. Die Krise der Solarbranche weckt in der Region unschöne Erinnerungen an die Malaise der Halbleiterindustrie, derentwegen sich Sachsen zum “Silicon Saxony” ausgerufen hatte. Der Chipboom an der Elbe begann, als sich AMD und Qimonda ansiedelten – quasi auf den Trümmern des VEB Robotron. Der Konzern war nach der Wende in die Knie gegangen und hatte ein Heer von Fachleuten hinterlassen. Heute sucht die Branche nach neuen Feldern: Ein Grüppchen von Forschungseinrichtungen und Firmen wie dem Oled-Hersteller Novaled haben sich zum “Organic Electronics Saxony” zusammengeschlossen, einem Cluster für Plastikschaltkreise. Andere Unternehmen setzen mit dem Projekt “Cool Silicon” auf die Entwicklung stromsparender Mikroelektronik.
    Innovationsstau in der Chemie
    Anders als die optische und die Halbleiterindustrie ist die ostdeutsche Chemieindustrie nur spärlich mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen gesegnet. Zwar hat die Branche wieder Fuß gefasst in und um die alten Standorte Bitterfeld, Leuna, Schkopau, Freiberg. Fachwissen haben die Menschen in der Region, und an Schornsteinen stören sie sich auch nicht. Die Entscheidung, nach der Wende eine neue Großraffinerie in Leuna anzusiedeln, hat eine mittelständisch geprägte Unternehmenslandschaft entstehen lassen, auch große Firmen wie BASF Schwarzheide sind aus dem alten Bestand hervorgegangen. Doch gerade die Kleinen investieren wenig in Forschung und Entwicklung – Prozesse in der Chemie zu etablieren ist teuer. Den Innovationsmangel zu beheben, sehen die Macher des Clusters Chemiekunststoffe als ihre wichtigste Aufgabe: Die Fraunhofer-Gesellschaft hat ein Zentrum für Polymerforschung eingerichtet, in Halle und Potsdam führt sie zwei Chemieinstitute der DDR-Akademie der Wissenschaften fort. In Leuna entsteht ein Biotechnologieforschungszentrum. Die Hochschulen Ilmenau, Schmalkalden und Merseburg bekommen neue Studiengänge, die berühmte Bergbauakademie Freiberg ein Energieforschungszentrum.
    Georg Dahm

    Gerade das verarbeitende Gewerbe hat, nach dem Bauboom der ersten Jahre, enorm zugelegt. Fanden Anfang der 90er nur noch 3,5 Prozent der deutschen Industrieproduktion im Osten statt, sind es heute knapp zehn Prozent. Auch die Zahl der Jobs in der Industrie steigt seit der Jahrtausendwende deutlich. “Die Re-Industrialisierung in Ostdeutschland ist sehr erfolgreich”, bilanziert Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Und doch findet der Aufbau Ost meist im Verborgenen statt. Während die Öffentlichkeit auf die Hightechwerke der Konzerne starrt, auf die Chipindustrie in Dresden, auf Autofabriken in Leipzig, Zwickau oder Eisenach, ist eine neue mittelständische Unternehmerschaft entstanden. Leise, unspektakulär – aber zunehmend erfolgreich.

    Die Fahndung nach den blühenden Landschaften, einst von Kanzler Kohl vollmundig versprochen, hat den Blick auf die vielen Erfolgsgeschichten verdeckt, die sich in den vergangenen Jahren in Ostdeutschland abgespielt haben: von Menschen, die – von der Planwirtschaft befreit – endlich selbst agieren konnten. “Der Zusammenbruch der DDR war ein einziges Glück”, sagt Christian Starke, Gesellschafter des Dresdner Arzneimittelherstellers Apogepha. Das Familienunternehmen wurde vom Staat jahrzehntelang gegängelt, enteignet, fusioniert. “Nach der Wende waren wir endlich in der Lage zu zeigen, dass wir Leistung bringen können.”

    Nie zuvor in der deutschen Geschichte gab es einen Zeitpunkt, an dem die Menschen von einem Tag auf den anderen so unvorbereitet in ein neues Leben gestoßen wurden – nach 40 Jahren sozialistischer Abschottung. “Man hatte nichts zu verlieren”, sagt Dagmar Caruso, 48, die 1990 in Leipzig ein Abbruchunternehmen aufbaute, Caruso Umweltservice. “Die einen machten eine Videothek auf, manche verkauften Computer, andere handelten auf Märkten. Überall bewegte sich etwas.”

    Und doch stürzten Hunderttausende in die Arbeitslosigkeit. “Das war ein verdammt hartes Brot”, erinnert sich Wolfgang Mothes. Der promovierte Chemiker hatte im Leipziger Labor des Kombinats Metallaufbereitung jahrelang Material analysiert, bis die neuen Herren aus Duisburg von Thyssen das Labor auflösten. “Wir hatten damals die Wahl, auf der Straße zu stehen oder uns etwas Eigenes zu überlegen.” Eines Tages erhält er einen Anruf vom Institut für Spezialtechnik, einer früheren Unterabteilung des Ministeriums für Staatssicherheit. “Wir haben ein Problem”, sagt der Mann.

    Bis zu sechs Milliarden Schuss Schützenwaffenmunition lagern noch in den Kammern der Nationalen Volksarmee, die braucht die Bundeswehr nicht. Wie lässt sich die Munition zerlegen? Das Zündhütchen enthält hochgiftiges Quecksilberfulminat. Ostdeutsche Betriebe winken ab, selbst große Westkonzerne wie Krauss-Maffei wollen mit dem explosiven Gut nichts zu tun haben. “Ihr müsst euch etwas einfallen lassen.”

    Zusammen mit einem Kollegen entwickelt Mothes ein chemisches Verfahren, mit dem sich der Sprengstoff in metallisches Quecksilber verwandeln und zurückgewinnen lässt. Er wälzt Bücher, liest nach, wie man eine GmbH gründet. Und braucht Geld. Ein Geschäftspartner aus dem Westen, der Analysegeräte verkauft, vermittelt ihm einen Termin in der Chemnitzer Filiale der Deutschen Bank. “Wir brauchen 50.000 D-Mark als Startkapital”, sagt Mothes. “Was haben Sie denn an Sicherheiten?” “Eine Mietwohnung, einen Trabant und ein Los in der Fernsehlotterie.” Der Sarkasmus kommt nicht gut an, Mothes wird rausgeschmissen. Sein Recyclingauftrag, immerhin über 15 Millionen D-Mark, zählt nicht.

    Es ist der westdeutsche Unternehmer, der ihm den Start ermöglicht – mit Geld aus der Privatschatulle, ohne Gegenleistung. “Es war reine Vertrauenssache, er wollte etwas im Osten bewegen.” Know-how trifft auf Kapital; oft ist es diese Kombination, die in jener Zeit Neues entstehen lässt. “Ansonsten hätten wir die Firma nicht starten können.”

    Es sind Szenen, die sich Anfang der 90er-Jahre tausendfach wiederholen. Fördergelder fließen schnell, doch wer durchs Raster fällt und einen Kredit will, braucht Sicherheiten – die im Osten selten vorhanden sind. “Wir waren armselige Schlucker, die keinen Pfennig in der Tasche hatten”, sagt Elmar Faber, der als Chef des Aufbau-Verlags noch zu den Privilegierten in der DDR gehörte. Als er nach der Wende mit seinem Sohn einen neuen Verlag gründen will, Faber & Faber, blitzt er bei den Banken ab. Zwölf Institute sucht sein Sohn 1990 auf – vergeblich. “Wenn man keine Freunde hatte in der Bundesrepublik, stand man auf ziemlich aussichtsloser Position.” Elmar Faber gewinnt Ulrich Wechsler, bis 1989 Vorstand im Medienkonzern Bertelsmann, als Unterstützer. Der Manager übernimmt eine Minderheitsbeteiligung.

    Kein Kapital im Marx-Land

    Im Mangel an Kapital sieht Faber einen Kardinalfehler der Einheit: “Die Mittelschicht hatte so keine Möglichkeit, in ausreichender Weise zu entstehen.” Natürlich seien die Banken nach der Wende vorsichtig gewesen, sagt Ökonom Karl-Heinz Paqué von der Uni Magdeburg, der von 2002 bis 2006 Finanzminister des Landes Sachsen-Anhalt war. “Volkswirtschaftlich gab es aber keinen dramatischen Engpass: Es gab viele Fördergelder. Und die Unternehmen, die ein gutes Konzept hatten, kamen auch durch.”

    Trotz der Förderungen und Kredite mangelte es an eigenen Mitteln – auch nach dem Zusammenbruch der Staatswirtschaft. “Unternehmen durften ja in der DDR keine Reserven bilden”, sagt Unternehmer Christian Starke. Dabei fand sich der Arzneimittelhersteller noch in einer glücklichen Lage. Immerhin lagerten Anfang 1990 in den Hallen Rohstoffe und Verpackungsmaterial.

    Auch 20 Jahre nach der Wende verfügen die wenigsten Unternehmen über eine gesunde Kapitaldecke. 40 Jahre DDR haben Spuren hinterlassen. “Das ist der Flurschaden des Sozialismus: Die Vermögen sind zerstört worden”, sagt Ökonom Paqué. “Die Unternehmen brauchen ein oder zwei Generationen, bis sie wieder eine gute Grundlage haben.” Noch immer sind die Firmen in der Aufbauphase – da bleibt wenig übrig, wie die Erhebungen zum Erbschaftsteueraufkommen zeigen (siehe Seite 19). Die neuen Bundesländer liegen abgeschlagen am Ende.

    Vorteile bei den Banken hat in den Anfangsjahren, wer aus dem Westen kommt, mit einem respektablen Lebenslauf, Kapital und Kontakten. So wie Georg Prinz zur Lippe, der 1990 einen Geschäftsführerjob in München aufgibt, um in Sachsen ein Weingut zu übernehmen – und eine alte Familientradition aufleben zu lassen: Das Areal hatte einst seinen Eltern gehört, bis sie nach dem Krieg aus der sowjetisch besetzten Zone vertrieben wurden. Sein Vater verliert Hab und Gut, verbringt Jahre im Zuchthaus und baut sich im Nachkriegsdeutschland mühsam eine neue Existenz auf.

    Misstrauen und Drohungen

    Der junge Adelige muss als gewiefter, gut bezahlter Manager nach der Wende nicht um Kapital kämpfen, er kann mit den Banken umgehen. Er muss eine Hürde nehmen, an der viele Westdeutsche damals scheitern: Sein Erfolg hängt daran, ob es ihm gelingt, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Keine leichte Aufgabe in einer Zeit, in der Glücksritter aus dem Westen unterwegs und Vermögensfragen ungeklärt sind. Es kursiert die Angst, jemand könne alte Ansprüche anmelden, “der Prinz” zum Beispiel, wie der Münchner bald genannt wird.

    Flurschaden des Sozialismus
    Unternehmer hatten es nach dem Krieg schwer in Ostdeutschland: Sowjetische Besatzer demontierten Industrieanlagen, das DDR-Regime verteufelte privates Eigentum.
    1952: Schikanen
    Anfangs bewegt sich die Politik gegenüber dem Privatsektor zwischen Ideologie und Pragmatismus. Er soll zurückgedrängt werden, wird aber wirtschaftlich dringend benötigt. Nach dem Beschluss des Politbüros unter Walter Ulbricht geht der Staat 1952 stärker gegen private Unternehmer vor. Firmen leiden aufgrund hoher Steuern unter Kapitalmangel. Statt Kredite zu vergeben, beteiligt sich die Staatsbank.
    1972: Enteignungen
    Der Ministerrat beschließt, alle Industriebetriebe, Bauunternehmen und Produktionsgenossenschaften des Handwerks in Volkseigentum umzuwandeln. Besonders betroffen sind Mittelständler mit alter Familientradition. Die Besitzer erhalten eine geringe Entschädigung, die zudem versteuert werden muss. Insgesamt werden so rund 11.000 neue volkseigene Betriebe gegründet. 1987 sind noch ganze 4,6 Prozent aller Firmen in privater Hand, meist Kleinstbetriebe im Einzelhandel, Handwerk und in der Gastronomie.
    1989/1990: Neustart
    1982 wird die erste massive Zahlungsbilanzkrise durch den sogenannten Strauß-Kredit überbrückt. Im Herbst 1989 liegt die Verschuldung bei 49 Milliarden Valutamark (26,5 Milliarden Dollar), die Produktivität der DDR bei einem Drittel im Vergleich zur BRD. Bereits kurz nach dem Mauerfall werden Restriktionen gegenüber Privatunternehmern teilweise aufgehoben. Sie dürfen wieder mehr als zehn Mitarbeiter beschäftigen, ab März 1990 gibt es erstmals volle Handelsfreiheit für Selbstständige, Kauf und Verkauf von Rohstoffen und Gütern werden nicht mehr staatlich reguliert. Allein 1990 stellt die BRD 3,1 Milliarden D-Mark Kredite für Unternehmensgründungen im Osten zur Verfügung. Die Treuhandanstalt wandelt das Staatseigentum in Privateigentum um, fast 8000 Betriebe werden in den 90er-Jahren privatisiert, saniert oder stillgelegt.
    Anita Krüger

    “Tach! Da sind Sie ja, auf Sie haben wir schon lange gewartet”, ruft ein Mann Lippe zu, als er am letzten Tag seiner Tour zu den alten Wirkungsstätten seiner Familie Schloss Proschwitz erreicht. Der Mann hat seinen Trabi stark abgebremst, steigt aus. “Sie sind der Prinz, nicht wahr?” “Ja, woher wissen Sie das?” “Sie waren erst unten bei der Minol, da haben Sie getankt, richtig?” “Ja.” “Dann waren Sie bei der Post, haben zwei Briefe aufgegeben.” “Richtig.” “Und jetzt waren Sie eben bei uns im Konsum und haben zwei Würstchen gekauft.” “Woher wissen Sie das?” “Na ja, ich bin der stellvertretende Chef der LPG hier.”

    Die Dorfbewohner haben sich alles genau überlegt. Die Landwirtschaft ist schon verteilt. “Aber über Weinbau können wir reden.” Das ist Lippes Chance. Er kann keinen Anspruch aus der Zeit der sowjetischen Besatzung einklagen, er muss sich auf ein Geschäft einlassen. Schnell ist er sich handelseinig, übernimmt die Brigade 56 der LPG Wilhelm Pieck samt Technik und Rebanlage.

    Und doch schlägt dem neuen Herrn Misstrauen entgegen. Lippe erhält anonyme Anrufe. “Wir brauchen keine Prinzen! Die haben wir hier in Sachsen ausgerottet!” Und: “Gucken Sie mal unter Ihr Auto! Mal funktionieren Bremsen, mal nicht.” Seine Reifen werden zerstochen. Anfangs, als er noch auf einem Feldbett in der Weinbergshütte übernachtet, hat er stets eine Schrotflinte dabei. “Damals hatte ich wirklich Angst.” Erst als Lippe von sich aus auf Grundstücke verzichtet, ohne dass die Rechtslage geklärt ist, gewinnt er das Vertrauen der Menschen. Er investiert, kauft Parzellen auf, übernimmt das Schloss – und verschafft dem Weingut wieder Renommee.

    Auch in der Stadt werden neue Gesichter misstrauisch beäugt. “Ich war der erste Ausländer, der nach Karl-Marx-Stadt gezogen ist”, sagt der Schwede Gunnar Grosse. Im Januar 1991 startet er in der Stadt, die seit der Wende wieder ihren alten Namen Chemnitz trägt. “Die Frauen, die hier arbeiteten, kamen und musterten mich: Wie sieht der denn aus, der hierherzieht? Aus Schweden noch dazu. Ich war wirklich ein Exot.”

    Für den Schweden mit den deutschen Vorfahren steht fest: “Hier öffnet sich der größte Markt der Welt: Ostdeutschland und Osteuropa.” Grosse gibt mit 50 Jahren seinen gut bezahlten Vorstandsposten bei einer schwedischen Versicherungsgesellschaft auf und zieht auf den Bauernhof bei Chemnitz, auf dem sein Vater aufgewachsen war. “Das war ein schwarzes Loch. Es hat reingeregnet, der Brunnen war voller Asche, weil mit Kohle gefeuert wurde. Es gab Kaltwasser und ein Trockenklo, noch Jahre später roch es danach; das steckte im Holz drin.”

    Grosse importiert zunächst Dachblech, verstaut 30 Paletten Handsägen des schwedischen Militärs in seiner Scheune und tauscht sie gegen Wein, handelt mit Computern, Faxgeräten, Reis und Nudeln. Und doch gelingen ihm nur kleine Deals. Bei den Banken blitzt er ab, der Bürgermeister hält ihn hin, Rumänen hauen ihn übers Ohr. “Ich habe erst nach Jahren verstanden, wie die Netzwerke funktionieren”, sagt Grosse.

    Doch er beißt sich durch, verkauft für Ericsson erste Mobiltelefone, lernt zwei Ostdeutsche kennen und gründet mit ihnen 1992 Komsa, Kommunikation Sachsen: mit knapp 700 Millionen Euro Umsatz und 1200 Mitarbeitern heute eines der größten Unternehmen Ostdeutschlands. “Ein Telefon bedeutete damals den Zugang zur Welt”, sagt Grosse. “Wer ein Telefon hatte, war im Business.”

    Es ist die Zeit, in der alles neu geordnet wird, Investoren auf den Markt drängen und die Ostdeutschen ihren neuen Platz suchen. Jetzt kommt es auf die eigene Initiative an.

    Die Macht der Stasi

    In den großen Kombinaten toben noch Machtkämpfe. Christian Starke, der bereits in den 60ern in das Pharmaunternehmen seines Vaters einsteigt, die Enteignung miterlebt und sich auf einen Forschungsposten zurückzieht, wird im Frühjahr 1990 in die Gewerkschaftsleitung des Kombinats Sächsisches Serumwerk gewählt. Im Nu erscheinen anonyme Aufrufe am Schwarzen Brett: “Arbeiter, ihr habt den Wolf im Schafspelz gewählt! Der hat einen Westbruder, der nur darauf wartet, seinen Betrieb zurückzubekommen!” Die Belegschaft lässt sich nicht beirren und gibt Starke den Auftrag, den stalinistischen Betriebsdirektor abzusetzen. Nach nur vier Wochen tauscht das Ministerium den Chef erneut aus – gegen einen Stasimann. Ein typischer Fall. “Es war ein Vakuum”, sagt Starke. “Von den guten Leuten traute sich keiner die Posten zu, dann stiegen die Genossen wieder ein und mussten mühsam wieder entfernt werden.”

    Apogepha, das sich kurz darauf aus dem Kombinat löst, kommt zugute, dass die Ärzte an den bekannten Medikamenten festhalten. “Dass die Jugendlichen keine MZ mehr fahren wollten aus Zschopau, sondern eine Yamaha oder Honda, ist doch logisch. Aber die Ärzte wussten ganz genau, dass es töricht gewesen wäre, einfach auf Westmedikamente umzusteigen.” Im Juni 1990, wenige Wochen vor der Währungsunion, treffen die ersten Bestellungen westdeutscher Großhändler ein – es kann losgehen. Mittlerweile liefern die Dresdner ihre Urologie-Arzneien nach Japan, Großbritannien, in die Türkei und künftig nach China. Starke hat sich inzwischen auf den Posten des Gesellschafters zurückgezogen und die Geschäftsführung seiner Tochter Henriette übertragen.

    20 Jahre nach der Wende setzt das Familienunternehmen, das mitten in Dresden in der Kyffhäuserstraße angesiedelt ist, mit seinen 168 Beschäftigten etwa 37 Millionen Euro um – ein kleiner Player in der Pharmabranche, aber für ostdeutsche Verhältnisse schon relativ groß. 43 Prozent des Umsatzes in den neuen Ländern stammen von Unternehmen, die bis zu fünf Millionen Euro umsetzen – im Westen ist der Anteil halb so groß.

    Was fehlt, sind große Konzernzentralen. Für Ökonom Blum ein strukturelles Problem und die “zentrale Wachstums- und Wohlstandsbremse der neuen Bundesländer”. Von den 100 größten Unternehmen in Ostdeutschland haben nur eine Handvoll ihre Zentrale dort, dabei werden in Führungspositionen 30 Prozent der Wertschöpfung erbracht: von Personal, das höhere Gehälter bezieht und die Kaufkraft in der Region stärkt.

    Ein Wandel ist nicht in Sicht, im Gegenteil. In der Krise drohen weitere Zentralen verloren zu gehen. Der weltgrößte Autozulieferer Bosch schluckte 2008 den Erfurter Solarzellenhersteller Ersol – mit 800 Mitarbeitern und einem Umsatz von 160 Millionen Euro. Jetzt versuchen die Stuttgarter, den Modulhersteller Aleo Solar aus dem brandenburgischen Prenzlau zu übernehmen. Und auch PC-Ware droht ein Bedeutungsverlust, nach dem Einstieg des größten Rechenzentrumsbetreibers Österreichs, Raiffeisen Informatik.

    Gründer Löschke verließ im Sommer das Unternehmen wegen “unterschiedlicher Auffassungen hinsichtlich der strategischen Ausrichtung”. 170 Mitarbeiter wurden kurz darauf entlassen, der Sponsoringvertrag mit dem Gewandhaus nicht verlängert. Allmählich dämmert den Mitarbeitern, dass die Fäden künftig in Wien gezogen werden, nicht mehr in Leipzig. Auch Solarzellenhersteller Q-Cells aus Bitterfeld steht unter Druck – und gilt als Übernahmekandidat.

    “Die entscheidende Frage wird sein”, so Blum, “ob die Ostdeutschen es hinkriegen, den Ausverkauf der guten Unternehmen zu verhindern, die gerade dabei sind, im Ausland zu investieren.” Denn die haben die höchste Produktivität. Die Gewinnlage der Unternehmen ist aufgrund der günstigen Lohnstückkosten inzwischen zum Teil besser als im Westen; der Lohnunterschied beträgt bis zu 30 Prozent. Doch auf Dauer kann sich Ostdeutschland nicht leisten, eine “verlängerte Werkbank” zu sein.

    Geld für schlaue Köpfe

    Den Schlüssel zum Erfolg sehen Experten in neuer Technologie, dort holt der Osten schnell auf. Beispiel Freiberg, das 40.000-Einwohner-Städtchen im nördlichen Erzgebirge. Auf fast 500 Höhenmetern, neben dem Bergwerk Reiche Zeche, hat Bernd Meyer, der Rektor der TU Bergakademie, sein Institutsbüro. Nirgendwo in Ostdeutschland werben Professoren pro Kopf so viel Drittmittel ein wie in Freiberg, im Schnitt 360.000 Euro jedes Jahr. Vom Turm des Instituts für Energieverfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen, den man über eine steile Treppe erklimmt, fällt der Blick auf die Unternehmen, die in den vergangenen Jahren die Nähe zu den Forschern gesucht und sich hier angesiedelt haben: auf Siemens, Deutsche Solar, Wacker Siltronic, Choren oder Freiberger Compound Materials.

    Zu DDR-Zeiten, 1956, wurde hier das Brennstoffinstitut gegründet, das die Gewinnung und Veredlung von Kohle, Gas und anderen Brennstoffen erforschte. Einer der wissenschaftlichen Mitarbeiter in den späten 70er- und 80er-Jahren: Bernd Meyer. Von der sogenannten Geheimforschung, damals K10 genannt, wird er ausgeschlossen. Er gilt als “nicht vertrauenswürdig”, weil er kirchlich gebunden ist und Kontakt zu seiner Tante in Wuppertal hält. Westverwandtschaft!

    Nach langen Gesprächen mit seiner Frau und den beiden Kindern – sie sind damals zwölf und 14 Jahre alt – stellt er am 1. März 1988 einen Ausreiseantrag. “Das war ungefähr so, als würde man sich schon mal vor dem Zuchthaus anstellen. Man wusste nicht, was passiert.” Der Sicherheitsdienst bestellt ihn ein, er wird verhört, beschattet. “Das war eine außerordentlich schwere Zeit.” Ein Jahr später, am 22. April 1989, wird der Wissenschaftler offiziell aus der DDR-Staatsbürgerschaft entlassen – und abgeschoben. Im Auffanglager in Siegen interessiert sich der Bundesgrenzschutz für ihn. Wie weit, fragen sie ihn hinter verschlossenen Stahltüren, ist die Technologieentwicklung im Osten wirklich?

    Alte Ingenieurskunst

    20 Jahre nach Mauerfall und Wende hat das Brennstoffzentrum wieder 1000 Mitarbeiter, Konzerne wie Siemens oder Shell haben investiert, und Meyer ist, nach einigen Jahren bei Rheinbraun, in seine Heimat zurückgekehrt. “Die Unternehmen haben sich hier neu aufgestellt und sind wieder international konkurrenzfähig.” Von einstiger Größe sind sie aber weit entfernt. Beschäftigten die großen Anlagenbauer zu DDR-Zeiten ein paar Tausend Mitarbeiter, haben sie heute ein Zehntel der Kapazitäten. “Das bewegt sich jetzt langsam wieder nach oben, weil die Unternehmen ihre Nische gefunden und ihre Beziehungen zu den früheren Ostblockländern auch jetzt noch Gewicht haben.”

    Ostdeutschlandstudie
    “Die Nachfolge ist oft nicht geregelt”
    Christoph Achenbach, geschäftsführender Gesellschafter der Intes Akademie für Familienunternehmen, hat zusammen mit impulse eine Studie zur Situation ostdeutscher Familienunternehmen initiiert.
    Wie war die Resonanz auf die Befragung?
    Es gibt viele Studien zu Europa und Westdeutschland, aber kaum Daten zu Familienunternehmen in Ostdeutschland. Wir haben dort 2500 Unternehmer angeschrieben. Mehr als fünf Prozent haben einen doppelseitigen Bogen mit fast 40 Fragen ausgefüllt. Auch wenn die Ergebnisse in ihrer Gesamtheit nicht repräsentativ sind, geben sie aber einen sehr guten Einblick in die Unternehmenslandschaft und zeigen, was Unternehmer in Ostdeutschland bewegt.
    Was verbindet Ost und West?
    Vor allem die starke Verwurzelung in der Region. Nur zehn Prozent haben je über einen Standortwechsel nachgedacht. Die Unternehmer wollen auch in der Krise keine Stellen streichen, sie empfinden eine hohe soziale Verantwortung für ihre Mitarbeiter. Das entspricht dem Bild, das wir auch aus dem Westen kennen.
    Warum gibt es kaum Dynastien?
    Vor allem aus historischen Gründen. Viele Unternehmen wurden erst nach der Wende gegründet, werden also noch von der ersten oder zweiten Generation geführt und haben nur einen oder zwei Gesellschafter.
    Wie wird die Nachfolge geregelt?
    Jedes zweite Unternehmen will dies familienintern regeln, bei fast einem Drittel allerdings ist die Nachfolge noch unklar beziehungsweise ungeregelt.
    Das ist eine hohe Zahl.
    Ja, vor allem, wenn man bedenkt, dass viele Unternehmer schon 50 Jahre oder älter sind. Eine unklare Nachfolge kann für viele Unternehmen zu einem Problem werden. Die Nachfolge wird deshalb eines der zentralen Themen in den kommenden Jahren sein.
    Was hat für die Unternehmen Priorität?
    An erster Stelle steht sicherlich die strategische Ausrichtung hin zu ertragreichem Wachstum. Und das Potenzial ist groß, wenn man sieht, wie niedrig die Exportquote derzeit noch ist.
    Interview: Nikolaus Förster

    Die Tradition hervorragender Ingenieure in Ostdeutschland sei bis heute intakt, sagt Alfred Jugel, der zu DDR-Zeiten für Robotron und nach der Wende zehn Jahre lang als Vorstandschef von Dräger Safety in Lübeck arbeitete. Und doch ließ sich das Potenzial erst nach dem Mauerfall nutzen. “Die Wende brachte die konvertierbare Währung und damit erstmalig die Chance, weltweit auf Leistungen zuzugreifen.” Erstmals floss Geld. Das eröffnete die Chance, den technologischen Rückstand in vielen Bereichen aufzuholen.

    Über Jahrzehnte hinweg waren die Entwickler abgeschottet und nur wenige Produkte wettbewerbsfähig. Inzwischen kann sich die Industrie gut behaupten. Gemessen an neuen Produkten sind die Ostdeutschen in der chemischen Industrie, der Elektrotechnik und bei Gummi und Kunststoffen am innovativsten – und haben den Westen in manchen Bereichen mittlerweile abgehängt.

    Mit ihrem dichten Firmenverbund gilt die Region Freiberg heute als eines der Aushängeschilder im Osten, so wie auch Jena (Optik), Dresden (Mikroelektronik), Chemnitz und Magdeburg (Maschinenbau) oder Bitterfeld (Fotovoltaik), jene Stadt in Sachsen-Anhalt, die die Schriftstellerin Monika Maron 1981 als “schmutzigste Stadt Europas” beschrieb.

    Nach der Stilllegung der großen Industriebetriebe 1990 wurde das Areal zu einer gespenstischen Brache. Erst vor zehn Jahren gelang eine Wiederbelebung als Chemiepark Bitterfeld. 360 Unternehmen haben sich dort inzwischen angesiedelt, darunter Konzerne wie Degussa, Linde oder Akzo Nobel, aber auch jüngere Feinchemikalienhersteller, Maschinenbauer sowie Q-Cells. Allein die Solarindustrie hat über 3000 Arbeitsplätze geschaffen.

    Es ist wohl kein Zufall, dass es gerade Jürgen Preiss-Daimler ist, der das 12.000-Hektar-Areal saniert und dem symbolträchtigen Ort zu neuem Leben verholfen hat. Wie kaum ein anderer kennt er beide Seiten, Ost und West. Ursprünglich Bauunternehmer aus dem westfälischen Minden, übernimmt er seit 1976 auch Aufträge in der DDR und erhält, weil er oft vor Ort ist, wie andere Gastarbeiter gar einen Ausweis. “Ich habe zunächst ein Schlafzimmer gekriegt”, erinnert sich der 70-Jährige, “später eine Drei-Raum-Wohnung.” Als die Mauer fällt, ist er zur Stelle, gründet im Januar 1990 eine der ersten GmbHs der DDR – und baut seine Kontakte weiter aus. “Ich hatte den Vorteil, die Mentalität der Ostdeutschen in den 13 Jahren vor der Wende kennengelernt zu haben.”

    Es ist eine Gratwanderung: Ende der 70er schmuggeln Mitarbeiter von Preiss-Daimler sechs Frauen und zwei Kinder mit dem Pkw über die Interzonenautobahn heraus. Als sie die Grenze passiert haben, fliegt der Coup auf. Der westdeutsche Bauunternehmer muss der Stasi eidesstattlich versichern, dass er nichts damit zu tun hat. Jahre später kommt es erneut zum Eklat. Binnen 24 Stunden muss er seine 65 Mitarbeiter von einer Baustelle in Eisenhüttenstadt abziehen. Weil einer von ihnen sich mit einer jungen Frau eingelassen hat – der Tochter eines Stasi-Offiziers.

    Preiss-Daimlers Gruppe, die vor allem Glasfaser und feuerfestes Material herstellt, beschäftigt inzwischen 6700 Mitarbeiter weltweit, seine Materialien stecken im Airbus und in Ariane-Raketen. Jetzt soll er für die Pferderennbahn in Dubai 45.000 Quadratmeter Glasfaser liefern, in Gold. Zwei Drittel seines Umsatzes von mehr als 700 Millionen Euro erwirtschaftet er jedoch in Ostdeutschland.

    “Wir haben hier keine Fluktuation”, beschreibt er den Vorteil des Standorts, “die Mitarbeiter identifizieren sich mit der Firma. Und wenn der Chef sagt, am Samstag muss gearbeitet werden, gehen sie zur Arbeit.” Die Gewerkschaften haben nach wie vor einen schweren Stand – wohl auch deshalb, weil sie zu DDR-Zeiten als Organisationen der Partei nie die Interessen der Mitarbeiter vertraten.

    Ihr größtes Debakel erlebten sie beim Versuch, im Osten die 35-Stunden-Woche einzuführen. Die Arbeiter verweigerten den Funktionären die Gefolgschaft, der Streik musste abgebrochen werden. 2008 war nur jeder fünfte ostdeutsche Betrieb an Branchentarifverträge gebunden. Auch die Arbeitgeberverbände sind schwach vertreten. Ökonom Paqué spricht von einer “Amerikanisierung des Arbeitsmarkts”.

    Geringere Löhne, größere Flexibilität, eine starke regionale Verwurzelung und ein Mittelstand, der weiter wächst. Die Transferzahlungen an Rentner und Sozialsysteme sind weiterhin groß, doch die Wirtschaft wird nicht stärker subventioniert als Regionen im Westen. 20 Jahre nach dem Mauerfall hat sich Ostdeutschland stabilisiert, ist aus dem “Aufbau Ost” eine “Werkstatt Ost” geworden.

    Der Trabi-Trick

    Die erfolgreichen Firmenchefs aus dem Osten sind längst im Westen angekommen – so wie Abbruchunternehmerin Dagmar Caruso, die nach der Wende einen Plattenbau nach dem anderen dem Boden gleichmachte. Gerade erst hat sie das Bayer-Hochhaus in Leverkusen vollständig entkernt: 31 Etagen, 10.000 Tonnen Schutt, zwei Jahre Arbeit. Der größte Auftrag, den die Sächsin je ergattert hat. Das Know-how, das sie sich im Osten angeeignet hat, kann sie jetzt im Westen ausspielen. Zurzeit arbeiten ihre 40 Mitarbeiter auf Baustellen in Bremen, Köln, Gummersbach, Erlangen – und in Ostdeutschland.

    Mit ihren westdeutschen Konkurrenten kann sie gut mithalten. Und notfalls bemüht sie einfach die alten DDR-Klischees: “Wenn ich Auftraggeber habe, die schlecht zahlen und den Preis runterhandeln wollen, fahre ich mit dem Trabi vor.”

    • Quelle: impulse
    • Copyright: impulse
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